Report München


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Getreten, geschlagen, beleidigt Angriffe auf religiöse Minderheiten in Flüchtlingsheimen

Immer wieder kommt es in deutschen Flüchtlingsunterkünften zu Angriffen auf religiöse Minderheiten, wie Christen oder Eziden, durch radikalisierte muslimische Asylbewerber. Amtlich verbürgte Zahlen zum Ausmaß dieser religiös bedingten Übergriffe gibt es nicht. Doch Vertreter orientalisch-christlicher und ezidischer Verbände sprechen seit Monaten von einer Häufung dieser Angriffe.

Von: Stefan Meining

Stand: 13.10.2015

Diese junge Frau ist Christin. Sandy, so wollen wir sie nennen, floh aus Syrien. Sie will unerkannt bleiben. Ein assyrischer Pfarrer stellte den Kontakt zu ihr her. Mehrmals wurde Sandy in Flüchtlingsunterkünften sexuell belästigt.

Sandy: „Ja klar, er hat gewusst, dass ich eine Christin bin. Mit Gewalt hat er versucht an meine Telefonnummer ranzukommen und dann hat er über muslimische Männer versucht, die in dem Heim wohnten, an meine Nummer ranzukommen. Wenn ich eine Muslima wäre, hätte er sich das nicht getraut, mich zu fragen oder zu mich zu bedrängen.“

In Sandys Heimat im Nordosten Syriens vernichtet der sogenannte „Islamische Staat“, abgekürzt IS, Kirchen und ermordet wie vor wenigen Tagen erneut assyrisch-christliche Geiseln.

Sandy versteckt ihr Kreuz. Auch in Deutschland fühlt sie sich nicht sicher.

Eines Abends, als sie allein in ihrem Zimmer war, bedrängt sie ein junger Nordafrikaner mit einem Messer. Er will sie gegen ihren Willen mit einem Freund verkuppeln.

Sandy:  „Immer wieder versuchte ich die Tür zuzumachen. Er kam trotzdem rein und er stand in der Mitte des Zimmers. Ich sagte ihm: ‚Ich weiß, wer Dich geschickt hat. Das war Karim!‘ Da fing ich an zu schreien. Er fing an zu zittern und ist abgehauen.“

Sandy ist kein Einzelfall. Bei unseren Recherchen stellen wir fest:  Immer wieder greifen islamistische Asylbewerber christliche oder ezidische Flüchtlinge an. Offizielle Zahlen gibt es nicht. Aber Verbandsvertreter stellen fest:

Mike Malke, Vorsitzender Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland: „Man spricht von Auseinandersetzungen, so, dass der Eindruck entsteht, dass da zwei Parteien sich feindlich gegenübergestanden haben. Aber tatsächlich waren es hier Angriffe, und deren Motive war der Hass auf das Christentum oder Ezidentum.“

Bislang völlig unbekannt: Der Fall von Mahder, einem Christen aus Eritrea. Mahder wurde gemeinsam  mit seinen Freunden in einer Heimanlage in Forst in Brandenburg untergebracht, zusammen mit  Flüchtlingen aus Tschetschenien.

Mahder: „Diese Leute, diese Tschetschenen, waren Muslime, und ich glaube, so wie sie sich benahmen, waren sie radikal: Sie hassen Christen. Sie sagen ‚Fickt Christen!‘ “

Am 20. August 2014 eskaliert die Lage. Tschetschenen stürmen die Zimmer der Eritreer. Fast alle sind Christen. Zwei Menschen werden aus dem zweiten Stock auf die Straße geworfen.  Exklusive Fotos vom bislang wohl schlimmsten Angriff auf christliche Asylbewerber in Deutschland. In Panik hatten die Opfer versucht, ihre Zimmertüren und -Fenster zu verbarrikadieren. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Mahder wurde am Kopf verletzt. Er ist empört, weil die zuständigen Stellen vor Ort trotz Warnungen im Vorfeld nicht entschlossen genug handelten.

Mahder:  „Wir gaben ihnen einen Brief und wir baten sie, nach einer Lösung zu suchen, weil wir uns Sorgen machten, die Tschetschenen mögen uns nicht, sie hassen uns, sie und sogar ihre Kinder beschimpften uns. Aber nichts wurde unternommen.“

Auf Anfrage erklärt das zuständige Landratsamt, uns wurde Zitat „im Vorfeld zu den Vorkommnissen am 20. August 2014 nichts bekannt“. Der Rechtsanwalt der Eriteer teilt diese Ansicht nicht. Er spricht von einem geplanten Überfall:

Rechtsanwalt Peter Conradi: „Die Tschetschenen haben im Vorfeld alles vorbereitet. Sie haben die Frauen und Kinder aus den Häusern rausgeholt und wenn man dann sieht, dass das Nachts um 2.30 Uhr losgegangen ist, kann man nicht von einer Massenschlägerei sprechen, die einfach mal so zwischen den beiden Gruppierungen entstanden ist.“

Wir fahren weiter Richtung Nordrhein-Westfalen. Vor wenigen Tagen wurde der Ezide Saman von einem Asylbewerber, einem IS-Sympathisanten, nach einem Willkommensfest für Flüchtlinge, brutal niedergeschlagen. Saman fiel in Ohnmacht und brach sich dabei  einen Finger. Saman floh aus dem Nordirak, dort wo der IS einen Vernichtungskrieg gegen die Eziden führt.

Das Interview führen wir im Haus eines Bekannten. Mit dabei ein Freund Samans – ein Muslim. Er stand ihm im Heim zur Seite.

Saman: „Er hat meinem Freund erzählt: ‚Wenn man den Eziden die Köpfe abschneidet  und das Blut daraus trinkt, erlaubt das der Glauben.‘ Ich bin dann auf ihn zugegangen und habe ihm gesagt: ‚Aus meiner Sicht liegst Du da falsch. Das ist nicht richtig, was Du gesagt hast!‘ Dann hat er mich dreimal mit einem Kopfstoß verletzt.“

Der muslimische Freund bestätigt die Aussagen von Saman. Anonym. Der IS-Sympathisant…

Freund: „…hat mir erzählt: ‚Wenn man sie köpft und ihr Blut trinkt, ist das in Ordnung, weil die Eziden keine Menschen sind.‘ Und er hat auch andere unschöne Dinge gesagt. Ich habe mich sehr aufgeregt und meine Stimme erhoben. Es hat mir weh getan, dass er so über meinen Freund geredet hat.“

Mike Malke kennt zahlreiche Fälle wie diese. Er kann nachvollziehen…

Mike Malke, Vorsitzender Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland: „dass man nicht den Hintergrund jedes Flüchtlings durchleuchten kann, der nach Deutschland kommt. Es kann aber nicht sein, dass die religiösen Minderheiten, insbesondere die Christen und Eziden, hierfür die Rechnung bezahlen müssen in den Erstaufnahmelagern. Deshalb fordern wir eine getrennte Unterbringung dieser religiösen Minderheiten, insbesondere der Christen und Eziden von den Muslimen.“

Was halten die Bundesländer von dieser Forderung? Das Ergebnis unserer Umfrage: Es gibt keine einheitliche Linie!

So erklärt Rheinland-Pfalz: „Bei der Zimmerbelegung in den Erstaufnahmeeinrichtungen wird grundsätzlich immer auf ethnische, religiöse und auf nationale Zugehörigkeit Rücksicht genommen.“

Berlin meint dagegen: „Zur Vermeidung von Konflikten ethnische und religiöse Gruppen generell getrennt unterzubringen, ist in der aktuellen Situation weder erwünscht noch umsetzbar.“

Die syrische Christin Sandy wird jetzt in einem Pfarrheim untergebracht. Ein Happy End. Nach schwierigen Monaten in deutschen Flüchtlingsheimen.


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