Report München

Deutschland im Goldrausch Das Millionengeschäft mit der Euro-Angst

Die Inflationsangst treibt bizarre Blüten. Tausende Sparer versuchen ihr Geld durch Edelmetall-Anlagen in Sicherheit zu bringen - koste es, was es wolle. report MÜNCHEN mit überraschenden Enthüllungen über den Goldmarkt.

Autor: Thomas Kießling, Marie Mallinckrodt, Eva Achinger Stand: 08.08.2011

Heute schon wieder: Der Goldwert knackt eine neue Rekordmarke. Anleger suchen Sicherheit. Traumzeiten für das Geschäft mit dem Gold.

Gold - für viele ein vermeintlich sicherer Anlagewert. Beständig und unvergänglich. Doch oft verbirgt sich hinter dem soliden Gold ein zweifelhaftes Geschäft.

Das musste auch diese Dortmunderin erfahren, die ihren Namen nicht nennen möchte. Sie hat einen Goldsparplan der KB Edelmetall von ihrer Mutter geerbt. Jetzt würde sie ihn gerne auflösen und sich das angesparte Geld auszahlen lassen.

Katrin Müller (Name geändert), KB Edelmetall Opfer:

"Hier schreibt ja auch beispielsweise der Herr Lindner, dass ich jederzeit das Gold wieder in Geld zurück bekommen kann. Ja aber jederzeit heißt für mich sofort. Nur seit über einem Jahr versuch ich irgendwas - und nix!"

Die Firma "KB" mauert, sie bekam bislang weder Gold noch Geld zurück, jetzt klagt sie gegen den undurchsichtigen Goldverkäufer.

Wir wollen wissen, wer steckt hinter KB Edelmetall. report MÜNCHEN liegen Aufnahmen von einer sogenannten Gold-Info-Veranstaltung in einem Wiener Hotel vor. Wir sehen den Unternehmenschef Mike Koschine am Werk. Er hat erstaunliche Ansichten über die gesamt-wirtschaftliche Entwicklung Europas: "Die Wahrscheinlichkeit, dass im September der Euro crasht, liegt bei 90 Prozent - dass er im Oktober crasht liegt bei 99 Prozent. Die Hoffnung, dass wir an Weihnachten noch mit dem Euro einkaufen, das kann man vergessen."

Der Mann versucht die Gäste so zu beeinflussen, dass sie noch an diesem Abend ihr Geld in die vermeintlich einzig sicheren Anlageformen Gold oder Goldsparplan - natürlich seines Unternehmens - investieren.

Hier wird jedes Register gezogen. So sagt er zum Beispiel auch: "Beim Umschmelzen der Goldbarren verdampfen etwa 10 Prozent Gold."

Das nimmt er als Argument, weil das von ihm verkaufte Gold teurer ist als anderswo.

Wir fragen einen Spezialisten der TU München - wie Gold in diesen Mengen überhaupt verdampfen kann.

Prof. Alexander Holleitner, TU Garching, Fakultät für Physik:

"Das ist natürlich Quatsch. Wenn man Gold schmilzt, treten zwar Goldatome aus der Schmelze aus, aber das ist ja nicht verloren. Das heißt Gold kann man wieder gewinnen, indem man ganz einfach die Rückstände von dem Schmelzprozess wieder auffängt. Das weiß jeder Goldschmied, das wissen wir auch hier an der UNI."

Mike Koschine verspricht das eingezahlte Geld eins zu eins als Gold in seinem Depot im Gotthard-Massiv einzulagern. Das wollen wir genauer wissen und fragen nach.

report MÜNCHEN: "Können Sie nachweisen, ob die Gold-Lagerbestände in der Höhe, der von Ihnen getätigten Gold-Geschäfte vorhanden sind?"

Auf diese Frage kriegen wir nur eine lapidare Antwort, das seien unternehmensinterne Daten.

Ein weiterer Fall: Anja Lorenz hat auch einen Goldsparplan abgeschlossen und monatlich 50 Euro einbezahlt. Nun möchte sie die angesparten 600 Euro als Gold zurück haben. Doch die KB reagiert konsequent nicht.

Anja Lorenz, Opfer von KB Edelmetall: "Dann habe ich in die Schweiz geschrieben, um da das Gold anzufordern. Leider wurde da das Einschreiben abgewiesen, weil der Empfänger unbekannt verzogen ist."

Der Brief kam also unbeantwortet zurück. Hat das System? Während unserer Recherchen berichten uns das Opfer von dubioser Goldgeschäfte genau das immer wieder.

Katrin Müller (Name geändert): "Hab dann auch versucht, ja dort mal anzurufen, weil ich halt genau wissen wollte, was ist mit dem Geld passiert. Telefonisch nie zu erreichen, Morgens, Mittags, Abends. Nichts!"

Keine Reaktion, abgetaucht. Dieses Verhalten passt zu einem merkwürdigen Unternehmensmodell, das darauf angewiesen ist, mit psychologischen Tricks neue Kunden auch immer gleich als neue Verkäufer zu gewinnen, um so möglichst viele Bekanntenkreise mit Goldsparplänen zu überziehen.

So scheinen es mehrere Firmen zu machen. Ein anderer Fall, ein anderes Unternehmen - die gleiche Masche: das Opfer Max Winter aus Bayern. Auch er hat über einen damaligen Freund einen Goldsparplan abgeschlossen, jetzt sitzt er bei seinem Anwalt.

Max Winter, Münchner Gastronom: "Ich habe das Geschäft als absolut seriös empfunden, und habe es entsprechend auch meinem Freundes- und Bekanntenkreis weiter gegeben. Und jetzt im Nachhinein, wenn man zurück blickt, kann man erkennen, dass dieses Geschäftsmodell nur darauf ausgelegt war, Anleger um ihr Geld zu betrügen."

Er kriegt sein Geld auch nicht zurück - und obendrein hat er seinen Freunden und Bekannten diese Anlage auch noch empfohlen.

Wie gelingt es diesen Firmen Menschen so einfach zu überzeugen?

Wir bewerben uns als Edelmetallverkäufer. Diesmal wieder bei einer anderen Firma.

Wir bekommen einen Termin. Dort verspricht uns einen Spitzenverdienst. Im Webseminar würden wir mehr erfahren:

Wir schalten uns dazu - mit rund 90 anderen Bewerbern. Der Goldcoach spricht live zu den Anwerbern für Goldgeschäftemacherei - und gibt Tipps, wie sie Menschen einfangen können:

"Und wenn ich jemanden wirklich haben will, dann rufe ich den einmal die Woche an und dann verkürze ich das auf jeden Tag. Wenn sie immer noch nicht wollen sag ich, dann stell ich mein Zelt auf, übernachte bei ihnen, dann müssen sie mir endlich mal zuhören."

Auch Max Winter wurde eingefangen. Die Firmen, über die wir in Sachen Goldrausch recherchiert haben, kommentiert sein Anwalt:

Rechtsanwalt Tobias Pielsticker: "Es ist kein plausibles Geschäftsmodell. In meinen Augen ist das eine reine Abzocke der Anleger ausgelegt, die davon ausgehen müssen ihr Geld wahrscheinlich vollständig verlieren zu werden. Und Leute, die so etwas aufziehen, bewegen sich in meinen Augen im Bereich des Betrugs."

Doch solange sich Inflationsangst ausbreitet und sich Schlangen vor Goldstuben bilden, wird das Gold-Geschacher seine Blüten treiben. In Deutschland gibt es bislang keine zuständige Aufsichtsbehörde für den Vertrieb solcher Goldgeschäfte.

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