Report München


11

In Deutschland ausgebeutet und allein gelassen Das gefährliche Leben ausländischer LKW-Fahrer

Hassobjekt Brummis: Autofahrer schimpfen über die lästigen Lkws. Sie verstopfen Straßen und Rastplätze. Übermüdete Fahrer - eine rollende Lebensgefahr. Und dennoch werden gut 70 % aller Güter über den Asphalt transportiert. Tendenz steigend. Osteuropäische Fahrer arbeiten für Dumpinglöhne. Und unter unwürdigen Bedingungen. Und die deutsche Politik sieht zu?

Von: Susanne Rosner

Stand: 13.02.2017

Sie sind monatelang am Stück unterwegs, schlafen in der Fahrerkabine, kochen an Parkplätzen auf Gaskochern – und verdienen weit weniger als den Mindestlohn, teilweise gerade einmal ein paar Euro am Tag. Die Kennzeichen ihrer Lastwägen verraten: Immer mehr Lkw-Fahrer kommen aus der Slowakei, Polen, Ungarn oder Rumänien.

Doch die meiste Zeit sind sie auf deutschen Straßen unterwegs und unterliegen, falls sie das Land nicht nur passieren, deutschem Recht. Wie etwa der Einhaltung des Mindestlohns. Eigentlich. Doch was schert das die Speditionen, für die sie arbeiten? Die deutschen Bußgelder werden von den Auftraggebern in Kauf genommen, ja teilweise sogar schon einkalkuliert. Die Strafen in Deutschland sind niedrig und die Kontrollen auf deutschen Straßen selten. Illegale Zustände also – mitten auf deutschen Autobahnen und Raststätten

"Die deutschen Bußgelder sind manchmal so niedrig, dass die Spediteure das aus der Kaffeekasse bezahlen."

Hauptinspektor Raymond Lausberg, Leiter der Autobahnpolizei in Battice

Gefahr Übermüdung

Die Konkurrenz aus Osteuropa verschärft den Wettbewerb – und der Preisdruck wird von oben nach unten weitergegeben. Das heißt: Austragen müssen ihn alle Fahrer. Am Ende eigentlich alle Verkehrsteilnehmer – denn die verheerenden Auffahrunfälle, in die übermüdete Brummifahrer verwickelt sind, sprechen eine deutliche Sprache.

Zahlen und Fakten

70,3 % aller Güter werden mit dem Lkw transportiert

Bis 2025 soll der Güterverkehr um 70 % zunehmen

1,3 Millionen Lkws sind jetzt schon täglich unterwegs

Die Kosten der Straße pro Tonnenkilometer sind fünfmal so hoch wie auf den Schienen

Die deutschen Kontrollen

Wer kontrolliert eigentlich was? Die Zuständigkeiten sind auf vier Behörden verteilt: Die Polizei ist unter anderem zuständig für Verkehrssicherheit, Lenk- und Ruhezeiten. Das Bundesamt für Güterverkehr kümmert sich um Maut, Lenk- und Ruhezeiten und die Ladungssicherung. Der Zoll hat einen Blick auf die Schwarzarbeit und den Mindestlohn. Das Gewerbeaufsichtsamt ist schließlich zuständig für Arbeitszeitverstöße, Lizenzen und Gewerbescheine in Betrieben. Diese Aufteilung führt leicht dazu, dass der Gesamtüberblick verloren geht. Und Verstöße gegen die Sozialvorschriften werden in Deutschland fast gar nicht geahndet, klagt manch deutscher Lkw-Fahrer.

Auf einem Rastplatz treffen wir einen Beamten, der mit den Verhältnissen beim Zoll bestens vertraut ist. Er möchte auf keinen Fall erkannt werden und erhebt schwere Vorwürfe:

"Das Bundesfinanzministerium sieht den Zoll in erster Linie als Partner der Wirtschaft. In diesem Sinne wird dafür gesorgt, dass der Warenverkehr reibungslos möglichst ohne Kontrolle abläuft. Der Mindestlohn ist eine reine Luftnummer und Schäuble will nicht kontrollieren."

Beamter

Konkurrenzlos billig

Bleibt die Frage: Warum werden die Betrügereien der Logistikbranche auf deutschem Boden nicht strenger geahndet? Wäre das am Ende schlecht für den "Exportweltmeister"? Gehen hier wirtschaftliche Interessen vor? Eines ist klar: Der Lkw ist mittlerweile in Deutschland zum konkurrenzlos billigen Transportmittel geworden.

Was die Nachbarn tun

In Belgien gelingt es einem Mann, die Tricksereien der Spediteure effektiv zu verfolgen. Hauptinspekteur Raymond Lausberg hat erkannt, dass nicht nur Tempo- oder Ladungsüberschreitungen, sondern auch die Einhaltung der Sozialvorschriften wichtig sind für die Verkehrssicherheit. So überprüft er die Ausdrucke der digitalen Tachos und die Angaben der Fahrerkarte, stellt damit Lenk- und Ruhezeiten fest – inklusive Anreise. Er lässt kein Schlupfloch offen und kennt alle Tricks. Ihn ärgert, dass es zwar genügend EU-Verordnungen gibt, um Missstände zu unterbinden, jedoch die Mitgliederstaaten diese nicht zwingend kontrollieren müssen. In Belgien ist man strenger. Hier ist es mittlerweile auch strafbar, wenn der Fahrer seine wöchentliche Ruhezeit im Lkw verbringt. Damit soll das Nomadentum auf der Straße unterbunden werden.


11