Report München

Von wegen dringend gesucht Die Legende vom heiß begehrten Ingenieur

Während die Industrie mit immer neuen Panikmeldungen vor dem Fachkräftemangel warnt, suchen zehntausende gutausgebildete und hochmotivierte deutsche Ingenieure eine Stelle. Wie passt das zusammen? report MÜNCHEN mit neuen Einblicken und Zahlen

Von: Pia Dangelmayer, Wolfgang Kerler Stand: 10.07.2012

Deutschland bedroht vom Ingenieurmangel: Milliardenverluste! So lauten die Schlagzeilen.

Sie merkt nichts davon: Tanja Mett-Bialas aus der Nähe von Frankfurt hat viel Zeit für ihren Sohn – mehr als sie dachte. Nach der Babypause wollte die Diplom-Ingenieurin wieder einsteigen – doch seit einem Jahr: nur Absagen.

Tanja Mett-Bialas, Ingenieurin Kommunikationstechnologie-Druck: „Ich bin einfach, ich bin im Moment so hilflos, ich weiß nicht, woran es liegt, ich höre immer nur: Fachkräftemangel und Ingenieursmangel. Und dann sag ich mir: Hey, ich steh hier, ich bin da. Nehmt mich!“

Tanja Mett-Bialas ist hoch qualifiziert: Ausbildung, Studium, viele Fortbildungen – zuletzt hat die Ingenieurin mehr als 60.000 Euro im Jahr verdient. Jetzt findet sie Stellenangebote für weniger als die Hälfte.

Tanja Mett-Bialas, Ingenieurin Kommunikationstechnologie-Druck: „Die Unternehmen oder die Wirtschaft hat mich mittlerweile jetzt schon auf den Punkt gebracht, wo ich sage: Leute, sogar dafür würde ich arbeiten gehen.“

Wie kann das sein? Der Verein Deutscher Ingenieure, kurz VDI, alarmiert doch regelmäßig: Mehr als 100.000 Stellen seien unbesetzt. Aber diese Horrorzahlen sind umstritten: Experten bezweifeln den flächendeckenden Ingenieurmangel in den Firmen.

Prof. Gerd Bosbach, Fachhochschule Koblenz: „Hätten die tatsächlich Ingenieurmangel, dann würden die sich ganz anders um Bewerber kümmern. Sie würden ihnen Dauerstellen anbieten. Sie würden ihnen gute Löhne anbieten. Und alle diese Faktoren kann ich leider nicht beobachten.“

Helmut Rasch aus München schreibt eine Bewerbung nach der anderen. Der 47-Jährige ist Elektroingenieur, Spezialist für erneuerbare Energien. Eigentlich müsste er gerade beste Chancen

Helmut Rasch, Elektroingenieur: „Also, ich hab jetzt beispielsweise hier eine Excel-Tabelle, die führe ich seitdem ich auf der Suche bin. Also seit dem Jahr 2010. Und da bin ich inzwischen bei 154 Bewerbungen angelangt. Über 2 Jahre jetzt. 154 Bewerbungen…“

Und doch: keine einzige Zusage. Helmut Rasch lebt mittlerweile von Hartz IV. Die Kampagnen der Bundesregierung gegen den „Fachkräftemangel“ kann er nicht verstehen.
Selbst ausländische Kräfte sollen jetzt mithelfen:

Video freistehend (Quelle: Make it in Germany):

„We do have open jobs and our Motto is: Make it in Germany.“ (…)
„German companies are famous for their innovative high qualitiy products…“

Die Regierung hat es Ingenieuren aus Nicht-EU-Ländern gerade viel einfacher gemacht, in Deutschland zu arbeiten. Die Klage über fehlende Ingenieure hat gewirkt.

Wir wollen wissen: Wie kommen die Horrorzahlen hinter dem Fachkräftemangel  zustande? Im aktuellen „Ingenieurmonitor“ des VDI fällt uns auf:

Die gemeldeten offenen Stellen werden massiv „hochgerechnet“:  Denn die Unternehmen haben gesagt, sie melden der Arbeitsagentur nur „jede siebte Ingenieurstelle“. Doch das war im „Jahr 2009“. Mitten in der Wirtschaftskrise. Der VDI arbeitet weiter mit diesen Zahlen. So kommt er aktuell auf „109.200“ offene Stellen.

report MÜNCHEN fragt beim Verein Deutscher Ingenieure nach: Sind die Annahmen aus der Wirtschaftskrise nicht veraltet und die Zahlen zu hoch?

Marco Dadomo, Verein Deutscher Ingenieure e.V.: „Ich gehe davon aus, dass die Datenbasis, die da genutzt wird, aktuell ist und dem heutigen Stand entspricht.“

Die Bundesagentur für Arbeit sieht das anders: Heute werden mehr Stellen gemeldet. Die „Hochrechnung“ des VDI könnte daher zu einer „überzeichneten Fachkräftenachfrage“ führen, heißt es auf unsere Anfrage.

Der Ingenieurmangel in Deutschland ist also bei weitem nicht so dramatisch wie behauptet.
Das erleben wir auch auf einer Karrieremesse an der Technischen Universität München. Viele hier haben ihr Ingenieur-Studium angefangen, weil sie seit Jahren vom Mangel hören. Uns fällt allerdings auf: Hier präsentieren sich viele so genannte Ingenieurdienstleister und Zeitarbeitsfirmen. Diese schicken ihre Ingenieure als Leiharbeiter zu den Unternehmen: günstig und flexibel – selbst in dieser Branche.

Hermann Biehler, IMU-Institut München: „Ich sehe die Entwicklung dahingehend, dass junge Ingenieure zwischen schlechter Beschäftigung und zwischen Arbeitslosigkeit erstmal wählen müssen.“

Der Sozialwissenschaftler hat mit Ingenieuren über ihre Arbeit gesprochen: Bei den angeblich so gefragten Nachwuchskräften boomen befristete Verträge und Zeitarbeit.

Die erfahrene Ingenieurin Tanja Mett-Bialas würde sich schon über einen Job bei einem Dienstleister freuen – und auch Helmut Rasch wäre lieber Zeitarbeiter als Hartz IV-Empfänger.

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