Report München

Region in Angst Wie Rechtsextreme Bürger terrorisieren

Nächtliche Überfälle, Drohanrufe und Prügel: Immer mehr Menschen im Aachener Umland werden von sogenannten rechtsextremen Kameraden in Angst und Schrecken versetzt. report MÜNCHEN über die Täter und die Opfer rechtsextremer Hassexzesse.

Autor: Ulrich Hagmann, Birgit Kappel Stand: 16.08.2010

Selbstschutz in einem Dorf bei Aachen. Diese Familie kontrolliert jede Nacht mit einem teuren Videosystem ihr Anwesen. Denn diese Familie wird von Rechtsradikalen bedroht. Immer wieder Schmierereien, Drohungen gegen den Sohn, der Wohnwagen wird verschandelt. Die Aufschrift: "Kommunisten töten". Dabei war ihr Sohn nur einmal auf einer Demo gegen Rechte.

Evelyn Rademacher: "Ich habe keine anderen Gedanken mehr, mein Mann hat vorher einen super festen Schlaf gehabt. Aber mein Mann zuckt sogar nachts bei jedem Geräusch, guckt, so war das ja auch bei der letzten Aktion, wo wir ja die Täter sogar auf frischer Tat ertappt haben, sie leider nicht erwischt haben und uns dann eigentlich noch sehr in Gefahr gebracht haben, indem wir denen hinterher gerannt sind."
 
Die Drohungen sind in diesem Fall offen gekennzeichnet mit dem Kürzel KAL. Das steht für "Kameradschaft Aachener Land", eine der ältesten und aktivsten Neonazi-Vereinigungen im Westen. Tätigkeitsgebiet: Aachen, Düren, Stolberg, Euskirchen.
In jüngster Zeit häufen sich in dieser Gegend rechtsradikale Straftaten massiv. In einer Nacht Anfang August kam es an acht verschiedenen Stellen zu Sachbeschädigungen.
Am jüdischen Friedhof zum Beispiel stand: "Juden den Gashahn aufdrehen".
Rechtsradikale Parolen auch an den Büros von Grünen, SPD und LINKEN.

Und in einem Aachener Jugendzentrum wurde im Juli eine Bombenattrappe gefunden. Morddrohungen gegen Jugendliche sind an der Tagesordnung, aber auch die Eltern werden bedroht.

Deswegen ist dieses Ehepaar auf nächtlicher Kontrollfahrt. Ihr Sohn wurde im Internet "zum Abschuss freigegeben".

Mutter (anonym): "Er ist von 15 Leuten verprügelt worden in der Innenstadt, immer wieder verfolgt worden, bei mir wurde Telefonterror gemacht, es ist ständig angerufen worden auch gedroht worden, es gipfelte darin, dass versucht wurde, ihn anzuschießen und in den letzten acht Wochen gab es drei Anschläge an unserem früheren Haus."

Wer auf einer Naziseite zum Abschuss freigegeben wird, bekommt massiv Probleme. Das musste auch Felix H. erfahren. Er und seine Mutter werden bedroht, seitdem der Junge aus der Naziszene ausgestiegen ist.

Barbara Hillebrand: "Der ausschlaggebende Grund war, dass er eingesehen hat, wo das hinführt. Also auch die Brutalität und dieser Vernichtungswahn. Das war dem zu viel zum Schluss."

Wir wollen wissen: Wer steckt hinter der "Kameradschaft Aachener Land"? Über die Internetseite der NPD Düren nehmen wir Kontakt zur Führungsebene auf. Und tatsächlich, man will sich mit uns treffen. Axel Reitz und René Laube erscheinen auf einem Platz in Köln zum Interview. Axel Reitz - Spitzname "Hitler von Köln" - saß wegen Volksverhetzung im Gefängnis, war Bundestagskandidat für die NPD. Reitz gilt als Führungsfigur der radikalen nationalen Szene im Rheinland. René Laube ist der "Kameradschaftsführer Aachener Land" und stellvertretender NPD-Vorsitzender von Düren.

René Laube, NPD, Kameradschaft Aachener Land: "Haben sie irgendeinen erwischt der aus dem rechten Spektrum kommt? Ich glaube nicht."

Axel Reitz: "Es ist ja auch die Sache, wenn Scheiben eingeschmissen werden, sind ja auch die Hintergründe zu hinterfragen. Ich sag ja, es wird ja sicherlich einen Grund haben, warum da Scheiben eingeschmissen werden.
Wenn Leute mit Gewalt reagieren, dann werden sie ernten was sie gesät haben. Da darf man nicht die Träne im Knopfloch tragen und sagen, oh Gott die armen Opfer, das wird dann sicherlich Gründe haben, wenn irgendwas passiert."

Pfarrerin Susanne Rössler steht auch unter Beobachtung der "Kameradschaft Aachener Land". Sie bekommt Pakete und Briefe mit verdeckten Drohungen, Turnschuhe beispielsweise und Herzmittel samt dem Hinweis, man wolle sie zum Laufen bringen oder Respektbekundungen, wie sie sich unter Gefährdung ihres Lebens im "Bündnis gegen Rechts" engagiere, unterschrieben von René Laube. 

René Laube, NPD, Kameradschaft Aachener Land: "Die Frau Rössler und der Herr Taufenbach, die ruf ich ja auch in der Silvesternacht an und wünsch Ihnen ein frohes neues Kampfjahr."
 
Axel Reitz: "Also ich kann mir vorstellen, wenn der Kamerad Laube jemanden bedrohen möchte, würde derjenige das auch merken, da muss er nicht irgendwie freundlich sagen, ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr und viel Spaß mit uns im nächsten. Das ist also keine Form von Bedrohung, sondern eher auf die Schippe nehmen."

Barbara Hillebrand: "Die brauchen keine Angst haben, dass ihnen überhaupt was passiert. Die fühlen sich im Gegenteil eigentlich sicher. Und das find ich halt schlimm."

Die Betroffenen in Aachen fühlen sich allein gelassen. Auch von der örtlichen Polizei. Wir fragen dort ein Interview an. Das wird abgelehnt. Dann stellen wir Fragen ans Innenministerium und ganz plötzlich gibt es dann doch noch ein Interview.

Karl-Johannes Völker, Polizei Aachen: "Es ist so, gerade bei der Aufklärung dieser Straftaten, dieser Propagandadelikte, dieser Schmierereien und Sachbeschädigungen, sind wir auf Zeugenhinweise angewiesen. Und wenn es jetzt soweit kommen würde, dass diese Unsicherheit der Leute, die sich bedroht fühlen, soweit geht, dass sich eine Mauer des Schweigens aufbaut, die wir noch selbst verursacht haben, dann betrachte ich das als Supergau."

Die besorgten Eltern haben das Vertrauen in die offiziellen Behörden längst verloren. Barbara Hillebrand und Evelyn Rademacher werden bedroht, sie wissen nicht ganz genau von wem, aber sie haben einen Verdacht. Deswegen kommen sie vergangene Woche in Aachen zum Prozess gegen Falko W. Beide kennen diesen jungen Mann. Falko W. steht hier wegen Körperverletzung vor Gericht. Er soll Menschen ohne Anlass geschlagen haben, weil er sie für "Linke" hält.
Im Gerichtssaal bekennen seine Freunde ganz offen ihre Gesinnung mit rechtsradikalen Szene-T-Shirts.

Evelyn Rademacher: "Wir sind wieder die, die verängstigt wieder da saßen und Angst haben und zittern müssen und die machen da ne Show, das ist unfassbar."

Falko W. erhält vier Wochen Jugendarrest als deutliche Warnung - und den Hinweis, dass weitere Straftaten und illegale rechtsradikale Aktivitäten künftig härter geahndet würden.
Wir sprechen mit René Laube und Axel Reitz über Falko W. Im Interview heißt es: Falko W. gehöre nicht mehr zur „Kameradschaft Aachener Land.“

Und dann: Vergangenen Samstag in Bad Nenndorf, auf einem der größten Naziaufmärsche der Bundesrepublik entdecken wir Falko W. Seite an Seite mit Rechtsradikalen der "Kameradschaft Aachener Land". Ganz offen marschiert Falko W. in einer Reihe mit Axel Reitz. Von Distanz zu Falko W. –  keine Spur.

Kein Wunder, dass die Bürger in Aachen Angst haben. Sie fürchten, dass der Terror in ihrer Gegend kein Ende nimmt und hoffen, irgendwann einmal einen der rechtsradikalen Jugendlichen auf frischer Tat zu ertappen. Obwohl sie sich dabei selbst in Gefahr bringen. 

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