Report München


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"Enkeltrick 2.0" Wie Kriminelle Senioren um ihr Geld bringen

Vorsicht bei Anrufen von vermeintlichen Bankmitarbeitern, die frohe Gewinnbotschaften verkünden. Denn meist steckt ein Nachfolger des altbekannten Enkeltricks dahinter - sprich: Den nichtsahnenden Opfern soll das Geld aus der Tasche gezogen werden.

Von: Oliver Bendixen, Anna Tillack

Stand: 16.05.2017

Telefonterror in Deutschland. Senioren im ganzen Bundesgebiet Deutschland werden täglich am Telefon belästigt. Hannelore Bauer (Name geändert), eine zierliche Münchnerin Mitte sechzig, ist eine von ihnen. Sobald das Telefon klingelt, ist sie in Alarmbereitschaft, setzt ihre Lesebrille auf und studiert eingehend die Nummer. Nur wenn sie diese kennt, nimmt sie ab.

"Das fing vor paar Jahren an dass ich teilweise 20 Mal am Tag nen Anruf bekommen hab, von wegen ich hätte gewonnen oder sonst irgendwas, das war immer total lästig. Im vergangenen Herbst war dann mal ein echter Mensch am Telefon und nicht nur eine Computerstimme. Der hat dann gesagt, ich hab Schulden und ich müsste das bezahlen, sonst würden sie einen Gerichtsvollzieher schicken. Er sagte, es geht um 4.000 Euro. Dann hab ich gesagt, das werde ich auf keinen Fall zahlen, denn ich hab ja nie gespielt!"

Hannelore Bauer

Mitschnitt der Münchner Polizei

Menschen, die nie an einem Gewinnspiel teilgenommen haben, werden so Opfer krimineller Banden, die mit dem Betrug das schnelle Geld verdienen wollen. Ein Mitschnitt der Telefonüberwachung der Münchner Polizei zeichnet einen der Betrugsfälle detailliert auf. Die Anruferin gibt sich darin als seriöse Bankmitarbeiterin aus, um Vertrauen zu erwecken:

Telefondialog

Falsche Bankmitarbeiterin: Schönen Guten Tag, Sarah Bach mein Name, Zentralbank Frankfurt …

Schön, dass ich Sie erreichen konnte … 22.000 Euro Auszahlung, liegt immer noch bei uns in der Filiale!

Geschädigte: Ich weiß gar nicht um was es geht …?!

Falsche Bankmitarbeiterin: Die Unkosten, die dadurch entstanden sind, das muss von ihrer Seite aus übernommen werden, in Höhe von 640 Euro.

Geschädigte: Aber ich hab doch kein Geld, ich bin ja so verschuldet! Ich hab keinen Pfennig mehr!

Falsche Bankmitarbeiterin: Können Sie wenigstens die Hälfte übernehmen?

Geschädigte: Ich hab kein Geld!

Mehrmals tritt die falsche Bankmitarbeiterin mit der Geschädigten in Kontakt, versucht sie trotz ihrer Schulden schamlos zu einer Überweisung zu überreden.

Schaden in Millionenhöhe

Allein bei der Münchner Polizei gingen im Jahr 2016 320 Anzeigen wie diese ein, davon 95 vollendete Taten, wo Geschädigte tatsächlich um ihr Geld gebracht wurden. Der bei diesen Delikten entstandene Schaden: Gut 447.000 Euro allein in München, bundesweit geht er in die Millionen.

Im Münchner Polizeipräsidium hat sich Kriminaloberkommissarin Fischer auf dieses Feld spezialisiert, denn in den letzten Jahren haben sich die Fallzahlen verdreifacht. Den Enkeltrick habe man inzwischen weitgehend im Griff, derzeit würde Gewinnversprechen die Polizei derzeit mehr in Atem halten.

Nicht alle Betroffenen melden sich

Zwar geht es beim sogenannten Callcenter-Betrug um kleinere Geldbeträge, doch die Geschädigten werden häufig mehrere Monate lang immer wieder dazu gebracht, Geld zu überweisen, weshalb die Summen am Ende für die Betroffenen oft ein existenzbedrohendes Maß erreichen. Dabei gehen die Ermittler von einem enormen Dunkelfeld aus, da sich viele der Betrugsopfer schämen, das Delikt zur Anzeige zu bringen.

"Ich hatte auch schon eine Dame die gesagt hat als sie realisiert hat, dass sie hier betrogen wurde, hat sie sich so sehr geschämt, dass sie immer wieder mit dem Auto durch die Gegend gefahren ist und Suizidgedanken hatte und sich tatsächlich überlegt hat, sich was anzutun."

Kriminaloberkommissarin Fischer

Druck durch vermeintliche Anwaltskosten

Doch für die Polizei ist es schwierig, an die Täter heranzukommen. Gesteuert wird der Betrug aus Callcentern, die meistens in der Türkei sitzen. Sie rufen Senioren in Deutschland an, erzählen ihnen, dass sie in einem Gewinnspiel gewonnen haben und nun eine Anzahlung leisten müssten. Um ihre Herkunft zu verschlüsseln und Vertrauen zu erwecken, nutzen die Betrüger häufig Fake-Nummern, zum Beispiel deutsche Festnetznummern. Über fiktive Inkassofirmen bzw. Anwaltskanzleien, die es real gar nicht gibt, üben sie Druck auf die Senioren aus, das Geld möglichst schnell einzuzahlen.

Die Spur führt in die Türkei

Institute wie Money Gram oder Western Union transferieren das Geld in die Türkei, dort wird es von Mittelsmännern abgeholt und an die Hintermänner weitergegeben. Ein Betrugsdickicht aus falschen Telefonnummern, gefälschten Dokumenten und Geldtransfers ins Ausland stellt die deutschen Behörden vor schier unlösbare Probleme.

Auch weil sich die Zusammenarbeit mit der Türkei aufgrund der politischen Lage im letzten Jahr merklich verschlechtert habe, so Polizeikreise gegenüber report München. Auch das Bundesjustizministerium hat diese Schwierigkeiten bereits erkannt. Auf die Anfrage von report München schreibt es, man könne feststellen, "dass die justizielle Zusammenarbeit mit der Türkei von den dortigen aktuellen Ereignissen nicht unbeeinflusst ist".

Immer neue Tricks

Die Täter lassen sich währenddessen immer neue Maschen einfallen.  Die Techniker im bayerischen Landeskriminalamt analysieren immer wieder telefonische Betrugsfälle, bei denen Telefongespräche nichtsahnender Senioren neu zusammengeschnitten werden. In den manipulierten Gesprächen sieht es so aus, als würde das Opfer zustimmen, statt dessen wurde sein „Ja“ einfach aus einer anderen Stelle im Gespräch geklaut.

Falsche Nummern im Display

Dazu kommt: Auch das Faken von Telefonnummern wird immer einfacher und funktioniert inzwischen über kostenlose Apps, die sich jeder Nutzer herunterladen kann. Mit diesen Anwendungen befiehlt man dem Telefon, dem Angerufenen nicht die eigene Nummer anzuzeigen, sondern zum Beispiel eine gefakte Festnetznummer. Der Angerufene sieht dann eine Nummer, die es gar nicht gibt.

Will das Opfer nicht zahlen, schicken die Betrüger Briefe, in denen sie mit Kontosperrung oder dem Gerichtsvollzieher drohen.

"Was hier festzustellen ist, dass es sich immer um gefälschte Schreiben handelt, oft geht zum Beispiel die Groß- und Kleinschreibung wild durcheinander. Eine andere Sache ist die, dass die Empfängerkonten oft keine deutschen Konten sind sondern ausländische. Diese Firmen existieren alle nicht, die Täter geben Amtsgerichtnummern an, um einen seriösen Eindruck zu erwecken, die sind aber alle gefälscht."

Kriminaloberkommissarin Fischer

Ein Ende der Masche ist nicht abzusehen. Die Ermittler sehen sich einer explosiven Mischung gegenüber: Immer mehr ältere Menschen durch den demographischen Wandel in Kombination mit immer besseren Verschlüsselungs- und Betrugsmöglichkeiten im Netz. Hannelore Bauer ist eisern geblieben – und legt bei unbekannten Anrufern nach wie vor auf. Bei vielen anderen ist das Geld längst weg.

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