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Unterschätzte Risiken und Nebenwirkungen Die Gefahr von Bluttransfusionen

Ohne jeden Zweifel retten Bluttransfusionen Leben, sind in der Medizin unabdingbar. Allerdings gibt es wohl auch erhebliche Risiken, die bislang eher unterschätzt werden.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 17.01.2017

Viele schwerkranke Patienten würden ohne Bluttransfusionen nicht überleben. Blut spenden rettet Leben – diesen Satz kennt jeder und dieser Satz stimmt auch. In medizinischen Notfällen, zum Beispiel nach Unfällen oder bei schweren Operationen sind Bluttransfusionen unersetzlich.

Weniger bekannt ist allerdings, dass Bluttransfusionen gefährliche Risiken bergen können: Darüber diskutiert die Fachwelt seit Jahren.

Studien zeigen, dass zum Beispiel bei Herzpatienten mit Transfusionen etwa doppelt so viele Folgeinfarkte auftraten und zwölf Prozent mehr Patienten starben. Auch traten mehr neue Metastasen bei Patienten auf, die Bluttransfusionen bekamen und das Risiko für Lymphdrüsenkrebs und Darmkrebs stieg an. Eine Bluttransfusion wirkt für viele Wissenschaftler demnach auf den Körper wie eine Mini-Transplantation. Es gibt aber auch Studien, die die Risiken bezweifeln. 

Wie umgehen mit Transfusionen?

Für Prof. Kai Zacharowski, Chef der Anästhesie-Abteilung am Universitätsklinikum Frankfurt steht fest:  Im deutschen Krankenhaus-Alltag werde zu leichtfertig und verschwenderisch mit Bluttransfusionen umgegangen, das sei teuer und gefährlich. 

"Wir sind  das Land mit den meisten Transfusionen pro Kopf in der Welt. Das ist auch ein bisschen ein deutsches Verhalten, dass wir glauben, dass Blut immer was Gutes ist. Das abzuschaffen, das ist schwierig und da ist auch so ein bisschen Gegenwind."

Prof. Kai Zacharowski, Anästhesist Universitätsklinikum Frankfurt

Wichtig ist für Zacharowski, dass er keinesfalls Transfusionen in Notfällen in Frage stellen will – allerdings will er gemeinsam mit Mitstreitern die Zahl der Transfusionen bei planbaren Eingriffen reduzieren. Deswegen hat Prof. Zacharowski und sein Team "Patient Blood Management" ins Leben gerufen: Sie sparen zum Beispiel Blut mit der Behandlung der Blutarmut vor Operationen. Oder mit der Optimierung der Blutabnahme. Sie haben die Blutmenge im Proberöhrchen um zwei Drittel reduziert und die Blutuntersuchung zentralisiert.

Der Einspareffekt beträgt 1000 Liter Blut im Jahr, soviel wird Patienten an der Uniklinik Frankfurt weniger abgenommen. Zacharowski hat auch eine große Untersuchung mit 130.000 Patienten zusammen mit vier weiteren Unikliniken durchgeführt. Um 30 Prozent konnte die Zahl der Patienten mit Nierenversagen nach Transfusionen durch "Patient Blood Management" vermindert werden.

Negativeffekte werden befürchtet

Prof. Erhard Seyfried vom Blutspendendienst Hessen Baden-Württemberg ist an den Studien zum "Patient Blood Management" beteiligt. Er lobt und fördert die Initiative. Dennoch schränkt er ein:

"Es gibt Anhaltspunkte, dass Blut vielleicht doch mehr Nebenwirkungen haben könnte, als bisher angenommen worden ist, aber diese Anhaltspunkte müssen jetzt noch einmal durch prospektive und randomisierte Studien belegt oder eben widerlegt werden."

Prof. Dr. med. Erhard Seifried DRK Blutspendendienst Baden-Württemberg – Hessen

Der Blutspendedienst hat in der Diskussion auch Sorge um das Image der Blutspende.

"Wir dürfen unsere Blutspender durch Negativ-Diskussionen über die Sinnhaftigkeit und die mögliche Gefährlichkeit von Blut nicht von der Blutspende abschrecken, denn selbst wenn der Blutbedarf jetzt zurück geht, und weiter zurück ginge, brauchen wir trotzdem 70 bis 80% des Blutes, was wir bisher gebraucht haben."

Prof. Dr. med. Erhard Seifried, DRK Blutspendendienst Baden-Württemberg – Hessen

Immer wieder kommt es auch in Bayern zu einem Notstand an Blutspenden und mit Sicherheit werden auch trotz eines möglichen besseren Blutmanagements weiterhin viele Blutspender gebraucht.

Prof. Zacharowski kämpft für seine Idee vom Blutsparen bei planbaren Operationen.

"Es ist billiger, es ist sicherer und wir retten noch Leben nach unserer Studie. Jetzt muss die Politik auch etwas machen. Nur diese Studie zu haben reicht nicht. Wir brauchen jetzt die Unterstützung und den Rückenwind."

Prof Kai Zacharowski, Anästhesist Universitätsklinikum Frankfurt

Doch weder Politik noch Krankenkassen interessieren sich richtig für das Thema. Das Gesundheitsministerium verweist auf ärztliche Richtlinien:

"Die Anwendung von Bluttransfusionen liegt in der Verantwortung des Arztes, der die für seine Patienten adäquate Menge und Häufigkeit der Transfusion festlegt. Wie bei allen Arzneimitteln sind unnötige Anwendungen zu vermeiden."

Antwort Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage von report München

Die Politik glaubt, sie sei nicht zuständig. Dabei gibt es in Deutschland ein Transfusionsgesetz. Aber eine Verpflichtung, mit Blutkonserven sparsam umzugehen, steht dort nicht drin.

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