Report München

Gewalt gegen Einsatzkräfte Wenn Retter sich selbst retten müssen

Gewalt gegen Polizisten ist immer wieder ein Thema. Doch es trifft auch Rettungskräfte, also Helfer, die anderen Menschen helfen wollen. Sie werden im Einsatz beschimpft, bedroht oder angegriffen. Selbstverteidigung und Schutzweste – mancherorts gehört das mittlerweile zum Dienstalltag. report MÜNCHEN über Lebensretter, die selber zu Opfern werden.

Autor: Oliver Bendixen, Pia Dangelmayer Stand: 31.01.2012

Matthias Häußler, Arbeiter-Samariter-Bund Ludwigsburg: „Während der Fahrt hat der Patient das Messer rausgezückt und ist auf uns losgegangen.“

Marc Oberlander, Bayerisches Rotes Kreuz Nürnberg: „Bedrohungen gab‘s, also mit verschiedenen Sachen, mit Schere, mit Schraubenzieher und Co.“

Aggression gegen Einsatzkräfte – das ist immer häufiger: Alltag.

Puchheim in Bayern: Totalschaden bei Einsatzwagen Nummer 3 der Freiwilligen Feuerwehr. Nach einem Horror-Einsatz an Silvester.

Die Feuerwehrleute werden zu einem Brand gerufen – plötzlich explodiert ein Böller unter ihrem Fahrzeug, der Unterboden: Zerfetzt. Kein Zufall: Die feiernde Menge schießt absichtlich Feuerwerkskörper auf die freiwilligen Helfer!

Larissa Köhler, Freiwillige Feuerwehr Puchheim: „Die erste Rakete ist knapp an uns vorbeigezischt. Wir haben leider nicht gesehen, aus welcher Richtung das kam. Die nächste ist neben uns eingeschlagen, das war eben ein Böller, wir haben‘s nicht richtig gesehen und es kam halt sehr erschreckend, weil wir einfach nicht damit gerechnet haben.“

Die Feuerwehrleute retten sich hinter ein Auto: Verletzt wird zum Glück niemand. Das Einsatzfahrzeug aber ist nicht mehr zu gebrauchen.

Beim Roten Kreuz in Nürnberg haben einige auf die wachsende Bedrohung reagiert: Marc Oberlander macht sich nicht etwa bereit für einen besonders harten Einsatz. Es ist ein ganz normaler Arbeitstag – doch die Schutzweste trägt der Rettungsassistent seit ein paar Monaten immer. Samstagnacht. Oberlander macht sich auf den Weg – mit gemischten Gefühlen. Seit 20 Jahren ist er im Einsatz – so schlimm war es noch nie. Wochenenden sind besonders kritisch: Alkohol, Drogen – hier passiert am meisten.

Marc Oberlander, Bayerisches Rotes Kreuz Nürnberg: „Wir stellen eigentlich im Kollegenkreis übereinstimmend fest, dass die heiklen Einsätze, dass die mehr werden, dass die Hemmschwelle gegenüber von Polizisten, gegenüber Rettungsdiensten geringer geworden ist als früher, dass das Gewaltpotential generell zugenommen hat und dass dementsprechend auch die Einsätze häufiger eskalieren als früher.“

Kurz nach Mitternacht: Die Sanitäter werden zu einem Jugendclub gerufen. Ein junger Mann sei bewusstlos – wohl zu viel Alkohol. Die Stimmung: angespannt.

Jetzt müssen die Sanitäter erst mal beruhigen – und trotzdem schnell helfen. Ob das gelingt?

Bei Kollegen in der Nähe von Freising ist so eine Situation vor kurzem eskaliert. Der Rettungsdienstleiter Hubert Böck kann es immer noch kaum fassen: Einer seiner Mitarbeiter wurde fast k.o. geschlagen.

Nachgestellte Szene:

Der Rettungswagen wird zu einer Disko gerufen, auch hier: zu viel Alkohol, eine 18-Jährige ist zusammengebrochen. Als die Sanitäter ankommen, warten bereits zahlreiche Betrunkene auf dem Parkplatz.

Hubert Böck, Rettungsdienstleiter Bayerisches Rotes Kreuz Freising: „Während mein Mitarbeiter die Patientin versorgt hat, hat plötzlich einer der Bekannten, der nicht wollte, dass die Patientin da versorgt wird, einen Faustschlag durchgeführt.“

Die Stimmung kippt endgültig. Die Sanitäter schließen sich im Rettungsfahrzeug ein – erst die Polizei kann die Retter – retten.

Hubert Böck, Rettungsdienstleiter Bayerisches Rotes Kreuz Freising: „Dass so eine Masse ums Fahrzeug steht und da Randale macht, damit man im Fahrzeug ein Gefühl hat, als wenn man angegriffen wird, dann – also, das hab ich noch nicht erlebt.“

Ortwechsel: Ludwigsburg bei Stuttgart. Matthias Häußler ist seit fünf Jahren für den Arbeiter-Samariter-Bund im Einsatz.

Hier wurden sogar schon Navigationsgeräte aus den Autos geklaut. Jetzt sollen die Fahrzeuge immer abgeschlossen werden. Dabei zählt jede Sekunde.

Matthias Häußler, Arbeiter-Samariter-Bund Ludwigsburg: „Das gab’s schon öfters, die Situation, wo man einfach gesagt hat: Was mach ich hier? Warum? Ich bin eigentlich da um zu helfen!“

Die Ludwigsburger Retter sind unterwegs zur Polizei: Ein Mann ist auf der Wache kollabiert – er wurde festgenommen, weil er wahllos Passanten angegriffen hatte. Nicht ungefährlich, auch für die Sanitäter.

Der Patient muss ins Krankenhaus: begleitet von bewaffneten Polizisten, mit Handschellen an die Trage gefesselt.

report MÜNCHEN: „Fühlt man sich da ein bisschen wohler?“

Matthias Häußler, Arbeiter-Samariter-Bund Ludwigsburg: „Ja, definitiv, weil man einfach weiß, dass er hier an der Trage festgegurtet ist und egal in welcher Situation kann uns da nichts passieren.“

Zurück in Nürnberg: Die Sanitäter konnten die Lage beruhigen. Der junge Mann kommt schließlich ins Krankenhaus – auf die Ausnüchterungsstation.

Im vergangenen Jahr hat das Rote Kreuz hier 80 Angriffe in Fragebögen dokumentiert. Wie hoch die Dunkelziffer ist, weiß niemand.

Die Malteser haben in Nordrhein-Westfalen eine Umfrage gemacht. Ergebnis: Beleidigungen und Behinderungen sind für Rettungskräfte Alltag, und „Immerhin geben 63,2 Prozent aller Befragten an, schon einmal tätlich angegriffen worden zu sein.“

Die Universität Bochum hat diese Gewalt genauer untersucht: auch die Ursachen.

Julia Schmidt, Kriminologie Ruhr-Universität Bochum: „Nach unseren ersten Erkenntnissen passieren die Übergriffe in der Regel, wenn Alkohol und Drogen da im Spiel sind. Sie haben uns in dem Fragebogen auch berichtet, dass sie ihre Ausbildung als nicht praxisnah empfinden und dass sie auf konfliktträchtige Situationen im Einsatz nicht gut vorbereitet werden und dass die Fortbildungen in dem Bereich auch unzulänglich sind.“

Denn: Deeskalationstraining ist bisher keine Pflicht in der Ausbildung, selbst Fortbildungskurse sind oft freiwillig. Für die Regelung der Rettungsassistentenausbildung zuständig ist das Bundesgesundheitsministerium. Wir fragen nach: Wann werden solche Trainings endlich gesetzlich vorgeschrieben? Die Antwort: vage.

Deeskalation solle zukünftig gelehrt werden, "In welchem zeitlichen Umfang obliegt der Ausbildung vor Ort."

Auch das Wann bleibt offen: Noch gibt es aus dem Gesundheitsministerium nicht einmal einen Gesetzentwurf.

Nürnberg, Ende einer langen Nacht. Heute hat Marc Oberlander seine Schutzweste zum Glück nicht gebraucht – tragen wird er sie weiterhin: Damit er tun kann, wofür er da ist: helfen.

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