Report München


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Grausame Tierquälerei Wie bedrohte Bären für chinesische Medizin drangsaliert werden

Tausende von bedrohten Tieren werden jedes Jahr gefangen und getötet, und das nur zu einem einzigen Zweck: um Heilmittel für die Traditionelle Chinesische Medizin herzustellen. Die verbreitet sich weltweit – und so landen Präparate aus beinahe ausgerotteten Arten auch bei uns in Deutschland. Besonders grausam ist die Gewinnung von Flüssigkeit aus der Galle von Bären: Sie wird den Tieren bei lebendigem Leib entnommen – immer wieder. Report München über eine schreckliche Tradition: Die Qual der Bären zum vermeintlichen Heil der Menschen.

Von: Pia Dangelmayer Stand: 27.08.2013

Diese beiden haben Glück gehabt. Rainy und Misty, Regen und Nebel. Die Bärenbabys sind gerade ein paar Wochen alt, neugierig und verspielt – vom Aussterben bedroht. Tierschützer haben sie gerade noch an der Grenze von China zu Vietnam aus den Fängen grausamer Bärenhändler befreit.

Bärenfarmen in Vietnam – ein schreckliches Geschäft. Gefangen in engen Käfigen. Mehr als zweieinhalbtausend Bären müssen so leiden. Denn die Farmer wollen nur eins: Der Gallensaft  gilt als Heilmittel in Teilen der Traditionellen Chinesischen Medizin. Eine schmerzhafte Prozedur.

In Vietnam ist der Handel mit Bärengalle mittlerweile verboten. Trotzdem finden wir Werbeplakate für diese Produkte. Nach wie vor ein lukratives Geschäft.

Wir sind mit den Tierschützern von Animals Asia unterwegs zu einer Bärenfarm, nicht weit von der Hauptstadt Hanoi. Sie wollen die Besitzer überzeugen, ihre Bären abzugeben. Die Geschäfte scheinen gut zu laufen – im Verkaufsraum die Abfüllanlage für die Bärengalle. Die Tierschützer haben schon lange ein Auge auf die Farm – vor einigen Jahren haben sie noch vierzig Bären gezählt, jetzt werden noch sieben gefangen gehalten.

Tuan Bendixsen, Animals Asia Vietnam: “I just asked the owner, what happened to the thirteen bears when I was here last time. She told me, they gave them away to somebody else, didn’t say who or where the bears gone to, so we only fear the worst for the bears: They may have killed them, they may have sold them up to some other farms, we don’t know.”

(„Wir haben gefragt, was mit den Bären passiert ist. Die Besitzerin hat gesagt, sie habe sie weggegeben, wir wissen nicht wohin, aber wir fürchten das Schlimmste: Dass sie sie an eine andere Farm verkauft oder sogar getötet haben.“)

Die Tatzen sind gezeichnet von den scharfen Käfigstangen. Aber die Tierschützer haben keinen Erfolg – sie müssen die Bären zurücklassen.

In der Auffangstation Tam Dao leben mehr als einhundert Malaien- und Kragenbären – alle gerettet aus Käfigen der Gallenhändler. Hier können sie sich endlich wieder frei bewegen, herumtollen, spielen.

Die Tierschützer kümmern sich auch um die medizinische Versorgung. Die beiden neuen Bärenbabys werden erst einmal gewogen und untersucht, bevor sie raus in den Park dürfen. Sie wurden in letzter Sekunde vor einem schrecklichen Schicksal bewahrt. Denn draußen werden sie gnadenlos gejagt und gequält.

Diese Bilder werden uns von einer Naturschutzorganisation übergeben – die Bärengallenentnahme, lange sogar eine Vorführung für Touristen. Dieser Bär wird eingezwängt und mit Metallstangen traktiert, um die Betäubungsspritze in die Tatze zu setzen.

Dann wird er auf den Boden gezerrt, eine Hohlnadel in die Galle gestochen – „Melken“, nennen sie das. Die Gallenflüssigkeit ist begehrt, sie soll gegen Leberprobleme und Augenkrankheiten helfen, Fieber senken, Verletzungen heilen.

Unterwegs in Hanoi. Der Versuch, Bärengalle zu kaufen, die ja eigentlich verboten ist. Auf einer Bärenfarm. Kurze Nachfrage – alles kein Problem.

Verkäuferin: „Damit können Sie hunderte von Krankheiten heilen, sogar Krebs.“

Mann: „Können Sie mehr davon besorgen?“

Verkäuferin: „Ja. Wenn Sie brauchen: Tausende davon.“

Die Behörden unternehmen offensichtlich wenig gegen den Handel. Doch Interviews, Stellungnahmen hierzu: Fehlanzeige.

Diese Röhrchen finden immer wieder auch den Weg ins Ausland, zum Beispiel nach Deutschland. Erst im vergangen Jahr wurden am Flughafen Frankfurt mehrere Schatullen mit Bärengalle aus Asien beschlagnahmt.

Franz Böhmer ist beim Bundesamt für Naturschutz für den Artenschutz zuständig – bei ihm in der Asservatenkammer landen Beschlagnahmungen vom Zoll, die Bärengalle meist als eine Art Pulver, hübsch verpackt.

Franz Böhmer, Bundesamt für Naturschutz: „In der Regel sind es Personen aus dem asiatischen Raum, die in die Heimat zurückgereist sind, sich von dort die Sachen mitbringen, weil sie sie kennen, oder aber Personen, die das übers Internet bestellen und wo das dann als Postpaket ankommt und abgegriffen wird.“

Die Bärengalle stammt meistens vom Malaien- oder Kragenbär, beide unterstehen weltweit der höchsten Artenschutzstufe. Sie sind vom Aussterben bedroht. Der Handel streng verboten  - es drohen fünf Jahre Gefängnis.

Im Internet stoßen wir auf verschiedene Produkte mit Bärengalle, Pillen, Cremes – Fel ursi, der Fachbegriff. Und wir finden einen Shop in Bonn, der mit „dried bearbile“, „getrockneter Bärengalle“ wirbt. Auf Nachfrage sagt uns der Inhaber, die Seite sei viele Jahre alt, die Bärengalle kam aus Russland, er handele nicht mehr damit. Wir recherchieren auch im Umfeld von Apotheken, die offiziell natürlich nichts verkaufen. Eine Frau hält uns für einen Stammkunden und bietet an, uns das Bärengallenpräparat, also „Fel Ursi“ per Post zu schicken.

Ein paar Tage später fragen wir noch einmal nach.

report München: „Wir hatten telefoniert wegen dem „Fel Ursi“.“

Die Frau sagt uns, leider habe sie nichts mehr da. Das sei verboten, sie biete das nur privat an. Wir wollen das Angebot nicht weiter verfolgen.

Zurück in Vietnam. Wir machen uns mit Animals Asia auf zu einer weiteren Farm, in der eine Gallenbärin gefangen gehalten wird. Der Zustand des Tieres ist kritisch, die Tierschützer sind den Tränen nahe.

Jill Robinson, Animals Asia: “Animals die so quickly from those awful diseases, but bears seem to go on for months and months and months, in such great agony, without dying, that’s what I think just breaks our hearts that they suffer so much, so badly, because they are so strong and so stoic.”

(„Andere Tiere sterben einfach, aber Bären scheinen noch Monate leben zu können, sie ertragen Höllenqualen, ohne zu sterben. Das bricht uns das Herz, dass sie so sehr leiden, gerade weil sie so stark sind (und so stoisch).“)

Die Besitzer behaupten, sie würden ihr Tier innig lieben, seien aber zu alt, um es zu halten. Eine Chance für die Tierretter: Sie dürfen die Bärin mitnehmen, in die Auffangstation, ein zweites Leben.

In Vietnam gilt die Bärengalle nach wie vor als wichtiges Heilmittel. Nur wenn sich das ändert und sie auch bei uns nicht mehr nachgefragt wird, haben die todgeweihten Tiere eine Chance. Auf ein echtes Bärenleben.


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