Report München

Zocken, bis es kracht Wie Kleinanleger gegen den Euro wetten

Während der Euro wackelt, zocken inzwischen sogar Kleinanleger mit der Hilfe von Banken gegen die Gemeinschaftswährung. Da wettet der Steuerzahler gegen sich selbst, empören sich Experten im report MÜNCHEN-Interview.

Autor: Sabina Wolf, Hendrik Loven Stand: 27.09.2011

Ein Anlegerpärchen spielen wir, zwei report MÜNCHEN Autoren in Frankfurt. Wir wollen wissen: Können private Anleger bei namhaften deutschen Banken gegen den Euro oder Staatsanleihen wetten?

Um das auszuprobieren, vereinbaren wir Termine bei Banken. Dem Berater sagen wir laut Gedächtnisprotokoll:

report MÜNCHEN: Wir wollen kein Festgeld. Wir wollen jetzt mal richtig Rendite machen.

Bankberater: Ja, wir haben solche Produkte, aber dazu machen wir keine Beratung. Wir haben da so eine Online-Brokerage. Sobald Sie die Zugänge zu Ihrem Konto haben, können Sie das Geld überweisen und sobald das Geld drauf ist … können Sie handeln.

Schon bei der ersten Bank landen wir einen Volltreffer! Zufall oder Methode? Wir gehen zur nächsten Bank. Wir schauen, was möglich ist. Hier unser Gedächtnisprotokoll:

report MÜNCHEN: Alle Welt wettet, immer nur die Großen, das wollen wir jetzt auch machen.

Bankberater: Also was mit Hebel. Haben wir natürlich.

report MÜNCHEN: Gegen Staatsanleihen, gegen den Euro. Ein bisschen Zocken.

Bankberater: Haben wir. Ich hol' Ihnen einen Ansprechpartner.

Bankberater: Da sind sehr viele Möglichkeiten. ... Es gibt sehr viele Produkte, Hebelprodukte, wo man so etwas tun kann.

Bei allen Banken werden wir auf Online-Seiten der Institute verwiesen. Der Grund: Dort kann man direkt ordern, ohne Berater, denn diese Währungs- und Anleihen-Zockerei ist  hochspekulativ. Während die Parlamentarier im fernen Berlin einen neuen gigantischen Rettungsschirm absegnen sollen, richten wir uns unter dem Nutzernamen "ARD report MÜNCHEN" mit nur wenigen Klicks ein eigenes Demonstrations-Zockerkonto ein. Tatsächlich: Wir können gegen den Euro wetten! Egal mit welcher Summe, es gibt praktisch keine Grenze, weder nach oben, noch nach unten.

Finanzexperte Prof. Jochen Schmelz, den wir in Frankfurt treffen, hält es für  brandgefährlich, dass Kleinanleger gegen den Euro wetten können.

Finanzexperte Prof. Jochen Schmelz: "Es gibt massenhaft, weltweit vermutlich Millionen von Kleinspekulanten, die für sich genommen möglicherweise kleine Kapitalsummen einsetzen, aber in der Masse tragen die zu einem täglichen Handelsvolumen von sechs Billionen US-Dollar bei, man muss sich vorstellen, wenn auch nur ein Teil dieser Summe aktiviert wird gegen ein Euro-Mitgliedsland, dann kann kein Rettungsschirm noch irgend etwas retten."

Viele Kleinanleger tauschen sich bereits in Zockerforen aus: 'Im Grunde ein feines Spielchen.' heißt es da, oder: 'Nervenkitzel und nette Gewinnmöglichkeiten kleines Geld'. Und immer wieder ist von einem sogenannten Hebel die Rede.

In München sind wir mit einem unabhängigen Finanzberater verabredet. Thomas Neumann fürchtet, die Politik hat die riesige Finanzblase nicht im Griff. Er berichtet von Zockertricks, zum Beispiel dem ominösen Hebel, von dem in allen Bankgesprächen immer wieder die Rede war.

Thomas J. Neumann, Fa. bestadvice: "Man kann sich das mal so vorstellen, ich habe einen Einsatz, sagen wir mal 1000 Euro, die bin ich bereit einzusetzen, bin auch bereit einen Totalverlust hinzunehmen, dann kann ich mit einem Hebel von 100 als Beispiel mit 100.000 Euro gegen den Euro spekulieren."

Euro-Einsatz, Hebel-Hundert, Wette auf 100.000 Euro rauf oder eben auch runter. Da sind bei nur zwei Cent Kursbewegung Gewinne aber auch Verluste von 150% drin. Der Kleinanleger kann Riesengewinne machen oder mehr als seinen Einsatz verspielen.

Thomas J. Neumann: "Es ist Wahnsinn, es ist eine Zockerei, dadurch, dass jetzt auch die großen deutschen Banken, die Platzhirsche daran teilnehmen, den Privatanlegern den Zugang daran ermöglichen, wird das ganze jetzt auch noch geadelt."

Wir sind bei einer Bank, die in der Finanzkrise mit vielen Milliarden vom Steuerzahler gerettet wurde. Dass gerade dieses Institut Kleinanlegern Zockerplattformen eröffnet, das ist für uns der Gipfel. Nach dem Besuch rufen wir die Hotline an und erfahren: 'Es gibt keine Mindestgröße, wie es andere Mitbewerber haben. Sie können Hundert, Tausend oder 10.000 Euro überweisen, da gibt es kein Limit.'

Gestern Abend in Nürnberg: Marc Tüngler von der Schutzgemeinschaft Wertpapierbesitz warnt Anleger mitzuspielen. Schließlich haben wir alle den Euro in unserem Portemonnaie!

Marc Tüngler, Schutzgemeinschaft Wertpapierbesitz: "Zocken gegen den Euro ist sicherlich gefährlich, weil man darf nicht vergessen, dass man ja nicht nur im luftleeren Raum spekuliert, sondern eventuell das auch Auswirkungen haben kann auf den Euro , er könnte nämlich tatsächlich fallen, weil der Druck eben so groß wird."

Ist es erlaubt, dass Banken in Deutschland Kleinanlegern einen Weg ebnen, gegen ihre eigene Währung zu wetten? Der Bundesverband deutscher Banken antwortet uns dazu: Alle Anleger - private wie institutionelle - haben die Möglichkeit auf steigende oder fallende Kurse einzelner Währungen zu setzen. Und: Dies gelte auch für den Euro.

Gerhard Schick, Sprecher Finanzausschuss BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN: "Wir merken jetzt, dass die Finanzmärkte immer noch geeignet sind, als Spielwiese. Das Casino ist immer noch nicht geschlossen und es ist immer noch nicht gelungen, die Finanzmärkte auf ihre eigentliche Funktion hinzuführen. Wir wollen ja nicht, dass gezockt werden kann, sondern wir wollen, dass die Finanzmärkte Dienstleistung bieten für die Realwirtschaft."

Zocken gegen den Euro. Trotz aller Krisen. Die Politik schaut zu.

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