Report München


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Machtverlust Die Sehnsucht der SPD nach der Opposition

20,5 Prozent - Das Ergebnis hallt nach wie ein Donnerschlag. Bereits am Wahlabend kommt von Parteichef Martin Schulz die klare Ansage: Für die SPD ist es Zeit für die Opposition. Und die Basis jubelt.

Von: Pia Dangelmayer, Ulrich Hagmann, Anna Klühspies

Stand: 25.09.2017

Montag Morgen in Berlin: Christian Flisek, SPD Abgeordneter aus Passau schaut in Richtung Bundestag. Er hat sein Mandat verloren und muss sein Büro räumen.

"Ja natürlich, ein bisschen Wehmut das war ja sozusagen mein Ausblick in vielen vielen Stunden. Auch Ausschussarbeit, NSA Ausschuss, da gab es viel, viel zu lesen, viele Akten. Klar man verabschiedet sozusagen sich in diesen Tagen davon."

Christian Flisek, SPD, Ehemaliger Abgeordneter Deutscher Bundestag

Einen Monat hat er jetzt Zeit, hier auszuziehen.

"Mit so einem Ergebniss kann glaube ich niemand rechnen. Das war für uns als SPD auch in Bayern eine Katastrophe jetzt geht's wirklich ans Eingemachte. So eine Entscheidung muss man einfach mal akzeptieren. Die Wählerinnen und Wähler haben mit ihrer Abstimmung Politik gemacht. Und da ist man natürlich wenn man selber betroffen ist, schnell dabei die Wunden zu lecken, aber man muss auch mal den Blick öffnen und sagen, was ist eigentlich die Botschaft, die an uns gerichtet wird?"

Christian Flisek, SPD, Ehemaliger Abgeordneter Deutscher Bundestag

Martin Schulz neben Andrea Nahles

Diese Frage wird zur selben Zeit auch in der SPD Parteizentrale diskutiert. Hier sind die Spitzengenossen auf dem Weg zur Sitzung des Parteivorstandes. Was auffällt an diesem Montag. Martin Schulz umgibt sich demonstrativ mit SPD Frauen. Immer an seiner Seite Andrea Nahles

"Wo ist die Andrea?"

Martin Schulz

Was auch auffällt: Sigmar Gabriel kommt alleine, scheint isoliert, ebenso wie Thomas Oppermann.

Auch auf dem Weg zum Parteivorstand, die Juso Vorsitzende Johanna Ückermann. Wie Andrea Nahles gehört sie zum linken Parteiflügel.

"Ich habe immer dafür geworben, dass wir rot-rot-grün machen, statt in eine große Koalition zu gehen, aber die Partei hat sich anders entschieden. Nichtsdestotrotz muss man jetzt aus der Opposition heraus arbeiten, dass wir als Linke wieder mehrheitsfähig werden."

Johanna Ückermann, SPD, Juso-Vorsitzende

SPD soll weiblicher und jünger werden

Am Nachmittag tritt Martin Schulz tritt vor die Presse und verkündet die Marschrichtung. Weiblicher und jünger solle die SPD werden, Andrea Nahles soll die Fraktion in die Opposition führen. Ein paar Etagen drüber schalten sich die Jusos bundesweit zur Telefonkonferenz zusammen. Kommt jetzt die große Abrechnung?

"Was uns bestimmt nicht weiterhilft, ist jetzt noch einmal jeden einzelnen SPD Politiker sich anzugucken und zu gucken, was hat er jetzt noch für ein bisschen Schuld da beigetragen, so das ist nicht zielführend."

Johanna Ückermann, Juso-Vorsitzende

Auch Christian Flisek denkt jetzt vor allem an die Partei und hat deswegen wenig Mitleid mit Spitzengenossen, die ihren Ministerposten verlieren.

"Wer einen Posten verliert und vielleicht keinen adäquaten Posten bekommt, für den ist es eine bittere Situation, da sind Spitzenpolitiker in einer ganz ähnlichen Situation, wie ich der jetzt ein Mandat verliert, aber so ist das nun mal. Das ist jetzt alles noch alles sehr frisch, dann kochen auch sicherlich an einigen Stellen Emotionen hoch, aber es geht jetzt um die Existenz der Partei die Partei. Die Partei muss sich komplett organisatorisch, inhaltlich neu aufstellen."

Christian Flisek, SPD, Ehemaliger Abgeordneter Deutscher Bundestag

SPD-Wahlplakat wird abgehängt

Er ist nicht der einzige SPD Abgeordnete der sein Mandat verliert auch sein Zimmernachbar Carsten Träger aus Fürth muss sein Büro räumen. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg zum letzten Besuch der Parlamentarischen Gesellschaft. Treffpunkt für Abgeordnete, eine Art Wohnzimmer des Parlaments. Kommt da Wehmut auf?

"Wenn jetzt sozusagen dann wirlic die letzten Dinge passieren, wie zum Beispiel die letzte Teilnahme an einer Fraktionssitzung, dann kann es schon sein, dass dann das Gefühl hochkommt."

Christian Flisek, SPD, Ehemaliger Abgeordneter Deutscher Bundestag

Rechter SPD-Flügel geht auf Distanz

Heute morgen im Bundestag kurz vor der Fraktionssitzung. So einig, wie sie behaupten sind die Sozialdemokraten nicht. Martin Schulz sei vorgeprescht, heißt es. Der rechte Parteiflügel geht vorsichtig auf Distanz.

"Natürlich ist es halt so, dass wir auch mit Frau Nahles natürlich erst mal wieder klar kommen müssen, das ist nicht ganz einfach, die ist halt anders aufgestellt."

Johannes Kahrs, SPD, Sprecher Seeheimer Kreis

Auch Christian Flisek ist auf dem Weg zur Fraktionssitzung. Seine Letzte.

"Etwas Wehmut ist dabei, aber ich bin noch zu jung, um jetzt ganz nostalgisch zu werden. Insofern – was früher eine Routine war ist jetzt ein Abschied und man kommt aber auch darüber weg. Tschüss auf Wiedersehen."

Christian Flisek, SPD, Ehemaliger Abgeordneter Deutscher Bundestag

Christian Flisek ist einer von 40 SPD-Abgeordneten, die dem neuen Bundestag nicht mehr angehören werden.  

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