Report München


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Gewalt in der Notaufnahme Was tun gegen aggressive Patienten?

Sie sind da, um Leben zu retten: Ärzte, Pfleger, Rettungssanitäter und Feuerwehrleute. Doch dabei werden sie selbst immer häufiger Opfer von Gewalt. Bundesjustizminister Heiko Maas will mit einem neuen Gesetz nun Angriffe auf Polizisten und auch Rettungskräfte härter bestrafen. Doch das Personal in Notaufnahmen wird von diesem neuen Gesetz ausgeschlossen; zum Entsetzen der Betroffenen.

Von: Anna Klühspies, Niklas Nau

Stand: 14.03.2017

Für Anton Stiglmaier zählt jetzt jede Sekunde. Ein Patient, ein verletzter amerikanischer Soldat, macht einen verwirrten Eindruck.

"Das ist jetzt so eine Situation, die jeden Augenblick auch wieder kippen kann."

Anton Stiglmaier, Universitätsklinikum Regensburg

Momente später. Die alarmierte Polizei kommt - gerade noch rechtzeitig: Der Soldat attackiert Polizei und Pfleger. Er muss fixiert werden. Geübte Handgriffe - denn Situationen wie diese sind schon fast Alltag.  

"Der war besoffen, hat wahrscheinlich vorher schon psychische Probleme gehabt und ist einfach ausgerastet, weil er sich massiv angegangen gefühlt hat. Aus ich weiß nicht welchem Grund."

Anton Stiglmaier, Universitätsklinikum Regensburg

Gewalttätige Patienten: Fast jeder hier hat damit schon Erfahrungen gemacht. Auch Anästhesist Dr. Timo Seyfried:

"Ich habe das vor kurzem Mal live erlebt, wo ein Patient einem Pfleger einen Kinnhaken verpasst hat. Hier in der Notaufnahme. Kam hier an im Schockraum als Betrunkener, ja und ist dann gewalttätig geworden. Dann haben wir ihn zu viert niedergerungen. Gewartet bis Polizei da war, die mit fünf Mann kam. Man sieht es schon immer wieder mal."

Dr. Timo Seyfried, Universitätsklinikum Regensburg

Bei einer Umfrage unter Mitarbeitern von 250 Notaufnahmen gab es innerhalb eines Jahres in nur 27% der Kliniken KEINE gewalttätigen Übergriffe. In 49% der Kliniken gab es bis zu 20 Angriffe im Jahr, in 24% waren es sogar mehr. Viele Kliniken organisieren deshalb mittlerweile ein Deeskalationstraining für ihre Mitarbeiter, auch das Uniklinikum Regensburg.

"Es wird immer mehr und es wird sicher in Zukunft Situationen geben, wo halt die Polizei nicht rechtzeitig da ist, weil das Aggressionspotenzial einfach steigt."

Monika Hutzler, Universitätsklinikum Regensburg

Ortswechsel. Augsburg, ein Samstagabend: Die Polizisten Christian Hauck und Thorsten Emmerling fahren zu Ihrem ersten Einsatz in dieser Nacht: Ein Mann droht, sich umzubringen. Eigentlich ein Fall für Psychologen oder Notärzte, aber die Einsatzkräfte vor Ort warten auf den Schutz der Polizei.

"Also man hört es nicht klingeln, aber Licht brennt. […] Herr ----, machen Sie mal die Türe bitte auf ..Herr ----   hier ist die Polizei, bitte machen Sie die Türe auf ."

Christian Hauck

Während die Feuerwehr versucht, die Tür zu öffnen,  versucht die Polizei über den Nachbarbalkon in die Wohnung zu kommen: Doch dann lässt sich die Wohnungstür öffnen:

Wo sind Sie? Er liegt im Schlafzimmer

Entwarnung. Der Mann liegt im Bett, unverletzt, und lässt sich untersuchen. Trotzdem war es für die anderen wichtig, dass die Polizei da war.

"Bei unklarer Lage wie bei dieser hier, wo der Suizid androht, kann es auch gegen Einsatzkräfte gehen. Und da sind wir vorsichtig."

Feuerwehrmann

Dass sogar die Feuerwehr zum Ziel von Angriffen wird, hat sein Kollege Friedhelm Bechtel in Augsburg selbst miterlebt:

"Beim Löschen mussten wir eine Nachbarwohnung kontrollieren und da ist der Nachbar dann recht heftig geworden, der hat uns nicht reingelassen und hat dann den Kollegen am Hals gewürgt."

Friedhelm Bechtel, Feuerwehr Augsburg

Auch Rettungsassistent Jonas Güldner aus Bamberg hat schon so eine Situation erlebt: In einer Winternacht werden er und sein Kollege gerufen. Ein betrunkener Jugendlicher liegt bei minus 3 Grad auf einer Wiese. Doch plötzlich tauchen vier weitere Jugendliche auf.

"Da langte dann einer und der Rädelsführer später dann auch mir an den Arm, riss  mir wirklich am Arm herum, brüllte parallel den Kollegen an und fing dann an rumzudrohen er hätte ein Messer in der Tasche, er hätte Pfefferspray und macht uns jetzt alle. Weil wir sollen hier seinem Kumpel nicht helfen."

Jonas Güldner, Bayerisches Rotes Kreuz Bamberg

Die Angreifer versuchen sogar, ihren Freund wieder aus dem Notarztwagen zu zerren. Am Ende werden sie von der Polizei verhaftet.  

Zunehmende Gewalt gegen Polizisten und Helfer. Ein neues Gesetz soll dies in Zukunft härter bestrafen. Drei Monate Mindestfreiheitsstrafe bei tätlichen Angriffen. Unverhältnismäßig, sagen manche Kritiker. Andere haben ein ganz anders Problem:

Sie hier, Polizisten und Rettungskräfte im Außeneinsatz würden vom Gesetz geschützt werden.

Sie hier aber, das Personal in der Notaufnahme nicht.

Dr. Melanie Rubenbauer arbeitet als Notärztin und in der Klinik – und kann diese Unterscheidung nicht nachvollziehen:

"Wenn ich schon davon ausgehe und thematisiere, dass Patienten auf der Straße Randale veranstalten kann ich nicht davon ausgehen, dass ich die in der Klinik abgebe und dann sind das die braven Lämmchen und Schäfchen."

Dr. Melanie Rubenbauer, Vorstandsmitglied Bayerische Landesärztekammer

Der Justizminister sieht keine Notwendigkeit auch das Personal in der Notaufnahme in das neue Gesetz einzubeziehen.

"Weil wir uns im Gesetz besonders darauf beschränkt haben, dass dort wo schwierige Situationen entstehen wir auch ein höheres Strafmaß vorsehen, das heißt vor Ort dort wo Sanitäter im Einsatz sind auf der Straße. In einem Krankenhaus, das ist nochmal ein geschützter Bereich besteht nach unserer Auffassung der Bedarf nicht in der Weise."

Heiko Maas, Bundesjustizminister

Zurück in Regensburg. Im sogenannten “geschützen Bereich” der Notaufnahme lässt sich der amerikanische Soldat noch immer nicht beruhigen. Die US-Militärpolizei rückt an und nimmt ihn mit. Der nächste Patient kommt – und auch er ist aggressiv.

Trauriger Alltag in vielen deutschen Notaufnahmen.

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