Report München


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Transparenz? Fehlanzeige! Ekelbrot in bayerischen Bäckereien

Mäusekot, Schaben, Schimmel – in mehreren bayerischen Großbäckereien gab es in den Jahren 2013-2016 offenbar große Hygienemängel. Das zeigen Unterlagen der Organisation foodwatch, die report München und der Süddeutschen Zeitung exklusiv vorliegen. Das Fazit: Nach wie vor werden den Verbrauchern wichtige Informationen vorenthalten.

Von: Philipp Grüll, Sebastian Kemnitzer, Markus Rosch

Stand: 27.06.2017

In dritter Generation führen die Brüder Lorenz und Christian Bachmeier den Betrieb "Bäcker Bachmeier", haben mehrere Hundert Angestellte. Eine mittelständische Erfolgsgeschichte. Doch am vergangenen Freitag ist davon nichts zu spüren – die beiden Brüder haben report München und die Süddeutsche Zeitung zum Gespräch in die Zentrale nach Eggenfelden geladen, allerdings möchten sie nicht gefilmt werden. Die Brüder wollen sich vor allem zu den Vorfällen im Frühjahr 2015 erklären. Vorfälle, von denen die Öffentlichkeit bisher nichts erfahren hat.

In den Unterlagen, offizielle Untersuchungsberichte, die dem ARD-Politmagazin report München und der Süddeutschen Zeitung vorliegen, heißt es: "Laut Gutachten des LGL vom 04.05.2015 handelt es sich um eine in Mühlengold Klassisch Krusten-Schnitten eigebackene Deutsche Schabe."

Und im gleichen Bericht zu einer Kontrolle am 11. Juni 2015 bei Bachmeier steht bezüglich der Betriebs- und Prozesshygiene Folgendes: "Gravierende Mängel im Bereich Biowarenlager, LM- und Verpackungslager und in Bereichen der Bäckerei aufgrund von Schädlingsbefall."

Die Brüder Bachmeier sagen dazu, dass sie die damaligen Vorfälle zutiefst bedauern: "So etwas darf einfach nicht vorkommen." Sie hätten umgehend umfangreiche Maßnahmen eingeleitet, um eine Wiederholung solcher Fälle auszuschließen.

Kontrollen von acht Großbäckereien

Der Verbraucherorganisation foodwatch liegen Berichte von insgesamt 69 Kontrollen in acht bayerischen Großbäckereien vor. foodwatch hatte bei den Behörden angefragt: Welche Beanstandungen und Hygienemängel gab es bei acht bayerischen Großbäckereien zwischen 2013 bis 2016? Die Behörden müssen nach Verbraucherinformationsgesetz unter einigen Bedingungen Auskunft geben, allerdings zieht sich das Verfahren häufig hin.

"Es gab über die Jahre hinweg immer wieder Kontrollen, bei denen die Kontrolleure auf Mäusekot, auf Schaben, auf Käfer im Mehl gestoßen sind, auf Schimmel in den Backstuben, einfach auf sehr schlechte Hygienezustände. Drei der acht Unternehmen hatten wirklich immer wieder Probleme, was die Hygiene angeht, das sind die Bäckerei Ihle, der Bachmeier und der Beck. Das sind drei sehr große Bäckereiunternehmen, wo wirklich auch über die Jahre hinweg immer wieder Kontrollen stattgefunden haben, die Hygienemängel und Verstöße festgestellt haben."

Johannes Heeg, foodwatch

15.000 Euro Bußgeld für Ihle

Bei Ihle wird unter anderem 2013 ein "Plastikstreifen, ca. 20cm lang, vermutlich Klebeband" in einem Brot gefunden, im Juni 2014 fanden die Kontrolleure Käfer, Mäusekot und Schaben im Betrieb. Im Oktober 2014 gibt es einen "deutlichen Schädlingsbefall" im Bereich des sogenannten Krapfengärtunnels. 2015 gab es dann Verbraucherbeschwerden wegen Metallspänen, bei einer Kontrolle im März des gleichen Jahres wird wieder Schädlingsbefall festgestellt. Insgesamt musste Ihle 15.000 Euro Bußgeld zahlen.

Ihle schreibt dazu gegenüber report München und der Süddeutschen Zeitung:

"Die Berichte beschreiben Mängel aus der Vergangenheit, die einzelne Produktionsbereiche der Bäckerei Ihle in Friedberg betroffen haben. Es handelte sich um Mängel, die wir stets nach Feststellung bearbeitet haben und unverzüglich abstellen konnten. (…) Im April 2015 gab es in der Bäckerei Ihle eine deutliche Zäsur: Als Inhaberfamilie der Bäckerei war uns damals klar, dass wir nicht nur akute Maßnahmen zur sofortigen Behebung ergreifen müssen, sondern nachhaltige Veränderungen in diesem Produktionsbereich (Hallen 1 und 2) der Bäckerei nötig sind. (…) In die Sanierung des Betriebs in Friedberg haben wir dafür bereits 4,4 Millionen Euro investiert."

Auszug Stellungnahme 'Landbäckerei Ihle'

Wohl Kotpille eines Kleinsäugers in Weizenbrötchen von "Der Beck"

Der Slogan von der Bäckerei "Der Beck" lautet: "Lecker. Leben. Leidenschaft." Ein Auszug der Beanstandungen bei Kontrollen in den vergangenen Jahren: 2014 gibt es eine Verbraucherbeschwerde über einen Fremdkörper in einem Weizenbrötchen – die Behörden untersuchen es, wohl die "Kotpille eines Kleinsäugers". Im Oktober des gleichen Jahres wird der Betrieb kontrolliert und "mittelgradige Mängel" in Betriebs- und Prozesshygiene festgestellt. Und beispielsweise im vergangenen Jahr wird eine Probe eines Apfelzimtkuchens untersucht: Dieser ist mit Metallspänen verunreinigt.

Das Erlanger Unternehmen äußert sich gegenüber report München und der Süddeutschen Zeitung nicht explizit zu den einzelnen Beanstandungen.

"Seit 2013 fanden in unserem Produktionsbetrieb 14 Kontrollen statt. Festgestellte Beanstandungen wurden umgehend beseitigt. Erfolgt der Hinweis eines Mangels zu einem Produkt, wird das entsprechende Produkt umgehend aus dem Verkauf genommen. Wird von der Lebensmittelüberwachung oder LGL ein Mangel festgestellt, wird dieser unverzüglich behoben."

Auszug Stellungnahme 'Der Beck'

Verbraucher wird nicht informiert

Ekelerregende Zustände findet die Verbraucherorganisation foodwatch. Sie fordert mehr Transparenz gegenüber dem Verbraucher, alle Kontrollberichte sollten veröffentlicht werden:

"Die Hygiene- die Lebensmittelkontrollen werden aus Steuergeldern finanziert, der Steuerzahler erfährt aber nicht, was dabei herauskommt. Die Ergebnisse liegen bei den Behörden, werden nicht veröffentlicht. Aus unserer Sicht ist es ein Recht der Verbraucher, diese Ergebnisse zu verfahren, um dann selbst eine informierte Kaufentscheidung  treffen zu können. Dann kann jeder Verbraucher für sich entscheiden, ob die Ergebnisse aus der letzten Kontrolle so sind, dass er in dem Betrieb nicht mehr einkaufen möchte."

 Johannes Heeg, foodwatch

Paragraph funktioniert nicht

Eigentlich sollte es mehr Transparenz durch einen neuen Paragraphen im Lebensmittel-, Bedarfsgegenstände- und Futtermittelgesetzbuch (LFGB) geben, der 2012, im Jahr des Müller-Brot-Skandals, in Kraft trat. Wenn zum Beispiel wegen Hygieneverstößen ein Bußgeld von 350 Euro zu erwarten ist oder eine Firma wiederholt negativ auffällt, soll die Öffentlichkeit informiert werden.

Klingt gut. Allerdings gab es Klagen von Unternehmen dagegen; mehrere Gerichte haben den Unternehmen Recht gegeben. Deswegen wird der Paragraph quasi nicht mehr angewendet, jetzt muss das Bundesverfassungsgericht entscheiden.

Politik wollte eigentlich für Transparenz sorgen

Eigentlich wollte die Politik handeln, die große Koalition hat im Koalitionsvertrag eine erneute Reform des LFGB und des Verbraucherinformationgesetzes angekündigt, damit die „rechtssichere Veröffentlichung von festgestellten, nicht unerheblichen Verstößen unter Reduzierung sonstiger Ausschluss und Beschränkungsgründe möglich ist.“

Auf Anfrage von report München und der Süddeutschen Zeitung schreibt das zuständige Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft:

"Weder das VIG, noch §40 LFGB wurden in dieser Legislaturperiode geändert. Im Übrigen können wir Ihnen keinen neuen Sachverhalt mitteilen."

Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft

Und die bayerische Politik? Auf eine Interviewanfrage reagiert die Verbraucherschutzministerin Scharf nicht, kündigt aber ausgerechnet vor zwei Tagen ein neues Sonderkontrollprogramm für Großbäckereien an.

Dänemark und das Smiley-System

In Dänemark werden seit  2001 die Resultate von Kontrollen sofort veröffentlicht. Mithilfe eines Smiley-Systems. Die Kontrollberichte müssen an jedem Geschäft hängen, werden auch im Internet veröffentlicht.

Der Kunde weiß sofort, woran er ist. Poul Ottosen ist jener Politiker, der dieses System geplant und durchgesetzt hat. Nach anfänglichen Widerständen haben auch die Geschäfte mitgezogen. Über die Erfolgsquote ist Ottosen stolz.

"Heute sind die allermeisten zufrieden, als mehr als 80 Prozent, 90 Prozent vielleicht, auch von den Wirtschaftsleuten, Sie akzeptieren, das ist ein faires System, das funktioniert gut."

 Poul Ottosen

Ein Modell für Deutschland?

Auch in Deutschland wurde schon über ein ähnliches Modell diskutiert, allerdings konnten sich die Verbraucherschutzminister der Länder nicht durchsetzen. Die meisten Bäckereien aus dem foodwatch-Bericht können sich durchaus mehr Transparenz vorstellen. Von "Der Beck" heißt es auf Anfrage beispielsweise:

"Da wir als Unternehmen grundsätzlich Transparenz befürworten, können wir uns auch ein ähnliches Modell, wie z.B. in Dänemark vorstellen."

Auszug Stellungnahme 'Der Beck'

Auch die Brüder Bachmeier können sich so ein Modell vorstellen. Sie sagen, alles sei bei ihnen sauber, das hätten die jüngsten Kontrollen gezeigt.

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