Immobilienboom in deutschen Großstädten Zu teuer, um wahr zu sein
In vielen großen deutschen Städten gibt es einen gemeinsam Trend: Immobilien werden immer teurer. Und auch die Mieten steigen und steigen. Ein Paradebeispiel dafür ist München – mit der Folge: Selbst für Gutverdiener ist die bayerische Landeshauptstadt mittlerweile kaum mehr bezahlbar. report MÜNCHEN über den Wandel einer Stadt.
München. Die Stadt der vermeintlich Schönen und vor allem der Reichen. In der bayerischen Landeshauptstadt lässt `s sich gut aushalten – wenn man das notwendige Geld hat. Denn München ist teuer, vor allem zum Leben. Nirgendwo in Deutschland sind die Immobilienpreise und Mieten so hoch wie hier. Sogar für Schrottimmobilien.
„165.000 Euro zum Dritten.“
Wir sind im Amtsgericht München bei einer Zwangsversteigerung. Der Andrang ist groß – viele Menschen hoffen, hier etwas Bezahlbares zu finden.
Umfrage:
„Es ist einfach wahnsinnig schwierig, finde ich mittlerweile, wirklich was zu finden, wo man sagt, das kann man sich überhaupt als Privatmann überhaupt selber noch leisten.“
„Jetzt habe ich lange recherchiert am Münchner Markt und hab gemerkt, das geht einfach nicht.“
„Da hängen zu viele Makler, momentan ist dieser ganze Immobilienmarkt überhitzt.“
Dementsprechend auch die Ergebnisse: Fast immer wird inzwischen der vom Gutachter ermittelte Verkehrswert überschritten.
Annette Kramny, Amtsgericht München: „Wir sitzen ja auch oft zu zweit oder zu dritt im Termin, und dann, dann stößt man sich schon mal an und sagt: Ja, sag mal, das gibt`s doch nicht. Ist da Gold vergraben oder sind irgendwelche Diamanten versteckt.“
Heute geht es um diese Wohnung im eher einfachen Stadtteil Giesing. Im Gegensatz zu den Bietern durfte report MÜNCHEN die Wohnung vorher ansehen. Durchgerostete Heizungsrohre, defekte Elektrik, Schimmel und vor allem: sehr, sehr laut! Der Verkehrswert. 140.000 Euro – inklusive Stellplatz. Das Ergebnis:
Annette Kramny, Amtsgericht München: „165.000 Euro, geboten zum ersten, zum zweiten, 165.000 Euro zum dritten.“
So eine Wohnung würden die Leopolds niemals kaufen. Wir besuchen die Familie in ihrer Altbau-Wohnung im Zentrum der Stadt. 115 Quadratmeter kosten hier rund 1.600 Euro Miete im Monat. Ein ganz normaler Preis in München. Für die Leopolds heißt das: Obwohl beide Elternteile eine gute Ausbildung und auch gute Jobs haben – das meiste Geld geht für die Miete drauf.
Christian Leopold, Mieter: „Unser Luxus ist die Wohnung und das haben wir entschieden. Wir haben entsprechend unser sonstiges Leben darum arrangiert.“
Der unerreichbare Traum: eine Wohnung kaufen. Doch das könnten die Leopolds – wie die meisten Münchner – erst recht nicht finanzieren.
Christian Leopold, Mieter: „Naja, die niedrigen Zinsen verlocken natürlich und wir schauen auch immer wieder mal. Aber es ist einfach unrealistisch: Also 500.000 bis 600.000 aufzuwenden – mit dem ganzen Startkapital, das man da braucht, also das klappt so nicht.“
Doch an Interessenten mangelt es in München trotzdem nicht. Wir treffen Immobilienmakler Thomas Aigner, der uns eine besonders begehrte Wohnung zeigt: 220 Quadratmeter – im 4. und 5. Stock. Ohne Aufzug – dafür mit Dachterrasse und mit Blick über die ganze Stadt. Innerhalb kürzester Zeit war das Objekt verkauft – für 1,6 Millionen Euro.
Thomas Aigner, Immobilienmakler: „Derzeit sind solche Objekte natürlich sehr, sehr nachgefragt und so gesehen, verkaufen wir diese Wohnungen gar nicht öffentlich, sondern bieten sie nur unseren vorgemerkten Kunden an.“
Kein Wunder, dass bei dieser enormen Nachfrage auch immer mehr Altbestand luxussaniert wird. Ganze Stadtviertel haben sich dadurch stark verändert. Beispiel: Haidhausen. Bis in die achtziger Jahre galt Haidhausen als Studenten- und alternatives Szeneviertel. Erst allmählich wurde Haus für Haus saniert und immer teurer weiterverkauft. Heute sind die einst eher einfachen Wohnungen und Häuser für Normalsterbliche meist unbezahlbar. Allein im letzten Jahr sind in München die Immobilienpreise um durchschnittlich bis zu zehn Prozent gestiegen.
Der vorläufige Höhepunkt: „The Seven!“ Ein ehemaliges Heizkraftwerk im Gärtnerplatz-Viertel wird umgebaut zum exklusiven Luxusobjekt. Die oberste Wohnung wurde besonders schnell verkauft – für 14 Millionen Euro. Vergleichsweise bescheiden klingt dagegen der Kaufpreis für eine Wohnung drei Stockwerke tiefer, die Hotelier Dietmar Holzapfel und sein Partner gekauft haben: 5 Millionen Euro für rund 200 Quadratmeter. Als einer der wenigen spricht Holzapfel offen über den Wohnungskauf.
Dietmar Holzapfel, Hotelier: „Natürlich sehe ich das auch ein bisschen als Privileg, das ist klar. Aber das ist übrigens auch etwas, was ich allen sofort sag, bzw. die Leute sagen ´s einem selber: Geh, da bin ich einer der Ersten, der da oben mit Euch was trinken darf und den Ausblick genießen kann.“
Von so einem Luxus kann Familie Engel nur träumen. Seit über 40 Jahren lebt Handwerksmeister Jürgen Engel im gleichen Haus, fühlt sich mit seiner Familie sehr wohl. Doch obwohl auch seine Frau, eine gelernte Pädagogin, Vollzeit arbeitet, wird es immer schwerer, das Geld für die Miete aufzubringen.
Jürgen Engel, Mieter: „2005 gab es schon mal die erste große Erhöhung von 20 Prozent, nach drei Jahren, drei Jahre danach, 2008 kam dann ein neuer Käufer unserer Wohnung, unserer gesamten Wohnung und der erhöhte auch wieder um 20 Prozent natürlich. Und jetzt sind wieder drei Jahre vergangen. Jetzt ist eine neue Käuferin da, eine Frau aus Nürnberg, und die würde auch erhöhen. Also sie hat das telefonisch angedeutet, ich habe noch nichts Briefliches.“
Zur Zeit kostet die Wohnung noch rund 1.000 Euro warm – das kann die Familie gerade verkraften. Doch wenn Herr Engel in gut eineinhalb Jahren in Rente geht, steht auf einen Schlag deutlich weniger Geld zur Verfügung.
Bettina Engel, Mieterin: „Es sieht wirklich so aus, dass wir sehr wahrscheinlich dann diese Wohnung nicht mehr halten können, dass wir uns umschauen müssen, dass wir woanders hinziehen, wahrscheinlich ganz weg von München, weil es etwas Vergleichbares gar nicht gibt.“
Die Engels müssen Ihre Heimat wahrscheinlich bald verlassen. München wird für Sie einfach zu teuer.
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