Report München


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Das zerstörte Urlaubsparadies Ein Jahr nach der Erdbebenkatastrophe in Italien

Eine heftige Erdbebenserie erschütterte Italien im vergangenen Jahr: rund 300 Tote, zehntausende Obdachlose. Historisch bedeutsame Städte, Kirchen und Monumente sind unwiederbringlich verloren. Wo sich früher Touristen tummelten, herrscht heute bedrückende Stille. report München über verlassene Urlaubsorte und verzweifelte Menschen, die vor den Trümmern ihrer Existenz stehen.

Von: Philipp Grüll, Karl Hoffmann

Stand: 15.08.2017

Früher war Pievebovigliana ein Touristenort. Heute: ein Geisterdorf. Mit einsturzgefährdeten Häusern. Gemeinderat Sandro Luciani hofft dennoch, dass die zahllosen mit Rissen durchzogenen Gebäude gerettet werden können.

"Es muss nicht nur  wieder aufgebaut werden. Auch die Bewohner müssen zurück, damit wieder das Leben im Ort einzieht."

Sandro Luciani, Gemeinderat Pievebovigliana

Sandro Luciani in Pievebovigliana | Bild: BR

Sandro Luciani in Pievebovigliana

Auch sein eigenes Haus darf er eigentlich nicht mehr betreten. Bei einem Nachbeben könnte es wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

"Das ist die gefährlichste Stelle. Man muss jetzt Maßnahmen ergreifen, damit diese ganze Wand nicht nach innen fällt."

Sandro Luciani, Gemeinderat Pievebovigliana

Das Haus ist sein Lebenswerk. Neun Jahre hat er daran gebaut. In 30 Sekunden wurde es schwer beschädigt. Seine Frau hat seit dem Beben Angst, ihn hierher zu begleiten.

"Die Stille hier ist furchtbar, es ist schlimm. Ich überlege und sinniere, was da passiert ist. Mir fehlen die Geräusche meiner Frau bei der Hausarbeit. Das Schweigen herrscht aber nicht nur hier in meinem Haus, sondern im ganzen Ort."

Sandro Luciani, Gemeinderat Pievebovigliana

Betreten: nur mit Ausnahmegenehmigung

Ein paar Kilometer weiter. Die Provinzstadt Camerino. Hier lebten 8.000 Menschen. Die Altstadt war ein Touristenmagnet. Doch seit fast einem Jahr liegt sie in der roten Zone. Betreten: nur mit Ausnahmegenehmigung.

Emanuele Pieroni, Pressesprecher Camerino | Bild: BR

"Die Regierung verspricht jede Menge, aber von Wiederaufbau keine Rede. Italien hat ein großes Problem: Wegen der vielen Vorschriften geht alles sehr, sehr langsam. Wir würden am Ende auch auf jede Hilfe verzichten, aber dafür wollen wir wenigstens die Erlaubnis bekommen, die Sache hier selbst in die Hand zu nehmen."

Emanuele Pieroni, Pressesprecher Camerino

Immerhin: Zumindest eine provisorische Schule gibt es am Stadtrand – sie wurde nach dem vorletzten Beben gebaut. Mitte der 90er Jahre. Dort versucht der Pädagoge Simone Zuppi mit den Kindern ihr Erdbeben-Trauma aufzuarbeiten.

Trauma-Aufarbeitung in der Schule

Simone Zuppi mit einem Schüler | Bild: BR

Simone Zuppi mit einem Schüler

Simone Zuppi, Pädagoge: „Meiner Meinung nach haben die Kinder großes Verlangen, sich endlich mal die schlimmen Erfahrungen der letzten Monate von der Seele reden zu können.“

Die Kinder sollen ihre Ängste malen, ihnen ein Gesicht geben. Um diese zu verarbeiten.

Junge: „Ich habe einen Roboter gemalt, der auf der Schulter einen Raketenwerfer hat,  damit zielt er auf die Häuser.“ 

Simone Zuppi, Pädagoge: Und warum schießt er auf die Häuser?“

Junge: „Weil er die Häuser zerstören will.“

Totale Verwüstung

Zertrümmertes Auto zwischen eingestürzten Gebäuden in Amatrice | Bild: BR

Ein zertrümmertes Auto zwischen eingestürzten Gebäuden in Amatrice

Hier begann die Erdbebenserie – 100 Kilometer entfernt, in Amatrice. Totale Verwüstung – auch nach einem Jahr. Fast 300 Menschen kamen ums Leben. Tausende wurden obdachlos. Die meisten Überlebenden sind weit weg gezogen. Nur wenige blieben hier. Harren aus in einem Camp im Wald.

"Wir helfen uns selbst. Vielleicht hat das manche auch gestört, dass wir aus eigener Kraft die jetzige Notsituation überbrücken wollen. Der Staat hat sich ja bisher hier nicht blicken lassen."

Paolo, Bewohner Camp

Über  Versprechen können sie nur bitter lachen. Einige, sagen sie, machen das große Geschäft mit der Not – mit teuren Wohncontainern.

Paolo | Bild: BR

"Nenn‘ es Mafia, nenn sie Leichenfledderer, nenn‘ es wie du willst. Natürlich existiert das immer noch."

Paolo, Bewohner Camp

Sandro Luciani kämpft vor allem gegen die langsame Bürokratie.

"Man kann überhaupt keine genauen Voraussagen machen. Wir wissen nicht, wieviel Zeit der Staat braucht und vor allem wie viele Mittel er hat,  um die insgesamt 131 betroffenen Gemeinden wieder aufzubauen."

Sandro Luciani, Gemeinderat Pievebovigliana

Endstation Hotelzimmer

Regelmäßig fährt er hundert Kilometer bis zur Küste. Dort leben jetzt viele Menschen aus seinem Dorf – in Hotelzimmern. Er will ihnen Zuversicht geben. Damit die Dorfgemeinschaft nicht zerfällt.

"Die Stimmung schwankt doch sehr, mal geht’s gut, mal weniger. Je länger wir hier leben müssen, umso schwerer fällt es."

Ältere Frau in Pievebovigliana

Aus der Not- wird eine Dauerlösung: Viele Ältere werden vermutlich nie wieder nach Hause zurückkehren. Ein Hotel an der Bundesstraße: Endstation eines langes Lebens.

Sendung

  • report München Dienstag, 15.08.2017 um 21:45 Uhr [Das Erste]

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