Abbau Hellas Wie ein Volk die Krise erlebt und dagegen kämpft
"So geht es nicht weiter" - das meinen immer mehr Griechen. Sie sind korrupte Politiker und ihre Untätigkeit leid. Und packen selbst an, wollen etwas aufbauen und kümmern sich um eine bessere Ausbildung für Jugendliche. report MÜNCHEN über Griechen, die sich nicht nur auf Finanzhilfen verlassen wollen.
Ein paar Kilometer vom schönen Schein der Akropolis entfernt, finden wir eine ehemalige Fabrikhalle, in einem eher heruntergekommenen Viertel, wo es auch Prostitution gibt. Und mittendrin leistet der der Finanz- und Immobilien-Unternehmer Ion Tsakonas so etwas wie privatwirtschaftliche Aufbauarbeit. Mit seinem Bruder saniert er hier ganze Gebäudekomplexe. Hier, wo das Land im Moment besonders sichtbar am Boden liegt, entsteht aber auch sein wichtigstes Projekt.
Eine private Berufsakademie.
Der Grieche Ion hat in Oxford studiert und in New York für einen Hedgefonds und die Deutsche Bank in London gearbeitet.
Dann, letzten Oktober ist er zurück in seine Heimat Athen. Heute, in der Krise, will der Businessman in die Gehirne der Menschen investieren. Denn das staatliche Bildungssystem scheint genau das ziemlich nötig zu haben.
Ion Tsakonas, New School Athens: "Der größte Arbeitgeber ist der Staat und alle wollen für den Staat arbeiten. Der Staat hier und der Staat da. Aber der Staat ist tot. Also muss man andere Wege finden, sein Geld zu verdienen. Ich will mit diesem Projekt, eine internationale Schule schaffen von Fachleuten für Fachleute."
Die Fabrikhalle will er zum Hörsaal umbauen.
Hier sollen dann junge Menschen zu Photografen, Webdesignern und Internetentwicklern ausgebildet werden. Berufsbilder, in denen sie möglichst als Selbständige eine Existenz aufbauen können. Prinzip: Hilfe zur Selbsthilfe.
Der globale Businessman sieht sich aber nicht als Wohltäter, der etwa Geld zu verschenken hätte. Seine Akademie wird Studiengebühren verlangen, damit sich das Ganze finanziert.
Ion Tsakonas, New School Athens: "Kapitalismus braucht Verantwortung. Das bedeutet, dass man in der Gesellschaft, in der man lebt, auch positive Veränderungen voranbringen muss. Und nicht nur die eigenen Interessen verfolgen."
Die Deutsche Gabriele Schakowski lebt schon lange in Athen mit ihrem griechischen Mann, dem Unternehmensberater Christos Anagnostou. Studiert hat er in Deutschland. In Athen hilft er Firmen, die in Griechenland investieren wollen und damit die dringend benötigten Arbeitsplätze schaffen. Eine ziemlich schwierige Aufgabe. Denn der größte Feind des Investitionsberaters ist die brutale Bürokratie.
Christos Anagnostou, Hellenic Technology Transfer Center: "Wenn du den Leuten erzählst, einen Monat oder zwei Monate später, dass die 13 Unterschriften brauchen, damit sie hier als Firma normal arbeiten dürfen. Als deutsche Firma. Und diese 13 Unterschriften kriegen die innerhalb von fünf bis sechs Jahren - am nächsten Tag sind die weg!"
Und in der Krise kommen die Investoren erst gar nicht mehr. Trotzdem macht er weiter und kann bislang sein Unternehmen über Wasser halten.
Allerdings mit Abstrichen. Seine Mitarbeiter haben heute schon Feierabend. Doch auch morgen früh werden wieder Stühle leer bleiben. Von elf Angestellten hat er heute nur noch sieben. Und neulich traf es seine Empfangssekretärin.
Christos Anagnostou, Hellenic Technology Transfer Center: "Ich musste sie nach acht Jahren entlassen."
Dieses Gefühl kennt auch seine Frau. Ihren Job als Produktmanagerin in Athen hat sie verloren. Und jetzt ist sie vollkommen überqualifiziert für den griechischen Markt - wie so viele, die heute auf den Straßen Athens demonstrieren.
Aber auch sie trotzt der Krise und arbeitet jetzt als Deutschlehrerin.
Gabriele Schakowski: "Und somit habe ich dann die Sprachen wieder entdeckt. Das heißt, meine deutsche Sprache und die griechische Sprache, die ich gottseidank sehr gut beherrsche, und baue mir da jetzt einen neuen Stand, einen neuen Arbeitsweg auf."
Es sind verhältnismäßig wenige, die als Unternehmer Arbeitsplätze in der freien Wirtschaft schaffen. Denn der übergroße Beamtenstaat reißt alles an sich - eine Hauptursache der Milliardenschulden in Griechenland.
Der korruptionsanfällige Beamtenapparat - ihn zu bekämpfen ist seine Mission: Leandros Rakintzis. Besuch beim Generalinspekteur der öffentlichen Verwaltung. Er hat mehr als 1000 Fälle in den Akten - und es werden wohl noch viel mehr.
Leandros Rakintzis, Generalinspekteur für die öffentliche Verwaltung: "Verderbtheit und Fehlverhalten wird es immer geben. Es ist ein langer Krieg, ein schwieriger und ein hartnäckiger."
Es sind kompromisslose Macher, wie auch der Unternehmer Ion Tsakonas, die dem Land in Zeiten tiefer Depression ein wenig Hoffnung schenken können.
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