Report München


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Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge Next stop: unbekannt

In Deutschland werden derzeit knapp 9.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge vermisst. Sie verschwinden vom Radar der Behörden. Einige von ihnen werden nach Recherchen von report München in illegale Geschäftsbereiche gedrängt.

Von: Anna Tillack

Stand: 11.07.2016

Abdul ist ein Junge mit langen schwarzen Wimpern und feinem Flaum über der Oberlippe. Vor dem Interview zieht er sich extra nochmal ein neues T-Shirt an, er will gut aussehen. Ein ganz normaler 14-Jähriger eben, eigentlich noch ein Kind, das nur viel zu schnell erwachsen werden musste. Seine Geschichte der Flucht ist typisch: Seine Mutter gab ihm Geld und schickte ihn aus Damaskus weg, aus Angst vor den Bomben. Abdul flieht über den Libanon, die Türkei, Griechenland und die Balkanroute. Auf dem Weg sieht er Jugendliche, die versuchen, nach Griechenland zu schwimmen, die kein Handy und kein Geld mehr haben, um ihrer Familie zu erzählen, dass sie noch am Leben sind. Abdul erzählt uns: Viele der allein reisenden Jugendlichen arbeiten auf der Flucht, in Cafés, als Träger oder sie handeln mit Drogen, oft mit Haschisch.

Illegale Geschäfte auch in Deutschland?

Abdul schaut prüfend den Übersetzer an, ob er weitersprechen darf, der nickt. Auch er selbst wurde angesprochen, auch in Deutschland.

"Ich wurde gefragt ob ich eine Tasche mit Drogen transportieren kann, ich sollte sie zu einer bestimmten Person bringen, das Geld abholen und gehen. Aber wenn etwas passiert, wenn du die Tasche beschädigst oder etwas fehlt, gibt es großen Ärger. Dann suchen sie dich und wollen dich schlagen. Sie drohen auch dich umzubringen."

Abdul

Der Junge spricht immer schneller. Einige seiner Freunde, andere Flüchtlingsjungen, die er in Deutschland kennengelernt hat, steigen auf das illegale Geschäft ein, er selbst bleibt standhaft und lässt die Finger davon. Jetzt lebt er in einer Berliner Unterkunft speziell für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, wird eng betreut und versucht, sich in Deutschland ein Leben aufzubauen.

Flüchtlinge kehren einfach nicht mehr zurück

Betreuerin Veronika Holzinger mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen

Die Recherchen von report München ziehen sich über Wochen, viele der minderjährigen Flüchtlinge wollen nicht sprechen oder sind verängstigt. In einer Einrichtung der Jugendhilfe in Bayern dürfen wir schließlich drehen. Hier leben gut ein Dutzend minderjährige Flüchtlinge zusammen, aus Eritrea, Afghanistan, Syrien. Doch es kommt immer wieder vor, dass plötzlich Jungen fehlen. Sie gehen in die Schule, kommen dann aber nicht mehr zurück. Ihre persönlichen Sachen haben sie im Zimmer liegengelassen, erzählt die Betreuerin Veronika Holzinger. Sie kennt die Geschichten jedes einzelnen Jungen, wen er am meisten vermisst, welche Alpträume er hat und welches Fußballteam er mag. Wenn einer ihrer Schützlinge plötzlich weg ist ohne sich abzumelden, ruft sie die Polizei. Was Veronika Holzinger macht, kennen viele Betreuer. Knapp 9.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind derzeit in Deutschland vermisst gemeldet.

Erstaunlich hohe Zahlen, die aber eingeordnet werden müssen. Einige sind mehrfach erfasst, einige haben sich mit verschiedenen Namen registriert, so die Behörden. Der Großteil, davon gehen Betreuer und Behörden aus, ziehen weiter. Sie sagen niemandem Bescheid und nehmen einfach den Zug. Nächster Halt ist dann eine Großstadt in Deutschland, oft aber auch weiter über die Grenze, weil sie gehört haben, dass dort Verwandte oder Freunde wohnen. Doch warum ziehen sie weiter? Diese Frage zu beantworten, fällt den meisten Sozialarbeitern schwer. Viele suchen das Deutschland ihrer Träume – das, wovon in den sozialen Medien alle gesprochen haben. Andere fühlen sich bevormundet in den Jugendhilfeeinrichtungen. Sie wollen rauchen dürfen, länger als bis 22.00 Uhr nach draußen und eigenes Geld für den Frisör.

Erste Behörden werden aufmerksam

Geld ist meistens der springende Punkt. Viele haben Tausende von Euros für die Flucht ausgegeben, ein junger Afghane erzählt, er habe 15.000 Euro Schulden. Die Jugendlichen verspüren den Druck ihrer Familien, das Geld zurückzuzahlen, sie in den Heimatländern zu unterstützen. Und dann greifen verschiedene Mechanismen - die Jugendlichen verschwinden vom Radar der Behörden und das schnelle Geld winkt oft im illegalen Bereich. Dort bekommen sie Möglichkeiten, die sie im legalen Bereich, mit Sprachkursen, Ausbildung und Beruf erst nach mehreren Jahren bekommen. Inzwischen werden die ersten Behörden auf das Phänomen aufmerksam.

In München sind wir mit zivilen Drogenfahndern am Hauptbahnhof unterwegs. In den letzten zwei Jahren habe sich die Drogenszene verändert, erzählen sie - immer wieder entdeckt die Polizei minderjährige Flüchtlinge unter den Dealern. Knapp 50 wurden in den letzten zwei Jahren wegen Rauschgifthandel festgenommen, darunter auch 14-, 15-, und 16-Jährige. Auch die Polizisten wissen von den Abhängigkeitsverhältnissen, in das sich die Flüchtlinge bei ihren Schleusern begeben. Besonders Minderjährige sind leichte Opfer für Kriminelle.

Bundesregierung gibt sich ahnungslos

Auf dem Berliner Alexanderplatz treffen wir einen Jugendlichen, Mahmoud, der mit 17 nach Deutschland kam. Er erzählt von 15-Jährigen Flüchtlingen, die an einschlägigen Orten Drogen verkaufen, auf der Straße, in der U-Bahn. Es geht ihnen schlecht, sie sind unzufrieden und damit die perfekte Beute. Männer kommen auf sie zu, die "Chefs", sagt er. Sie versprechen ihnen mal 50, mal 100 Euro für einen Tag dealen. Dabei lassen sie gezielt Minderjährige für sich arbeiten, weil sie die besser kontrollieren können.

Die Bundesregierung gibt sich ahnungslos. Informationen, dass unbegleitete minderjährige Flüchtlinge für den Bereich des Drogenhandels eingesetzt werden, liegen nicht vor, schreibt das Ministerium auf Anfrage von report München. Und wo sich die vielen verschwundenen minderjährigen Flüchtlinge herumtreiben, was sie erlebt haben - keine Informationen von Seiten des Ministeriums. Hilfsorganisationen, aber auch die Opposition im Bundestag hat mehrmals darauf gedrängt, Antworten zu suchen, die Jugendlichen zu befragen, die wieder auftauchen, Daten zu sammeln. Bisher ist nichts passiert.


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