Report München

Mäuse, Kot und Kakerlaken Hygienemängel in Deutschlands Backstuben

Bei der bayerischen Großbäckerei Müller-Brot stehen seit drei Wochen die Bänder still – Produktionstopp wegen mangelnder Hygiene. Keineswegs ein Einzelfall. Immer wieder entdecken Lebensmittelkontrolleure in Bäckereien ekelerregende Zustände. Nur der Verbraucher erfährt davon nichts, denn die Politik schützt meistens die Betriebe. report MÜNCHEN mit unappetitlichen Rechercheergebnissen.

Autor: Pia Dangelmayer, Ulrich Hagmann Stand: 21.02.2012

Ach wie süß, eine Berliner Maus und wie praktisch, das Futter ist gleich nebenan.

Verkäuferin im Backshop:„An der U-Bahn können Sie sie ja sehen und wenn hier keiner ist, die suchen sich halt ihren Weg, so wie halt Tiere sind.“

Und Mäuse finden ihren Weg nicht nur in den U-Bahn-Backshop.

Die Großbäckerei Müller-Brot in Bayern, hier steht seit drei Wochen alles still – Kakerlaken, verdreckte Maschinen – und auch: Mäusekot. Wegen mangelnder Hygiene wurde die Produktion gestoppt – Putzen statt Backen – die Firma ist mittlerweile insolvent.

Wir treffen einen Mitarbeiter. Er will nicht erkannt werden.

Mitarbeiter, Müller Brot:

Stimme nachgesprochen

„Das Unangenehmste also, das sind die Mäuse, weil ja die Mäuse auch zu finden sind auf der Verladerampe, wo die Ware, die offene Ware zum Teil steht.“

Mäuse direkt beim Brot – zwei ehemalige Verkäuferinnen berichten, dass diese manchmal auch den Weg in die Filialen gefunden haben.

Ehemalige Verkäuferinnen, Müller Brot: „Ich hab die Kiste bekommen, hab also mein Brot raus und unten in der Kiste war halt dann diese tote Maus.“

„Als ich mal unter der Spüle putzen wollte, habe ich in verschiedenen Verwesungsstadien Mäuschen da unten entdeckt – ich war entsetzt, so was in einer Eigenfiliale zu erleben.“

Kein Einzelfall. Diese Fotos stammen von Kontrollen in Rheinland-Pfalz und Bayern, sie wurden report MÜNCHEN zugespielt: Schwarzschimmel, verdorbene Teigreste, Schaben, tote Mäuse. Bis zu einem Drittel aller Bäcker arbeiten schlampig: das erzählen uns Lebensmittelkontrolleure in ganz Deutschland.

Doch die Verbraucher erfahren davon in der Regel nichts.

Von den Missständen bei Müller Brot weiß der zuständige Landrat seit 2009.

Waren werden zurückgeholt, Bußgelder verhängt, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet - doch die Kunden wurden bis zuletzt nicht informiert.

Wo bleibt der Verbraucherschutz, wollte vergangene Woche der Umweltausschuss im Bayerischen Landtag wissen.

Michael Schwaiger, Landrat Freising: „Wenn wir das früher gemacht hätten, dann säßen wir heute vielleicht in einem anderen Ausschuss und dann würde darüber diskutiert, warum haben wir die Arbeitsplätze aufs Spiel gesetzt. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: so eine Frage kann man nicht richtig machen in meiner Position.“

Immer wieder wird betont: Es bestand doch keine Gesundheitsgefahr.

Der Lebensmittelhygieniker Gero Beckmann sieht das anders. Im Ofen werden Krankheitserreger abgetötet. Doch die Nager kamen offensichtlich auch danach an Brot und Brezen.

Gero Beckmann, Hygieniker Institut Romeis: „Nun weiß man, dass die Mäuse vielfältige Mikroben-Taxis sind. Also von Salmonellen über Leptospiren bis zu Hantaviren können sie bis zu hundert Krankheitserreger übertragen. Es ist aus meiner Sicht eine mittelbare bis konkrete Gesundheitsgefährdung gewesen.“

Verbraucherschutz ist Ländersache. Was die derzeitige Gesetzeslage schon hergibt, zeigt Berlin Pankow. Dieser Bezirk hat ein Smiley-System. Alle Lebensmittelkontrollen werden im Internet veröffentlicht. Schlechte Betriebe bekommen eine eindeutige Kennzeichnung. Die bundesweite Einführung eines solchen Systems haben die Wirtschaftsminister der Bundesländer erst einmal blockiert. Das kann der Chef der Lebensmittelüberwachung Pankow nicht nachvollziehen.

Dr. Zengerling, Lebensmittelaufsicht Pankow, Berlin: „Warum stellen sich die Wirtschaftsminister und auch die Lobbyisten der Lebensmittelindustrie vor die schwarzen Schafe? Ein solches System schützt nämlich durchaus auch die seriös arbeitenden Betriebe. Ein seriös arbeitender Betrieb schult seine Mitarbeiter, ein seriös arbeitender Betrieb kauft teure Desinfektionsmittel, die sind nämlich teuer. Die ersetzen verschlissenes Material und wenn die Farbe anfängt abzublättern dann holen die den Maler. Das kostet Geld!“

Wir fragen in Bäckereifilialen, die besonders schlecht bewertet wurden – und wollen wissen, wo wird gebacken. Wir werden an eine Backstube verwiesen, die nicht in Pankow liegt und deswegen vom Bewertungskatalog nicht erfasst wird. Es ist nachts um halb drei, als wir klingeln.

report MÜNCHEN: „Guten Tag, Hagmann mein Name, report MÜNCHEN, dürfen wir filmen?“ 

„Ja.“

Zunächst erlaubt der Bäcker die Dreharbeiten, dann überlegt er es sich anders. Unser Eindruck: Hier ist es nicht sauber. Zutaten und Teig stehen einfach auf dem Boden.

report MÜNCHEN:  „Schönen Tag noch, tschüss.“

Fotos aus einer anderen Backstube, in der es ganz ähnlich aussieht: Wir zeigen dem Hygieniker Gero Beckmann eine Bilderstrecke aus einem Hochglanzmagazin. Der Bäcker Jochen Gaues ist berühmt: Er backt für Sterneköche, Luxushotels und belieferte sogar Bundespräsidenten.

Gero Beckmann, Hygieniker Institut Romeis: „Es muss ja auch sichergestellt werden, dass Lebensmittel unter hygienischen Bedingungen gewonnen und verarbeitet werden. Dazu gehört auch eine sachgerechte Arbeitskleidung. Also so ein verdrecktes Feinrippunterhemd ist sicherlich nicht geeignet, genauso wenig wie die offensichtliche Lagerung von Zutaten auf dem Boden. Hier besteht die große Gefahr, dass dann diese Dinge auf den Flächen wo man drauf steht, dann hinterher auf dem Backblech weiterverarbeitet werden.“

Vor einem Jahr wurde die Bäckerei Gaues in Hannover zu einem Bußgeld von 14.000 Euro verurteilt. Wegen „Inverkehrbringens von zum Verzehr ungeeigneten Lebensmitteln“ – der Fußboden war stark verschmutzt, „Schwarzschimmel“, „Brotkörbe direkt auf dem Boden neben einer Rattenköderfalle“.

Jochen Gaues ist der einzige Bäcker, der uns in seine Backstube lässt. Gaues meint, er habe aus dem Urteil gelernt – die Missstände seien abgestellt.

Den Großteil seiner Kunden, die Sterneköche, habe der Hygieneskandal ohnehin nicht gestört. Die hätten ihm gesagt....

Jochen Gaues, Bäckermeister: „Das Brot kommt doch aus dem Ofen, pasteurisiert wäre bei 68°, wir haben 300°. Hat nichts damit zu tun, dass das verkehrt war, ich ärgere mich ein bisschen drüber, aber die Fotos habe ich auch noch in den Filialen hängen, weil die natürlich sehr ästhetisch sind.“

Gaues wird bald in eine größere Bäckerei umziehen. Die Stadt Hannover hat im vergangenen Jahr insgesamt 194 Kontrollen in Bäckereien durchgeführt. Bei mehr als der Hälfte wurden Verstöße festgestellt. Nie wurde die Öffentlichkeit informiert. Keine Gesundheitsgefahr.

Zurück zu den Hauptstadtmäusen von Berlin. Wir legen uns auf die Lauer, wollen eine Maus im Backshop erwischen. Wir finden riesige Spalten für Mäuse, leckere Krümel und sehen Mäuseköder – aber keine Maus.

Unsere Kollegen in München lauern auch vor U–Bahn-Backshops und werden fündig. Frech marschiert eine Maus mitten durch die Auslage. 

Guten Appetit.

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