Report München


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Feuerwehr in Not Nachwuchssorgen, ein Problem für die Gemeinschaft

Immer weniger Frauen und Männer wollen zur Freiwilligen Feuerwehr. Das hat dramatische Folgen: In den vergangenen Jahren haben bundesweit über 2.000 Feuerwehren dicht gemacht, die Zahl der freiwilligen Feuerwehrleute ist um 70.000 zurückgegangen. Das ist besonders dramatisch, weil die Freiwilligen Feuerwehren vielerorts im Brandfalle oder bei Verkehrsunfällen die Einzigen sind, die sehr schnell vor Ort sein können.

Von: Ulrich Hagmann, Astrid Halder, Anna Tillack

Stand: 06.06.2017

"Statusmeldung an die Leitzentrale, die Sechs für nicht einsatzbereit."

Dass es soweit kommt, hätte Feuerwehrkommandant Hubert Saam nie gedacht. In einer Stunde wird das Ende der Freiwilligen Feuerwehr im bayerischen Eckartshausen wahrscheinlich besiegelt werden. Gerade mal zehn Aktive gibt es in dem 400-Seelenort bei Schweinfurt - laut Gesetz zu wenig für eine Feuerwehr.

"Wenn man der Letzte ist, der das Licht ausmacht, ist es für einen schon nicht so leicht."
"Schrecklich, für mich selbst ganz schrecklich."
"Jeder braucht die Feuerwehr, wenn‘s brennt!"

Die Eckartshausener rücken noch einmal aus - zur alles entscheidenden Sitzung im Rathaus. Denn die Gemeinderäte müssen die Auflösung dort entscheiden. Wird sich in letzter Minute doch noch eine Lösung für die Eckartshausener im Rathaus finden?

"Wir mussten uns entscheiden, dass wir Ihnen heute die Auflösung vorschlagen. Schwarzer Tag für Eckartshausen."

Der Gemeinderat zögert noch. Doch wenn eine Feuerwehr fast keine Aktiven mehr hat, bleibt dem Gemeinderat laut Gesetzt nichts anderes übrig. Die Abstimmung ist eindeutig – die Freiwillige Feuerwehr ist abgeschafft.

"Das ist der Anfang vom Ende der kleinen Ortschaften."

Harald Simon, FFW Eckartshausen

"Das kann keine Lösung sein, wenn man im Internet nachschaut, dann findet man 100 Feuerwehren, die alle das gleiche Problem haben, wir können nicht überall so weiter machen, das ist das Aus für die Feuerwehren."

Michael Sauer, FFW Eckartshausen

Ehrenamtliche leisten die Hauptarbeit

Die Freiwilligen Feuerwehren haben eine lange Tradition. Was Viele nicht wissen: Ehrenamtliche leisten bisher in Deutschland im Ernstfall die Hauptarbeit. Gerade mal rund 100 Berufsfeuerwehren gibt es. Mehr als 2.000 Freiwillige Feuerwehren mussten in Deutschland seit dem Jahrtausendwechsel schließen, denn der Nachwuchs fehlt. 70.000 Feuerwehrleute gibt es weniger.

Problematisch sind vor allem die Speckgürtel der großen Städte, wie z. B. hier in Berlin. Viele pendeln tagsüber in die Arbeit. Im Vorort Falkensee hat die Feuerwehr deshalb Konsequenzen gezogen und aufgerüstet. Sechs Hauptamtliche sind immer vor Ort. Doch damit ist das Problem nicht gelöst.

"Piepser geht, oh jetzt müssen wir los... Rauchentwicklung, oha. Du bist vollständig ja? Ich bin vollständig wir können."

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Wenn der Alarm geht, müssen sie schnell sein, es geht um Sekunden.

"Peter du fährst vor, ich komm mit den anderen FF Kameraden hinterher."

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Bei einem größeren Einsatz reichen die hauptamtlichen Feuerwehrleute im Ort nicht aus.

"Brandgebäude Falkenhanger Straße, Rathaushof Peter…"

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Das Team um Daniel Brose ist erst komplett, wenn die Freiwilligen da sind. Doch Brose hat ein Problem: Er weiß nie, wie viele tatsächlich kommen.

"Wir sind noch genug Leute, aber es ist immer so ein kribbeliges Gefühl."

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Werden heute genug Freiwillige kommen? Banges Warten... 5 Minuten später.

"Da sieht man schon einen. Florian machst du Wasserdruck?"

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Jetzt muss alles schnell gehen. Florian Pfaff ist bei der Stadt angestellt. Bei einem Alarm wie heute, stellt sein Arbeitgeber ihn frei. Doch das ist längst nicht mehr selbstverständlich.

"Viele andere lassen die Kolleginnen und Kollegen einfach nicht von der Arbeit weg."

Florian Pfaff

Doch für einen zweiten Löschzug braucht Brose sechs Leute.

"Jetzt sind zwei Kameraden gekommen, ich seh‘ schon drei, ein Maschinist ist da, der das Auto fahren kann. Von der Sache her sind wir noch gut in der Zeit, aber es wird immer schwieriger: Städte werden voller, die Leute müssen sich genauso hinten anstellen, die haben kein Blaulicht womit sie sich kenntlich machen können."

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Heute geht es gut: Genug Freiwillige sind rechtzeitig gekommen, die Mannschaft kann ausrücken.

"Die 123 ist jetzt ausgerückt. Besatzung. Wir stellen Sicherheitstrupp."

Daniel Brose, Feuerwehr Falkensee

Damit im Einsatz alles glatt läuft, ist Brose auf die Freiwilligen angewiesen. Würde er sein Team nur mit Hauptamtlichen bestücken, bräuchte er zehn Hautamtliche mehr, um die Versorgung im Notfall jeden Tag zu gewährleisten. Eine teure Rechnung: Mit Schichten, Krankheit und Urlaub wären das 45 zusätzliche Kräfte. Ein Feuerwehrmann kostet die Gemeinde circa 60.000 Euro. Insgesamt also Mehrausgaben von 2,7 Millionen Euro. Für eine Kommune wie Falkensee eine enorme Zusatzbelastung. 

Mehr Nachwuchs muss her, nur wie?

Die Freiwilligen Feuerwehren versuchen, neue Zielgruppen anzuwerben, die bisher kaum vertreten sind - wie Frauen, Quereinsteiger oder auch Migranten. Im bayerischen Ottobrunn macht man das schon seit Jahren.

Der Freiwilligen Feuerwehr Eckartshausen um Kommandant Hubert Saam werden diese Kampagnen nicht mehr helfen.

"Jetzt ist es soweit."

Hubert Samm

Doch immerhin: Zwei Mitglieder möchten zu den Nachbarfeuerwehren gehen.

"Ich werde da weiterhin Dienst tun, um weiterhin das Wissen, das im Ort noch ist, weiterzugeben."

Hubert Samm

Das Ende der Freiwilligen Feuerwehr – schlecht für die Sicherheit und teuer für die Allgemeinheit.

Manuskript zum Druck:

Nachwuchssorgen, ein Problem für die Gemeinschaft Format: PDF Größe: 76,56 KB


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