Report München


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Ermorden, vertreiben, missbrauchen Der IS-Terrorkrieg gegen Kinder

Selbstmordanschläge bei einem Popkonzert, Massenmord, Versklavung und Vertreibung von Kindern im Nahen Osten: Ganz gezielt greift der sogenannte "Islamische Staat" (IS) die Jüngsten an. Gleichzeitig werden Kinder manipuliert, verführt und missbraucht, um für den IS zu morden. Recherchen von report München im Irak und Deutschland zeigen, wie der IS Krieg gegen Kinder führt und welche neue Gefahren drohen.

Von: Stefan Meining, Ahmet Senyurt

Stand: 06.06.2017

Diese Kinder sind Muslime. Für die Terrormilizen des Islamischen Staates, abgekürzt IS, haben sie dennoch kein Lebensrecht. Diese Kinder besuchten in Manchester ein Popkonzert. Ein IS-Terrorist ermordete sie. Zurück bleiben verzweifelte Familien. Diese Kinder benutzt der IS als Mörder und setzt sie ganz gezielt für die Propaganda ein. Kinder als Opfer – Kinder als Täter.

Terror gegen Kinder. Terror durch Kinder. Wie kann das sein?

Wir begeben uns auf Spurensuche im Irak. Unser erstes Ziel ist Bartella, früher eine christliche Stadt im Nordirak bei Mossul. Bartella wurde im November letzten Jahres vom IS befreit. Diese Fotos machen wir im Pfarrsaal einer Kirche von Bartella. An einer Wand entdecken wir das Emblem des IS. Hier wurden Kinder indoktriniert, erklärt unser Begleiter Rone, der hier geboren wurde, vor dem IS-Stundenplan.

"An einem Tag: Waffentechnik für vier Stunden. Zudem Sharia zwei Stunden."

Rone S. Elyas Gallo

Diese Tafel listet die verwundbarsten Stellen des menschlichen Körpers auf.

"Das Herz. Der Nacken."

Rone S. Elyas Gallo

Aber wie verhalten sie sich, wenn sie nicht mehr unter der Kontrolle des IS stehen, fragen wir eine Pädagogin, die sich im Irak um genau solche Kinder kümmert. Aus Angst will sie unerkannt blieben.

"Mit diesen Kindern, die am IS dranhängen, kann man nicht reden. Sie wollen einfach nicht reden mit mir. Das ist traurig. Sie können nicht spielen. Sie haben nur eine Pistole. Ihr Lieblingsspielzeug ist eine Pistole!"

Anonyme Pädagogin

Nur Einzelfällle? Der deutsche Psychologe Jan Kizilhan ist immer wieder im Irak. Er hat ähnliche Erfahrungen gemacht.

"Ich habe selber Kinder interviewt, die zweieinhalb Jahre bei der IS waren. Sie stehen in der Nacht auf und haben Albträume. Sie machen sich in die Hose. Wenn sie mit Kindern spielen, wollen sie gewinnen oder schlagen darauf – eine hohe Form von Aggressivität. Sie schauen nach Waffen, weil Waffen für sie Sicherheit bedeuten."

Prof. Jan Kizilhan, Hochschule Villingen-Schwenningen

Kamen nach Deutschland Flüchtlinge, die als Kinder vergleichbare Erfahrungen bei islamistischen Organisationen machten? Behördeninterne Vermerke, die report München exklusiv vorliegen, legen das nahe.

Nur zwei Beispiele:

„…wurde seit seinem 13. Lebensjahr von den Milizen geschult und indoktriniert.“
„…wurde als Minderjähriger als Selbstmordattentäter ausgebildet.“

Was aber ist zu tun?

"Sollten wir diese Kinder haben, müssten wir uns relativ schnell um sie kümmern. Es geht nicht nur um den Aspekt der Sicherheit; sondern diese Kinder sind möglicherweise traumatisiert. Sie können mit ihren Gefühlen nicht umgehen, mit ihrer Aggression nicht umgehen. Sie leiden und sie haben vielleicht psychische Erkrankungen."

Prof. Jan Kizilhan, Hochschule Villingen-Schwenningen

Szenenwechsel. Die Schnellstraße zwischen Najaf und Kerbela im Zentralirak. Alle zwanzig Meter hängen hier Bilder von Soldaten, die im Kampf gegen den IS fielen. Mittendrin: Das Flüchtlingslager mit den vielen Kindern. Die meisten hier sind Schiiten. Für den IS sind sie Abtrünnige vom Islam und müssen ausnahmslos getötet werden. Sie haben auf der Flucht vor dem IS die Hölle auf Erden erlebt, erzählt uns ein Vater.

"Außer meinem Großvater, mir und meinen beiden Cousins sind alle umgekommen. Das ist Amal, ihr Vater war mein Cousin. Sie ist die Tochter von meiner Schwester. Von meinem Dorf sind nur drei Leute übrig geblieben."

Vater

Warum dieser Hass?

Wir haben die einmalige Möglichkeit erhalten nach Kerbela zu fahren, eine der heiligsten Städte der Schiiten in der Welt. Unter dieser goldenen Kuppel liegt der von den Schiiten verehrte Imam Hussein begraben. Selbst hier ist der Krieg gegen den IS allgegenwärtig. Die Särge der im Kampf Gefallenen werden zum Grab Husseins getragen.

Die Gewaltexzesse des IS gegen Kinder haben auch politische Hintergründe aus der Zeit Saddam Husseins, der die Schiiten brutal verfolgte, erfahren wir in einem Exklusivinterview mit einem der bedeutendsten Gelehrten des Irak.

"Ich selbst war über acht Jahre in den Gefängnissen von Saddam, mit meiner Familie und Verwandten. Wir haben sehr hässliche Sachen gesehen. Kinder und Erwachsene wurden getötet, Foltern ohne Ende. Diese Personen, die zu den militärischen Gruppen von Saddam Hussein gehörten, haben wichtige Positionen bekommen beim IS."

Ayatollah Riyadh al-Hakeem

Tatsache ist aber auch: Die IS-Propaganda ist schon längst in deutschen Kinderzimmern angekommen.

Essen, April 2016: Vor dem Sikh Tempel explodiert eine Bombe. Die Täter waren alle minderjährig. Sie wurden zu teilweise langen Haftstrafen verurteilt. 

Report München veröffentlichte Teile des Chat-Protokolls der Attentäter vor einem Jahr.

Insert: report München, 24.5.2016

Das Gesamtprotokoll mit 5.757 Dialogen haben wir zur Auswertung namhaften Islamwissenschaftlern der Universitäten Bielefeld und Osnabrück übergeben. Nun liegt ein Forschungsergebnis vor.

"Man hat eine Vereinigung gegründet zum Zwecke der Begehung eines Anschlages. Und hat dies Tag für Tag weiter vorangetrieben. Das ist schon in dieser Qualität, in dieser Beharrlichkeit, mit der die Jugendlichen das betrieben haben, was Neues. Was uns auch erschrocken hat."

Michael Kiefer, Universität Osnabrück

Die Jugendlichen verwenden Tarnnamen wie „Matrose“ oder „Hase“ für IS-Kämpfer.  „Hasental“ steht für das IS- Gebiet.

Beispiele:

C: "Stimmt es eigentlich das man im Hasental ‘nen eigenen Hasenbau bereitgestellt bekommt? Sagte gestern Amir."
B: "Ja. Denke schon Matrose."
C: "Ich kannte mal einen der gehoppelt ist ins Hasental er schickte Fotos. Leider ist er jetzt kein Hase mehr sondern ein Vogel in sha‘a Allah."

Vogel steht für einen toten IS-Kämpfer.

"Wir haben offenbar Spezialisten des Islamischen Staates, des Umfeldes, die in den sozialen Netzwerken unterwegs sind und gezielt labile Persönlichkeiten ansprechen. Und das ist etwas, was uns und mich mit einer großen Sorge erfüllt – deswegen, weil diese Prozesse naturgemäß unbemerkt bleiben."

Michael Kiefer, Universität Osnabrück

In Essen kam nur durch Zufall niemand ums Leben. In Manchester wurden 22 Menschen – darunter viele Kinder und Jugendliche – ermordet. Warum diese Gewalt gegen Kinder?

"Durch die Tötung von Kindern erlangen sie Macht über uns, weil wir verzweifelt sind, weil wir Angst haben. Weil Eltern, die ihre Kinder wie jetzt in Manchester ihre Kinder verloren haben, völlig hilflos sind. Die Regierungen sind hilflos und es gibt irgendwelche Solidarsprüche – wir halten zusammen. Aber in der Tat ist es doch so, sie können und sie machen es, überall wo sie die Möglichkeit haben, wollen sie bewusst uns Schmerz zufügen."

Prof. Jan Kizilhan, Hochschule Villingen-Schwenningen

Die Opfer des IS: Sie werden auch deshalb immer jünger.

Daesh's War Of Terror Against Kids - See here our Englisch-Version

Manuskript zum Druck

Der IS-Terrorkrieg gegen Kinder Format: PDF Größe: 28,72 KB


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