Report München

Die Wurzeln des Hasses Braune Ideen aus dem Umfeld der späteren NSU

Im Frühsommer 1998 führte ein britischer Journalist Interviews mit damals sehr jungen Leuten aus dem Umfeld der späteren Naziterrorgruppe NSU. report MÜNCHEN fand die Originalbänder.

Autor: Stefan Meining Stand: 21.02.2012

Nick Fraser, Journalist bei der BBC: „Ich bin Schriftsteller und Journalist. Ich schreibe vor allem über Europa.“

Für eine internationale Filmproduktion über rechtspopulistische und -extreme Parteien in Europa kommt Nick Fraser im Frühsommer 1998 auch nach Thüringen, eine Hochburg rechtsextremer Kameradschaften.

Nick Fraser, Journalist bei der BBC: „Es gibt dort viele Wälder, viele Wiesen, viele Kühe, aber es gibt dort auch viele Nazis.“

Eine Gruppe junger Leute, die sich Thüringer Heimatschutz nennt, will sich mit ihm treffen.

Junger Mann: Das ist der Tino, der ist 23. Das ist die Anja, die ist 17. Das ist die Jana, die ist auch 17. Das ist der André, der ist 22; und das ist der Mario, der ist 19.“

Heute wissen wir: Die Thüringer Neonazi-Szene, darunter der gewaltbereite Thüringer Heimatschutz, bildete in den 90er Jahren das Umfeld des späteren Terrortrios Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos.

Fertiggestellt wird der Film in Paris. Im gesendeten Film sind die jungen Leute nur wenige Minuten zu sehen. Doch wo sind die Originalaufnahmen?

Endlich, nach langer Suche in Kisten voll mit Bändern finden wir das Originalmaterial von 1998, das völlige neue, beklemmende Einblicke in die rechtsextreme Geisteswelt junger Menschen ermöglicht.

Dies sind vermutlich die einzigen, in einem Archivraum vergessenen, und deshalb nie gesendeten Interviews mit dem sogenannten Thüringer Heimatschutz.

Nick Fraser, Journalist bei der BBC: „Könnt Ihr mir sagen, was der Thüringer Heimatschutz ist?“

Junger Mann: „Da formieren sich die Führungskräfte von Thüringen und planen halt Aktionen gegen den Staat.“

Dolmetscherin: „Magst Du Hitler, bzw. irgendwelche Aspekte von Hitler?“

Tino: „Adolf Hitler war ein großer Deutscher genauso wie Friedrich der Große.“

Dolmetscherin: „Niemand wird Deine Kinder zwingen, dass Sie mit einem Schwarzafrikaner Sex haben!“

Mario: „Es geht nicht um meine Kinder. Es geht um die Kinder des gesamten Volkes; und man muss sagen, dass die Masse immer der Führung nachläuft und wenn die Führung sagt, dass die multikulturelle Gesellschaft gut ist, dann wird sie es auch derzeit tun, und das ist halt der falsche Weg. Das ist eine raffinierte Variation der Volksvernichtung.“

Tino: „Ich meine, mit Sicherheit ist in Schmelztiegeln in bestimmten Großstädten wie Frankfurt und Berlin momentan leider gegeben; aber das heißt ja nicht, dass diese Sachen unumkehrbar sind; und die Provinzen, die ländlichen Gegenden sind ja eindeutig noch ordentlich, rein.“

Entscheidend ist der zeitliche Zusammenhang: Im September 1997 wird vor dem Theater in Jena eine Bombenattrappe  gefunden. Ende Januar 1998 stellt die Polizei Bomben, Waffen und Propagandamaterial sicher. Gleichzeitig gehen Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos in den Untergrund.

Der Begründer des sogenannten Thüringer Heimatschutzes, Tino Brandt, gehörte ebenso wie Andre Kapke zum Umfeld der späteren Naziterroristen.

Dieses Foto zeigt Kapke zusammen mit Böhnhardt und Mundlos.

Beide, Kapke und Brandt wiesen eine Verwicklung in den Naziterror stets zurück.

Welchen Wert haben die unveröffentlichten Originalaufnahmen? In Jena bitten wir Katharina König um ihre Einschätzung. Sie erkennt viele der gezeigten Personen.

Katharina König, Die Linke, Landtagsabgeordnete in Thüringen: „Es wirkt halt sehr irritierend, dass in dem Alter junge Leute davon sprechen, dass es eine Rasse gibt und dass diese Rasse frei und rein zu bleiben hat, dass man sich nicht vermischen darf. Das klingt in einem gewissen Sinne sehr abstrus, wenn man das hört. Aber wenn man es dann in Verbindung bringt, mit dem was durch die NSU geschehen ist, weiß,  dass das zumindest in Teilen Freundes- und politischer Bekanntenkreis ist, der da redet, dann, ja dann ist es die ideologische Grundlage der Taten.“

Der Autor der Filmes ist einer der weltweit bekanntesten Dokumentarfilmer. Wir besuchen ihn zuhause, in seiner Londoner Wohnung. An die jungen Leute aus Thüringen kann er sich noch gut erinnern:

Nick Fraser, Journalist bei der BBC: „Sie waren sehr gut darüber informiert, was man im heutigen Deutschand sagen konnte, und was nicht. Allerding sprachen sie ohne aufzuhören über Aktionen. Sie wollten nicht nur Neonazis sein. Ohne es dir jemals zu sagen, was sie wirklich tun wollten, war es offensichtlich, dass sie sich vorgenommen hatten den deutschen Staat zu stürzen.“

Zurück im Jahr 1998 und den nie gesendeten Originalaufnahmen. Immer wieder stellte Nick Fraser dem Heimatschutz Fragen zur multikulturellen Gesellschaft  und über die Leugnung des Holocaust, den sogenannten Revisionismus:

Dolmetscherin: „Man weiß und man hat bewiesen, dass das Dritte Reich so funktioniert hat, dass es die Dinge gab.“

Tino: „Das ist eine pure Betrachtungsweise. Vor deutschen Gerichten ist ein Beweis nicht erlaubt. Es ist ganz einfach so, dass gesagt wurde: Das ist eine bekannte Tatsache und Beweise werden dazu nicht gehört.“

André: „Für mich ist Nazi erst mal nichts abwertendes. Ich wollte gerade sagen: Ich sehe mich nicht als Nazi, ich sehe mich als nationaler Sozialist, als Teil meines Volkes, als Teil dieses – na ja – Staates weniger.“

Dolmetscherin: „Wenn ein Türke zwanzig Jahre in Deutschland lebt und er bekommt auch einen deutschen Pass, ja. Wird er dann nicht Deutscher?“

Mario: „Er bekommt einen Pass von der Bundesrepublik Deutschland und nicht vom Deutschen Reich. Und deutsch ist man von Geburt, oder man ist gar kein Deutscher.“

Nach dem Interview erhält Nick Fraser von der Gruppe das  Brettspiel Pogromly, eine perverse Variante von Monopoly, in der es um die Vernichtung von Juden geht.

Nick Fraser, Journalist bei der BBC: „Ich erinnere mich an das Gaswerk. Es bewies, dass sie in ihrem tiefsten Inneren wussten, dass die Leugnung des Holocaust Quatsch war. Aus diesem Grund stellten sie auf dieses Brettspiel ein Gaswerk.“

Bereits 1998 wurden in Jena Exemplare des Spiels beschlagnahmt. Laut Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sollten vermutlich mit dem Verkauf von Pogromly Böhnhardt, Zschäpe und Mundlos unterstützt werden.

Katharina König, Die Linke, Landtagsabgeordnete in Thüringen: „Wenn ich mir vorstelle, dass sie dann abends da sitzen und es wirklich spielen, dass sie Auschwitz kaufen und Buchenwald kaufen. Da frage ich mich, was schief gelaufen ist, dass man so ein Spiel herstellt und dass man es wirklich ernsthaft sozusagen als Spiel auch noch spielt.“

Wichtig ist aber auch festzustellen: Keiner dieser damals jungen Leute wird beschuldigt, der Terrorgruppe NSU angehört zu haben.

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