Report München


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Gotteskrieger in Europa Deutsch-Syrer sucht islamistische Kämpfer

Nidal Kouba und seine Mitstreiter haben ein Ziel: Sie wollen mutmaßliche Terroristen und Kriegsverbrecher in Deutschland und ganz Europa lokalisieren. Ihre Informationen leiten sie an Polizei und Strafverfolgungsbehörden weiter.

Von: Von Ulrich Hagmann, Ahmet Senyurt / ARD report München

Stand: 07.11.2017

Nidal Kouba ist in Syrien geboren, aber in Baden-Württemberg aufgewachsen. Er hat für die Freie Syrische Armee (FSA) gekämpft, fungierte als Pressesprecher. Jetzt hat er einen anderen Job – Nidal Kouba ist ein privater Ermittler. In seinem Besitz ist eine Liste mit Namen von Kämpfern der FSA, die im Verdacht stehen, zu islamistischen Brigaden, zur Terrormiliz IS übergelaufen zu sein oder Kriegsverbrechen begangen zu haben. Kouba will mit seinen Netzwerk herausfinden, wer von diesen Personen nach Europa geflüchtet ist und ob von ihnen Gefahr ausgeht.

"Die Leute haben ihre Grenzen überschritten, haben zur Waffe gegriffen, sind zu Islamisten geworden oder Terroristen sogar und die müssen ihre Strafe einfach bekommen."

Nidal Kouba

Kämpfer oder nicht?

Für eine große 90minütige arte-Dokumentation ("Gotteskrieger in Europa" heute um 21.40 Uhr auf arte; eine Kurzfassung um 21.45 Uhr in report München, Das Erste) konnte ein Team des ARD-Politikmagazins report München und der BR-Redaktion "Politische Dokumentationen" Nidal Kouba bei seinen Ermittlungen begleiten. Am Bodensee zum Beispiel lebt ein 25-Jähriger Mann in einer Flüchtlingsunterkunft. Er hat erst für die Freie Syrische Armee gekämpft, ist aber dann zu islamistischen Rebellen übergelaufen.

Ist dieser Mann gefährlich? Deutsche Behörden haben ihn im Visier, der junge Mann wird verdächtigt, ein IS-Kämpfer zu sein. Nidal Kouba sagt nach einem längeren Gespräch mit dem Mann, dass dieser gefährlich sein könnte – sicher sei er sich aber nicht. Nidal will den jungen Mann im Auge behalten.

Was machen die Sicherheitsbehörden?

Junge Männer, die für islamistische Gruppierungen oder den IS gekämpft haben und nach Europa oder auch nach Deutschland gekommen sind, beschäftigen auch deutsche Behörden:

"Uns machen natürlich auch die Personen Sorgen, die für den IS gekämpft oder für andere dschihadistische Gruppierungen gekämpft hatten. Das sind oftmals  Kriegsverbrecher. Das sind Personen mit einer Terrorvergangenheit. Wir wissen nicht, was hinter ihrer Stirn vorgeht, ob sie nicht vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt doch entschließen, einen Anschlag hier zu begehen."

 Hans-Georg Maaßen, Präsident Bundesamt für Verfassungsschutz

Nidal Kouba gibt seine Informationen an die deutsche Polizei weiter. Er hat Kontakt zu Landeskriminalämtern in Deutschland. Ihm ist aber wichtig, dass er nicht im Auftrag der Behörden handelt.

"Ich arbeite nicht für die Polizei und nicht für irgendwelche Nachrichtendienste oder sonst irgendjemand, sondern ich mache das freiwillig."

Nidal Kouba

Ermittlungen in ganz Europa

Eine Art Privatermittler, der auf eigene Faust arbeitet und in ganz Europa unterwegs ist. Zum Beispiel auch in Schweden. Ein Mann, der ursprünglich für die Freie Syrische Armee gekämpft hat, soll ein Al-Kaida-Kämpfer sein. Und dieser Verdacht bewahrheitet sich bei dem Gespräch von Kouba mit dem Mann.

Kouba weiß jetzt, dass der Mann ein islamistischer Kämpfer war. Und der Mann hat die schwedischen Behörden belogen.

"Für mich ist er gefährlich, auch wenn er eine Halblähmung durch die Kriegsverletzung hat, aber trotzdem kann er noch sprechen, er kann steuern. Er bleibt gefährlich, weil die Einstellung bei ihm im Kopf immer noch die Gleiche ist."

Nidal Kouba

Über jeden seiner Einsätze schreibt Nidal Kouba einen Bericht, den er an die Sicherheitsbehörden weiter gibt. Die reagierten anfangs misstrauisch. Mittlerweile genießt er ein gewisses Vertrauen, wird immer wieder angefragt. Und er sagt als Zeuge in Prozessen gegen Verdächtige aus. Nidal Kouba sucht weiter nach Islamisten und Kriegsverbrechern, die auf seiner Liste stehen. Er sagt, das ist er Deutschland schuldig, dem Land, in dem er aufgewachsen ist.

  

Die Recherche: Wie vertrauenswürdig ist Nidal Kouba?

Bei Recherchen in der gewaltbereiten Islamisten-Szene stehen Journalisten oft vor einem Dilemma. Zum einen gibt es kaum authentische Zugänge zur Szene oder Informationen aus der Szene, zum anderen sickern schnell Informationen und Ermittlungsergebnisse von Polizei, Geheimdiensten und Staatsanwaltschaften durch und dominieren die Berichterstattung.

Wie aber lassen sich Geschichten recherchieren, die ein differenziertes Bild ermöglichen? „Privatpersonen“ mit Zugang zu Informationen sind für Journalisten als Quellen schwierig zu bewerten. Wie lässt sich deren Glaubwürdigkeit überprüfen? Eine Frage, die sich unserem Team bei Recherchen und Dreharbeiten zu dieser Dokumentation häufig stellte.

Der Name Nidal Kouba alias „Abu Yasin“ taucht seit Jahren als Quelle bei den Sicherheitsbehörden oder in Medienberichten auf. Mal als „Vermittler“ in den Entführungsfällen „Grünhelme“, mal unter seinem Kampfnamen „Abu Yasin“. Unter diesem Namen wurde Kouba im Auswärtigen Amt als Ansprechpartner der Freien Syrischen Armee geführt.

2015 konnten Reporter des ARD-Politikmagazins report München einen hochrangigen IS-Aussteiger in Dubai interviewen. Nidal Kouba hat das Treffen vermittelt, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen.

Nidals Koubas Recherchen und Informationen fließen deutschen Sicherheitsbehörden zu. Er steht in ständigem Kontakt mit mehreren Landeskriminalämtern, wird als Zeuge in Ermittlungsverfahren gehört und sagt vor Gericht aus. Zuletzt wurde er im September im Düsseldorfer Prozess gegen einen syrischen Kriegsverbrecher gehört. Mitte Oktober war er zu einer Konferenz der syrischen nationalen Demokraten in Berlin eingeladen. Die Konferenz mit 40 Teilnehmern debattierte zwei Tage lang in der über die demokratische Zukunft in Syrien mit Vertretern aller Ethnien und religiösen Minderheiten.

Nidal Kouba ist in Syrien schwer gefoltert worden, mit dieser Schlüsselerfahrung erklärt er seinen Kampf gegen Kriegsverbrecher und Terroristen. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen den Kriegsparteien. Er ermittelt auch gegen Kriegsverbrecher in den eigenen Reihen, bei der Freien Syrischen Armee. Im Visier hat er aber auch Assads Armee, den IS und die Al-Nusra-Front, den Al-Kaida Ableger in Syrien.

Nidal Kouba erklärt, seine Arbeit werde von deutschen und arabischen Geschäftsleuten unterstützt. Außerdem entstamme er einer wohlhabenden Familie und sein Schwiegervater sei Politikberater in den USA.

Entscheidend für die Glaubwürdigkeit des Protagonisten ist aber die Fülle der Dokumente und des Videomaterials, das er vorlegen konnte, um seine Behauptungen zu stützen. Zwar war es nicht möglich, diese Angaben in Syrien exakt gegen zu recherchieren. Aber es finden sich entweder Zeugen, die seine Rolle bestätigen, oder auch Behördendokumente, wie der Durchsuchungsbeschluss im Falle des Mannes am Bodensee, die seine Aussagen bestätigen.In ganz Europa hat Nidal Kouba während der Dreharbeiten Mittelsmänner und Vertraute besucht, die seine Recherchen unterstützen.

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