Report München

Reaktor aus, das Risiko bleibt Wie sicher sind Brennelemente in Abklingbecken?

Selbst nach der Abschaltung liegen in deutschen Meilern noch immer hoch radioaktive Brennelemente in Abkühlbecken - ähnlich wie beim Katastrophenreaktor in Fukushima. Vor allem die Sicherheit von Isar 1 wird deswegen weiterhin heftig diskutiert. report berichtete bereits 2011 über das Risiko.

Autor: Mike Lingenfelser, Hendrik Loven, Arndt Wittenberg Stand: 22.03.2012

Deutschland - auch hier gibt es mehrere Reaktoren, die ähnlich gebaut sind wie die Katastrophenmeiler in Fukushima, darunter das umstrittene Atomkraftwerk Isar 1.

Dies sind die aktuellsten Bilder aus Isar 1, nur 10 Tage vor der nuklearen Katastrophe in Japan gedreht. Momentan ist der Reaktor vom Netz. Doch auch nach der Abschaltung sehen Experten ein Risiko:
Das Abklingbecken. Wie bei allen alten Siedewasserreaktoren der Baureihe 69 befindet es sich oben unter dem Dach des Reaktorgebäudes: außerhalb des Sicherheitsbehälters. Hier lagern die hochradioaktiven alten Brennelemente.

Lothar Hahn, Ehem. Geschäftsführer Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit: "Diese müssen noch über viele Jahre gekühlt werden. Dazu bedarf es aktiver Systeme, Stromversorgung usw. Wenn diese Sachen ausfallen, wenn es Zerstörungen gibt, kann es zu einer Überhitzung kommen im Lagerbecken und damit dann auch zu Beschädigungen und Freisetzungen von Radioaktivität nach außen."

Sicherheitsexperten haben die Szenarien schon durchgespielt. Ein Flugzeugabsturz oder Terrorangriff hätte womöglich einen schweren Atomunfall zur Folge.

report MÜNCHEN liegen detaillierte Pläne von den alten Siedewasserreaktoren vor. Wir zeigen sie Oda Becker, Expertin für Atomsicherheit. Sie hat schon mehrere kritische Studien veröffentlicht - vor allem für die Atomkraftgegner.

Oda Becker, Expertin für Atomsicherheit: "Im schlimmsten Fall, und das ist ja der schlimmste Fall, kann Kühlmittel heraus fließen, entweichen, die Brennelemente sind dann nicht mehr gekühlt, nicht mehr im Wasser und könnten anfangen zu brennen. Das wird dann besonders schnell eintreten, wenn gleichzeitig durch die Einwirkung, durch den Sprengstoff, noch Schäden an der Brennelementhülle sind, so dass relativ schnell es zu einem Brand kommen würde und dann kommt es zu massiven radioaktiven Freisetzungen. Im Volksmund auch Super-GAU genannt."

Zehn Tage vor Fukushima wird ein solches Szenario von den Mitarbeitern in Isar 1 eher verharmlost.
Am Lagerbecken ist vieles mit Spanngurten befestigt - eine Sicherheitsmaßnahme, wie man uns vor der japanischen Katastrophe noch mitteilt. 

Christian Ginzinger, Schichtleiter Isar 1, Eon: "Hier oben ist alles befestigt… Erdbeben… ist es wirklich gefährlich, das ist die Frage."

Die Frage wurde schon einmal beantwortet. 1988 stürzte hier ein französisches Kampfflugzeug ab, nur zwei Kilometer von Isar1 entfernt.

Und täglich fliegen mehr als hundert Verkehrsflugzeuge zum Großflughafen München, nur unweit vom Atomkraftwerk vorbei.

Neben Isar 1 gibt es in Deutschland noch weitere Siedewasserreaktoren der Baureihe 69.

Wir sehen uns den umstrittenen Reaktortyp genau an. In Österreich steht ein quasi baugleicher Reaktor wie Isar 1, der aber nie in Betrieb ging. Wir gehen rauf zum Abklingbecken. Hoch oben über dem Reaktor. Wäre das Kraftwerk in Betrieb, würden in diesem Abklingbecken große Mengen radioaktiver Brennelemente im Kühlwasser liegen - mitunter sogar mehr als im Reaktor selbst. Nach oben offen, geschützt nur durch das Dach des Gebäudes.

Acht Jahre war er einer der obersten deutschen Sachverständigen für Kernkraft - bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Lothar Hahn kritisiert unter anderem die Abklingbecken im momentan abgeschalteten Altmeiler Philippsburg 1.
 
Ihm zufolge entspricht das Kühlsystem der Abklingbecken zwar noch den Jahre alten Vorschriften - aber längst nicht mehr neuesten Sicherheitsanforderungen.

Der Betreiber EnBW erwiedert: Die Kühlung des Lagerbeckens sei dreifach abgesichert, zwei Systeme sogar mit Notstrom.

Doch Atomsicherheitsexperte Hahn lässt das nicht gelten.

Lothar Hahn, Ehem. Geschäftsführer Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit: "Wir haben auch die Situation, dass das Lagerbeckenkühlsystem nicht an das Notstromsystem angeschlossen ist. Auch das ist ein Hinweis darauf, dass man es eigentlich nicht als Sicherheitssystem betrachtet. Zwar besteht die Möglichkeit, Diesel aus den Notstandssystemen zu zuschalten, aber von vorneherein ist die Notstromversorgung nicht vorgesehen."

Kritik auch am Pannenreaktor Brunsbüttel. Lothar Hahn zufolge ist die Notstromversorgung unzureichend.

Lothar Hahn, Ehem. Geschäftsführer Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit: "Da wird seit langem gefordert, dass das Notstromsystem, das nicht den Regeln entspricht, aufgerüstet wird, nachgerüstet wird. Das war schon seit langem ein Punkt, der vielen Experten ein Dorn im Auge war."

Wir haken nach beim Betreiber. Tatsächlich räumt Vattenfall noch heute Nachmittag Nachbesserungsbedarf ein. Zitat:

"Die Notstromverssorgung wird zurzeit optimiert und erweitert."

Seit klar wird, dass wegen der Abklingbecken, die jetzt abgeschalteten Meiler doch noch auf Jahre potentielle Risiken darstellen, ist die Diskussion auch über die Sicherheit der Gebäudedächer wieder voll entbrannt - gerade vor dem Hintergrund möglicher Flugzeugabstürze oder Terrorangriffe.

Kein Betreiber wollte sich dazu gegenüber report vor der Kamera äußern. Sie verweisen nur schriftlich darauf, dass die Kraftwerke den rechtlichen Sicherheitsanforderungen genügen würden.

Doch das ist kritischen Experten zu wenig. Sie fordern Nachrüstungen.

Oda Becker, Expertin für Atomsicherheit: "Die Lagerbecken müssten, wenn man jetzt eine Lehre aus Japan ziehen würde, ein eigenes Kühlsystem kriegen. Und dieses eigene Kühlsystem oder der eigene Kühlstrang müsste sozusagen auch verbunkert also gegen Einwirkung von außen ausgelegt sein und hochwassersicher etc. Also wirklich geschütztes Kühlsystem, dass man sagen kann, selbst bei einer ganz schweren Einwirkung von außen, sei es über Terror, sei es über Erdbeben, sei es über Wasser, Überflutung - muss gewährleistet sein, dass die Kühlung des Beckens funktioniert."

Die Atomindustrie protestiert heftig gegen die Abschaltung ihrer alten Meiler und prüft bereits dagegen zu klagen. Es geht um Millionenbeträge, die ihnen täglich durch die Lappen gehen.

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