Report München


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Ausgenutzt und alleingelassen Das dubiose Geschäft der Fußball-Spielervermittler

Sie kommen mit großen Hoffnungen nach Deutschland: junge Fußballer aus Afrika, Asien und Südamerika. Doch ihre Hoffnungen werden meist schnell enttäuscht. Dubiose Spielervermittler versprechen ihnen oft das Blaue vom Himmel und lassen sie ebenso häufig fallen. report München spricht mit enttäuschen und verzweifelten Spielern, konfrontiert Spielervermittler und fragt bei den Verantwortlichen nach, was sie gegen diesen modernen Menschenhandel unternehmen.

Von: Anne Hinder

Stand: 26.09.2017

Fußball-Profi in Deutschland werden: Reich und berühmt. Dieser Traum zieht junge Spieler aus aller Welt an – und endet oft ganz woanders: Brandenburg, 6. Liga. Gleich mehrere junge Brasilianer sind auf dem Platz. Sie alle Sie alle kamen nach Deutschland um  Profi zu werden – hier sind sie gestrandet. Amateurfußball.

Er war einer von ihnen: Felipe. Um einen Spielervermittler zu zahlen, der ihn Deutschland groß rausbringen wollte, machte er hohe Schulden, erzählt er uns.

"Das ist bis heute ein großes Problem für mich. Denn ich muss das Geld zurückgeben, aber ich habe es nicht mehr."

Felipe

Denn in Deutschland kümmert der Vermittler sich plötzlich nicht mehr. Felipe strandet in einem Amateurverein. Und dann: Er wird gefault. Schwerer Bruch.  Unklar, ob er jemals wieder spielen kann. Immerhin: über eine Kirche fand er eine Familie, die ihn aufnimmt, so verhindert, dass er auf der Straße landet. Sein Glück, denn selbst bei der Brasilianischen Botschaft wies ihn eine Mitarbeiterin ab. 

"Die meinte, dass in der Woche schon sieben andere Spieler da waren in der gleichen Situation. Und sie kann immer nur das gleiche sagen, dass sie von der Botschaft halt nicht helfen können."

Familie

Belogen, abgezockt, fallengelassen

Ein Interview wollen sie uns bei der Botschaft nicht geben, bestätigen nur schriftlich, dass das Problem bekannt sei. Wir recherchieren weiter, in ganz Deutschland, stoßen auf immer mehr Opfer – aus Brasilien, und sogar aus Japan. Sie alle wurden von Vermittlern belogen, abgezockt, fallengelassen.

Unsere Recherchen führen bis nach Brasilien.  Unterwegs im Zentrum des Landes, Goiás. Inzwischen ist sogar das Arbeitsministerium involviert. Ein Staatsanwalt ermittelt hier gegen gleich mehrere Spielervermittler. Sein Problem: viele Spieler würden gar nicht aussagen.

"Aus Todesangst. Denn sie bedrohen hier ja ein lukratives Geschäft von Menschenhandel im Fußball."

Antonio Cavalcante Rodrigues, Arbeitsministerium Goiás

Wir besuchen einen Spieler, der seinen Vermittler trotzdem angezeigt hat, weil er ihn stoppen will. Igor. Seitdem er zurück ist, wohnt er wieder bei seiner Mutter, denn er gab damals sein letztes Geld für den Vermittler aus. Doch in Deutschland kam nichts wie erwartet – nur kurz darf er bei einem Verein mittrainieren, dann landet er ohne Geld und mit abgelaufenem Visum auf der Straße.

"Da gab es Tage, an denen ich nicht mal etwas zu Essen hatte."

Igor

Nur über Spenden konnte die Mutter ihn zurückholen. Was sie bis heute nicht verstehen: Der Vermittler gab Igor zusammen mit dem Vertrag die Einladung eines Vereins, für den er eigentlich hätte spielen sollen. 

Auf der Spur des skrupellosen Spielervermittlers

Zurück in Deutschland. Wir wollen mehr zu dem Verein wissen, von dem die Einladung kommt. TV Askania Bernburg, 5. Liga. Arbeiten Sie mit dem Vermittler zusammen?

Wir sprechen mit den Verantwortlichen, zeigen ihnen unser Filmmaterial aus Brasilien.

Gefälschte Papiere

report München: „Und das ist ja quasi ihr Verein `ne?

Max-Martin Schulze, Sportlicher Leiter TVA Bernburg: „Ja genau, das ist ja…mein Name. Oh das ist ja unser Verein. Aber nicht meine Unterschrift. Das ist ja krass.“

report München: „Das ist nicht Ihre Unterschrift?“

Max-Martin Schulze, Sportlicher Leiter TVA Bernburg: „Das ist nicht meine Unterschrift. Das ist auf jeden Fall ein falsches Papier.“

report München: „Haben Sie nicht vor etwas dagegen zu unternehmen?“

Max-Martin Schulze, Sportlicher Leiter TVA Bernburg: „Da müsste als erstes der DFB, da sind wir ein ganz kleines Licht, da müssen erstmal die ganzen Verbände einen Riegel davor schieben.“

Wir fragen also nach beim DFB, schildern Vize-Präsident Rainer Koch, unsere Fälle. Warum unternimmt der DFB nichts?

"In dem Moment, wo sich Fälle abspielen, die Sie kennen, die uns aktuell nicht bekannt sind, befindet sich der einzelne Akteur, sei es der Spieler oder der Spielervermittler, außerhalb der verbandsrechtlichen Legalität und ich vermute auch in vielen Fällen außerhalb der Legalität der deutschen Rechtsordnung und insoweit ist dann nicht der Verband in erster Linie gefordert, sondern die staatlichen Stellen."

Dr. Rainer  Koch, Vizepräsident DFB

Verantwortung wird abgeschoben

Der DFB schiebt also die Verantwortung einfach ab. Aber auch auf Anfrage beim Innenministerium heißt es nur: „Vielen Dank für Ihre Interviewanfrage, der wir mangels konkreter Zuständigkeit nicht nachkommen werden.“ Das Innenministerium verweist auf die Landesbehörden, dort allerdings scheint das Problem noch nicht mal bekannt.

Wir kontaktieren den Vermittler von Spieler Igor direkt. Und tatsächlich: Er stellt sich einem Skype-Interview: „Hallo, guten Tag“ „Ja, guten Tag“. Luiz Rodrigues war selbst Jahre lang als Fußballspieler in Deutschland, versucht sich inzwischen von Brasilien aus als Vermittler. Die Vorwürfe von Spieler Igor weist er aber alle von sich. Was ist mit der Einladung?

report München: „Wir waren bei diesem Verein und dieser Verein hat gesagt, dass die Einladung gefälscht ist und dass auch die Unterschrift gefälscht ist.“

"Ich habe die nur bekommen. Ich habe nichts damit zu tun, wer das gemacht hat und wie das gemacht wurde. Ich habe das per Email bekommen, von Vragel da Silva…"

Luiz Rodrigues

Vragel da Silva, ehemaliger Bundesligaspieler und inzwischen Trainer beim Viertligisten FC Oberlausitz. Wir fragen also bei ihm nach.

report München: „Der Luiz Rodrigues hat gesagt, dass er diese Einladung von Ihnen bekommen hat?“

"Ich kann versichern, dass er das von mir nicht bekommen hat, aber wenn der das gesagt hat, das weiß ich nicht woher diese Info kommt, aber ich habe wirklich nichts zu tun mit den Sachen."

Vragel da Silva,  Trainer FC Oberlausitz Neugersdorf

Er habe zwar mal Kontakt zu dem Vermittler gehabt, räumt da Silva ein, habe den aber vor Jahren abgebrochen. Auch hier wieder: keiner übernimmt Verantwortung.

Zurück bei Felipe, dem Spieler, der verletzt war. Ihm geht es inzwischen besser, aber sein Visum läuft ab. Mit Geld für Rückflug und Schulden hat ihm die Familie geholfen, bei der er unterkam. Sie waren die einzigen, die sich zuständig fühlten.


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