Gigantisch, günstig und gefährlich Die Doppelmoral der Kreuzfahrtindustrie
Die Reederei des Unglücksschiffs Costa Concordia ist auf Expansionskurs. In Europa boomt das Geschäft mit Kreuzfahrtreisen wie nie zuvor – die Schiffe werden immer größer. Doch wächst die Sicherheit mit? Seit der Havarie versucht sich die Industrie vergeblich zu verteidigen: Die Schuld trage angeblich allein der Kapitän. report MÜNCHEN über die Halbwahrheiten einer größenwahnsinnigen Industrie.
Bislang unbekannte Aufnahmen der Costa Concordia. 2008, im Hafen von Palermo. Damals ist das Schiff offensichtlich einem Unglück entgangen.
Und – drei Jahre später die Katastrophe.
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„Jetzt habe ich Angst."
„Hier ist etwas kaputtgegangen. Ich weiß nicht, ob das normal ist."
Erstmals berichten Crewmitglieder über die Unglücksnacht.
Antonella Zingaro, Kosmetikerin, Costa-Angestellte: „Ich habe nur noch gebetet: Bitte mach, dass es nur eine Übung ist. Ich war immer verzweifelter, habe zu weinen angefangen. Und dann sagte ich mir: Antonella, reiß Dich zusammen, aber ich war einfach panisch, weil ich nicht wusste, was los war."
Eigentlich hätte sie die Passagiere mit von Bord retten sollen. Die 29-Jährige war als Kosmetikerin auf dem Schiff angestellt. Doch mit ihrer Sicherheitsaufgabe war die junge Frau total überfordert.
Antonella Zingaro, Kosmetikerin, Costa-Angestellte: „Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Ich war erst einen Monat lang auf dem Schiff. Trotz des Sicherheitstrainings ging es uns am Ende genauso wie den Passagieren."
In diesem Simulator übt Kapitän Sven Dreeßen immer wieder den Ernstfall; er organisiert auch Sicherheitsübungen mit Besatzungsmitgliedern. Für ihn ist unverständlich, dass die Schiffe immer größer werden - das ausgebildete Personal aber nicht mitwächst.
Sven Dreeßen, Chef des Instituts für Seesicherheit: „Von den 1000 Personen an Bord sind etwa 50, also 5 Prozent wirklich in der Lage, diese Rettung adäquat durchzuführen."
Knappe Rettungsmittel an Bord. Drei Tage nach der Havarie stellt der Chef der Costa-Reederei seine Mitarbeiter als Helden dar. Den Schwarzen Peter will er allen Ernstes auch den Passagieren zuschieben.
Pierluigi Foschi, Chef der Costa Reederei: „Während der Rettung sahen wir uns sehr starken Emotionen unserer Passagiere ausgesetzt. Diese Emotionen haben zu einem Verhalten geführt, welches möglicherweise den geordneten Ablauf der Rettungsmaßnahmen gestört hat."
Es geht um den Ruf einer bislang sonnigen Branche, das Image. Der Gute-Laune-Urlaub an Bord, er boomt seit Jahren. Viel Luxus für wenig Geld, das zieht. Auch die Costa-Reederei verdient ordentlich mit; hier ein Schwesterschiff der Costa Concordia.
Schnäppchenangebote ohne Ende – und auch nach dem Unglück geht’s weiter, viele Schiffe sind gut gebucht.
Allein in Deutschland haben sich Passagierzahlen in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt – 1,2 Millionen Urlauber waren 2010 an Deck. Umsatz: mehr als 2 Milliarden Euro.
Diese Entwicklung beobachtet Professor Dreeßen mit Sorge – aus einem Grund: die Sicherheit hinkt aus seiner Sicht hinterher.
Sven Dreeßen, Chef des Instituts für Seesicherheit: „Die Rettungsmittel sind irgendwo auf Stand in den 90ern. Deren Entwicklung, deren Fortschritt ist mehr oder weniger stehengeblieben, nicht nur was die Qualität dieser Rettungsmittel anbelangt, hier vor allem die Anzahl der notwendigen Rettungsmittel in Abhängigkeit der beförderten Personen."
Sven Dreeßen hat für report MÜNCHEN eine Auswertung der Rettungsbootkapazitäten sämtlicher Kreuzfahrtschiffe gemacht. Das Resultat ist bedenklich:
Während die Kapazitäten der Rettungsboote in etwa gleich bleiben, steigen die Passagierzahlen enorm an. Bei knapp einem Viertel der Kreuzfahrtschiffe ist das so.
Sven Dreeßen, Chef des Instituts für Seesicherheit: „Die Forderung eigentlich, die Anzahl der Rettungsmittel zu erhöhen, da sich das Gefahrenpotenzial auch erhöht mit steigender Passagierzahl, wurde schlicht und einfach vergessen."
Auch Danielle Vasalli gehörte zur Besatzung der Costa-Reederei. Er war Friseur auf einem Schwesterschiff der Costa Concordia. Auch ihm war eine Aufgabe bei der Evakuierung zugeteilt. Auch er hatte ein Sicherheitstraining absolviert.
Danielle Vasalli, Friseur: „Ich sollte im Notfall die Passagiere zum Rettungsboot Nummer sechs begleiten, sie beruhigen, ihnen aufs Boot helfen und dabei ihre Schwimmwesten kontrollieren. Dafür fühlte ich mich überhaupt nicht geeignet. Dafür bräuchte man doch Offiziere und richtige Matrosen.“
Wir fragen bei der Reederei in Genua nach, wollen wissen, wie viel tatsächlich in Sicherheit und Ausbildung investiert wird. Doch hier kriegen wir keine Antworten, trotz mehrfachem Nachfragen.
Wer macht die internationalen Regeln? Wer setzt fest, welche Rettungsboote es für wie viele Menschen braucht? Wir entdecken: auch die Reedereien. Denn sie gestalten – für die oberste Behörde – die „Internationale Maritime Organisation" - Sicherheitsanalysen mit – und aus denen werden dann Gesetze.
Kosten spielen hier eine bemerkenswerte Rolle – anders als in anderen Branchen.
Sven Dreeßen, Chef des Instituts für Seesicherheit: „In der Luftfahrt ist es umgekehrt. Dort wird erst empfohlen aufgrund der Risikoanalyse – welche Regeländerungen sind notwendig und dann wird gefragt, was kostet uns die ganz Sache. Die Kosten-Nutzen-Analyse wird zum Schluss gemacht und in der Seeschifffahrt ist es andersrum. Da wird erst eine Kosen-Nutzen-Analyse gemacht und dann wird entschieden, machen wir eine Regeländerung oder nicht. Ist leider so.“
Kommt erst die Rendite – und dann der Rest? Der Konkurrenzkampf unter den Reedereien ist enorm. Größer, billiger – der Preisdruck steht über allem. Wie sehr die Umsätze im Vordergrund stehen, zeigen auch Arbeitserfahrungen der Crewmitglieder.
Danielle Vasalli, Friseur: „Die Gäste sehen nur die Sonnenseite der Kreuzfahrt, während unten im Bauch des Schiffes die Menschen ausgenützt werden.“
Seine Aussage steht für die Doppelmoral der Branche. Danielle Vasalli hat mehr als zwölf Stunden am Tag gearbeitet und dafür pro Woche gerade einmal 146 Euro bekommen.
Das Geschäft, es läuft weiter. Nur ein paar Tage nach dem Unglück fährt, so als wäre nichts geschehen, das hell erleuchtete Schwesterschiff an dem Wrack der Costa Concordia vorbei.
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