Manipulierte Dokumente, betrogene Verbraucher Millionengeschäft mit gefälschten Biolebensmitteln
report-Recherchen in Deutschland und Italien kommen zu einem erschreckenden Ergebnis: Das europaweite Kontrollsystem von Biolebensmitteln hat Schwachstellen, die Betrüger zum Schaden der Verbraucher skrupellos ausnützen.
Bio aus Italien. Frische Köstlichkeiten aus dem Land der Feinschmecker. Wie hier auf dem italienischen Wochenmarkt. Das lieben die Deutschen. Doch auch so sieht die Wirklichkeit aus. Fahndung im Morgengrauen. Kurz vor den Verhaftungen. Laut italienischer Polizei geht es um Berge von falschen Biolebensmitteln. Sage und schreibe 700.000 Tonnen soll die Betrügerbande gefälscht haben. Gefälscht: Vor allem Getreide und Soja für Futtermittel. Und einiges davon landete in Deutschland: Längst verkauft, verfüttert, vom Verbraucher verzehrt.
Report-Straßenumfrage:
Frau: „Freilich ärgert mich das. Das finde ich eine Gemeinheit!“
Frau: „Da muss man sich natürlich informieren, ob es tatsächlich kontrolliert ist, ob‘s tatsächlich Bio ist.“
Mann: „Ja, die Gefahr ist wahrscheinlich, dass man mit Bioprodukten viel Geld verdienen kann, und die schwarzen Schafe werden es nutzen.“
Wir fahren nach Norditalien. Sitz der Firma Sunny Land. Laut Ermittlungen hat sie tausende Tonnen konventionelles Getreide, Gemüse und Obst vor allem aus Rumänien nach Italien importiert und einfach zu Biolebensmitteln umetikettiert. Durch ein undurchsichtiges Firmengeflecht von Zwischenhändlern hat man die Täuschungen vertuscht. Zum Beispiel mit gefälschten Zertifikaten aus Transsylvanien.
Paolo Carnemolla, ital. Ökoverband „Federbio“: „Wir würden gerne wissen, was da in Rumänien los ist. Es scheint, dass weiterhin falsche Zertifikate von dort auftauchen. Falls wir sie entdecken, dann werden sie zumindest bei uns in Italien aus dem Verkehr gezogen."
Bisher kaum bekannt: Rumänien und Italien gehören zu den größten Lieferanten für Biogetreide. Deutschland ist der größte Kunde in Europa. In diesem Fall von gefälschter Ware. Wir nehmen die Spur der falschen Bioprodukte nach Deutschland auf. Uns liegen Listen der betroffenen Firmen vor. Der Schock erreichte auch das niedersächsische Melle. Die Fälscher hatten dutzende Tonnen konventionelles Soja zu teurer Bioware erklärt und sie dem Bio-Futtermittelhersteller Rudolf Joost-Meyer zu Bakum untergejubelt. Der Biounternehmer, der auch einem Bioverband vorsteht, gibt sich keiner Illusion mehr hin: Zertifikate allein sind keine Garantie für Bio. Denn sie lassen sich fälschen.
Rudolf Joost-Meyer zu Bakum, Bio-Mischfutterhersteller: „Bei 60 Prozent der Ware können wir mittlerweile die Sojabohne bis auf den Acker zurück verfolgen, bei den anderen 40 Prozent bleibt ein gewisses Risiko und daran müssen wir arbeiten."
Der geprellte Bio-Unternehmer rechnet uns vor, dass die Betrüger mit falscher Bio Ware ihren Umsatz verdoppeln. Bei ihm alleine haben sie durch bloßes Umetikettieren pro LKW-Ladung rund 6000 Euro zusätzlich verdient. Und europaweit laut Polizei sogar sagenhafte 200 Millionen Euro. Dank Laborproben stieß er schon öfter auf falsche Bioware. Doch seine akribischen Nachforschungen liefen ins Leere.
Rudolf Joost-Meyer zu Bakum, Gesellschaft für ökologische Tierernährung: „Wir sind natürlich den offiziellen Weg gegangen, das über die Behörden nach Rom zu melden, und haben gleichzeitig versucht, direkt an die italienischen Kontrollstellen heranzugehen, um den Weg abzukürzen – aber die wollten davon eigentlich gar nichts hören.“
Auch im aktuellen Fall hat die zuständige italienische Kontrollfirma wohl versagt. Besuch in Bologna bei Suolo e Salute, zu Deutsch: Boden und Gesundheit. Der Chef dieser Kontrollstelle windet sich. Denn auch zwei seiner Ex-Mitarbeiter sitzen heute im Knast. Er räumt ein: Vielleicht hätte man noch besser hinsehen müssen, denn es gab ja Verdachtsmomente:
Alessandrao d’Elia, Ital. Kontrollstelle „Suolo e Salute“: "Die Firma Sunny Land war eine kritische Firma, schon allein wegen der enormen Vielzahl von Warenumsatz verschiedenster Art. Sie hatte hunderte von Herstellern und hunderte von Kunden.“
Kontrollen sind private Dienstleistungen, für die die Bioerzeuger aufkommen müssen. Die Kontrolleure wiederum sind dabei auch auf das Vertrauen in ihre Kunden angewiesen, erklärt man uns bei der Kontrolleurvereinigung „Federbio“.
Paolo Carnemolla, ital. Ökoverband „Federbio“:„Eine Kontrollstelle ist keine Polizeibehörde. Wir können keine Durchsuchungen vornehmen und niemanden zwingen uns alles vorzulegen, was wir sehen wollen. Und wir können nicht einfach jemanden aus dem Kontrollsystem rauswerfen. Der geht einfach – wie in diesem Fall geschehen – zu einer anderen Kontrollstelle.“
So landete Sunny Land beim deutschen Zertifizierer ABCert mit Zweigstelle in Südtirol. Ab Juni letzten Jahres war ABCert der neue Bio-Kontrolleur von Sunny Land. Da liefen die Ermittlungen wegen Betruges aber schon ein ganzes Jahr lang. Das wussten die italienischen Kontrolleure sehr wohl. Während ABCert kategorisch darauf besteht , „keine Informationen über Betrug und Ermittlungsverfahren“ gegen den Neukunden Sunny Land erhalten zu haben. Auch nicht vom verantwortlichen Landwirtschaftsministerium, wo eigentliche alle Fäden zusammenlaufen sollten. Als wir in Rom nachfragen erhalten wir eine verblüffende Antwort.
Emilio Gatto, Ministerialdirektor Ital. Landwirtschaftsministerium: „Wir wussten von den Ermittlungen überhaupt nichts. Alles, was wir von möglichen Vergehen erfuhren, haben wir an die Staatsanwaltschaft weiter gegeben. Ansonsten unterliegen wir - zum Schutz der Ermittlungen - der Schweigepflicht.“
Und so haben auch deutsche Behörden offenbar erst aus der Zeitung von dem Biobetrug erfahren. Jetzt muss der Informationsfluss besser werden, fordert Professor Dabbert von der Uni Hohenheim. Drei Jahre lang hat er die Qualität der europäischen Biokontrollen untersucht. Der Betrugsfall unterstreicht seine Forschungsergebnisse.
Prof. Stephan Dabbert, Rektor Uni Hohenheim: „Was sie ganz klar bestätigen ist, dass wir eine bessere Zusammenarbeit der Behörden brauchen, also dieses Überwachungssystem von den Kontrollstellen, dann die Behörden, dann die EU-Kommission. Das sieht auch vor, dass sich die Behörden untereinander schnell informieren, wenn auf Kontrollstellenebene irgendetwas auffällt, was nicht in Ordnung ist.“
Während unseres Besuches beim geprellten Biofuttermittelhersteller in Niedersachsen schon wieder Ärger mit Bioware. Soja aus Italien. Der Verdacht: diesmal belastet mit Gen-Soja. Unsauberer Ware, undurchsichtige Handelswege – er zieht Konsequenzen für die Zukunft:
Rudolf Joost-Meyer zu Bakum, Bio-Mischfutterhersteller: „Wir werden versuchen, die Ware direkt vom Anbauer, der in der Regel in Ordnung ist, nach Deutschland zu holen und hier verarbeiten. Ein Kollege hat schon eine Sojamühle gebaut, und wir nehmen gerade eine in Hannover in Betrieb – da wollen wir nicht auf die Politik warten.“
Je kürzer der Weg vom Bauern zum Abnehmer, desto sicherer ist Bio drin wo Bio drauf steht.
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