Report München


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Häusliche Gewalt mit Todesfolge Der Staat als hilfloser Zuschauer

Immer mehr Frauen sterben durch Gewalt in der Partnerschaft. Die Zahl der Nötigungen, Körperverletzungen und Morde an Frauen steigt laut einer neuen Statistik des BKA. Oft sind der Polizei Täter und Gewaltgeschichte bekannt – verhindern kann sie die Taten dennoch nicht, weil die Opfer oft genug frühere Anzeigen zurückziehen und aus Angst schweigen.

Von: Oliver Bendixen, Anna Tillack

Stand: 11.08.2015

Ein Junge und seine Mutter -  irgendeine Wohnung in einer Stadt irgendwo in Deutschland. Sie haben sich ein kleines Fleckchen Frieden geschaffen. Nach Jahren, in denen sie durch die Hölle gehen. Jeden Tag in den eigenen vier Wänden.

Sarah:Ich hab auch immer gedacht, das war einmal und dann passiert das nicht mehr. man redet sich das richtig ein, man manipuliert sich eigentlich selber…“

Der Ehemann der jungen Frau – nennen wir sie Sarah - übernimmt langsam die Kontrolle über ihr Leben. Er gibt ihr keinen Briefkastenschlüssel, lässt sie nicht telefonieren, verbietet ihr Freunde zu treffen. Sie und die Kinder sollen möglichst immer in seiner Sichtweite bleiben. Dann kommen die Schläge: Eines Abends, nach einer Party, dreht er durch. Er zerrt sie ins Bad:

Sarah:  „Er hat das Bad abgesperrt, hat mich am Boden hingeschleudert und hat gesagt verabschiede dich von deinem kurzen Leben, du wirst jetzt sterben, du gehst eh zur Polizei. Und vorher bring ich dich noch um.“

Immer häufiger kommen Frauen durch häusliche Gewalt zu Tode. Allein in München mehrere Fälle in kurzer Zeit:

7.5.2015: Eine 40-Jährige Spanierin wird von ihrem Mann zuhause erschlagen. Ihr zweijähriger Sohn ist zur Tatzeit auch in der Wohnung.

2.9.2014: Die Polizei entdeckt eine Leiche. Der Ehemann täuscht eine Familienreise in die Türkei vor und ermordet währenddessen seine Frau. Die Wohnungstür dichtet er ab, damit keiner den Verwesungsgeruch bemerkt. Voraus gehen zwei Anzeigen wegen häuslicher Gewalt und ein Kontaktverbot – dann zieht die Frau ihre Anzeige zurück.

14.10.2013: Opfer ist eine 29-Jährige Griechin, zwei Kinder. Der Täter lauert seiner Frau im Treppenhaus auf, ersticht sie von hinten mit einem Messer. Bereits davor droht er, sie abzustechen, zertrümmert die Einrichtung. 25 Mal geht die Frau zur Polizei, das Gericht verhängt ein Kontaktverbot. Doch niemand kann sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann schützen.

Thomas Steinkraus-Koch, Staatsanwaltschaft München I: „Wenn Sie es dann mit einem Tötungsdelikt in solchen Fällen zu tun haben, wo Sie die Entwicklung vorher in den Akten miterlebt haben, dann ist das für uns sehr unbefriedigend. Aber auf der anderen Seite müssen wir sagen uns sind die Hände gebunden, wir sind an das Gesetz gebunden. Wenn die Frau ihre frühere Aussage widerruft, wir keine anderen Beweismittel haben und wir deshalb nicht zu einer Anklage kommen können, müssen wir das Verfahren einstellen.“

Seit 2012 schlüsselt das Bundeskriminalamt Gewalttaten in Partnerschaften gesondert auf. Dabei zeigt sich: Die Zahl der weiblichen Opfer bei Körperverletzungen ist gestiegen. Ebenso die Zahl der versuchten und vollendeten und Mord- und Totschlag-Delikte. 2014 zählt das BKA 361 weibliche Opfer – ein Zuwachs um 8% seit 2012.

Wie kommt es, dass so viele Frauen sterben müssen, obwohl die Polizei ihre Gewaltgeschichte bereits kennt? Das Kommissariat für Opferschutz der Polizei München. Über 3000 Anzeigen pro Jahr nehmen die Polizisten allein hier in der Dienststelle München auf, erzählt Leiter Arno Helfrich. Die Dunkelziffer sei sogar fünf Mal so hoch, schätzt er:

Arno Helfrich, Opferschutz Polizeipräsidium München: „Es ist aus unserer Sicht natürlich immer sehr belastend solche Delikte. Weil wir die Opfer kennen, aus Beratung, aus Sachbearbeitung. Es ist aber halt sehr schwer bei einer Körperverletzung und einer gleichzeitig ausgesprochenen Nötigung oder Bedrohung ‚ich bring dich um‘, dann herauszufiltern ob das wirklich so ernst zu meinen ist oder so ernst gemeint ist vom Täter…“

Eines Tages klingelt das Telefon und Sarah meldet sich, die junge Frau mit den Gewalterfahrungen. Sie erzählt der Polizei ihre Geschichte, eine Anzeige will sie aber nicht machen. Sie fühlt sich abhängig von ihrem Mann, und sie hat Angst. Ein paar Tage später klingelt die Polizei an ihrer Haustür. Doch vor den Beamten nimmt sie ihren Mann in Schutz:

Sarah:„Dann hab ich gesagt zu den Polizisten ich glaub er tut mir jetzt nie wieder was. Das war ihm Lehre genug, dass Sie jetzt da waren und der ist jetzt so unter Schock. Und er war neben mir gestanden und hat mich so mitleidig angeschaut, da hab ich gesagt an jetzt ist es vorbei, ab heute passiert nichts mehr. Dann sind wir wieder in die Wohnung, da hat der Polizist gesagt zu mir ‚ich geb Ihnen noch 6 Wochen, dann sind Sie tot‘.“

Ein paar Tage später passiert es. Ihr Mann schlägt wieder zu, diesmal besonders brutal. Blutend rettet sie sich unter die Bettdecke. Als er im Bad ist, flüchtet Sarah aus der Wohnung:

Sarah:„Er ist auf die Toilette, dann hab ich ganz leise die Tür geöffnet, bin ganz schnell das Treppenhaus runter, bin gelaufen was ich laufen kann, das weiß ich heute noch, weil ich so Angst hatte, dass er mir hinterher rennt und wenn er mich erwischt hätte, dann hätte er mich umgebracht.“

Sarah kann ihr Leben noch retten, andere sterben. Dass die Zahl der Tötungsdelikte an Frauen steigt, hat einen Hauptgrund vermuten Experten:

Justine Glaz-Ocik, Institut Psychologie und Bedrohungsmanagement Darmstadt: „Es ist so, dass viele Tötungsdelikte an der Intimpartnerin Trennungstaten sind. Und heutzutage haben wir mehr Trennungen als vielleicht noch vor 20, 30 Jahren. Das heißt hier können wir einen Anstieg sehen, weil Betroffene sich häufiger trennen von ihren Partnern.“

Sarah holt sich Hilfe bei einer Beratungsstelle. Oberste Priorität für Leiterin Andrea Hölzel: die Frau rausholen aus ihrem lebensgefährlichen Umfeld – oft keine leichte Aufgabe

Andrea Hölzel, Weisser Ring, Hilfe für Kriminalitätsopfer: „Frauenhäuser sind immer belegt, es gibt selten Leerlauf da, man kann sich immer auf Warteliste setzen lassen… Und diese Warteliste kann drei Stunden sein oder drei Tage, manchmal auch länger.“

Doch das Warten auf einen Platz ist nicht das Schlimmste. Oft isolieren sich die betroffenen Frauen nach und nach, sind abhängig vom Gewalttäter, psychisch und finanziell. Deshalb ziehen sie ihre Anzeige zurück. Um sich aus diesem Kreislauf zu befreien, braucht das Opfer Unterstützung.

Sarah hat es mühsam geschafft. Ihr Mann wird verurteilt: 15 Monate auf Bewährung und eine Therapie. Nachts kommt die Panik manchmal zurück, tagsüber versucht Sarah, ein normales Leben zu führen. Auch wenn es Dinge gibt, die sie nie begreifen wird:

Sarah:„Ich hab ganz oft Hilfe geschrien. Ganz, ganz oft in der Wohnung. Und ich hab immer gehofft, ich hab immer gedacht, warum ruft niemand anders die Polizei, dann wär´s ich nicht. Ich hab bewusst gedacht ich muss jetzt schreien ich werde jetzt sterben, dass irgendjemand anruft in dieser Nacht und es hat keiner angerufen.“

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