Report München

Immer dreister, immer gefährlicher Das Netzwerk rechtsextremer Kameradschaften

Ein blutiges Schweineherz als Weihnachtsgruß für einen Nazigegner, Übungen mit scharfen Waffen im Ausland. Die lange unterschätzte rechtsextreme Kameradschaftsszene in Deutschland ist brandgefährlich. report MÜNCHEN mit exklusiven Recherchen.

Autor: Oliver Bendixen, Pia Dangelmayer, Ulrich Hagmann Stand: 10.01.2012

Der Informant will anonym bleiben. Aber der Tipp ist heiß. Hier in München soll am ersten Weihnachtsfeiertag ein Führungstreffen der Jagdstaffel Deutsch - Stolz -Treu stattfinden. Diese Neonazis treten im Internet martialisch auf und brüsten sich mit Wehrsportübungen, die sie im Ausland durchführen.

report MÜNCHEN: „Sie sind von der Jagdstaffel, oder?“

Jagdstaffel-Mitglied: „Das geht Sie nichts an, oder?“

report MÜNCHEN: „Sie gehen jetzt heute zu einem Führungstreffen der Jagdstaffel, wir würden gerne Interviews machen, den Herrn Baumann suchen wir.“

Jagdstaffel-Mitglied: „Wir machen keine Interviews.“

report MÜNCHEN: „Wieso werden keine Interviews gemacht?“

Jagdstaffel-Mitglied: „Ich bin nicht befugt mit Ihnen zu reden.“

report MÜNCHEN: „Wir würden gerne mit Ihnen über nationalen Sozialismus und Bewaffnung reden, Sie gehen zu Waffenübungen immer rüber nach Tschechien, waren Sie da auch? In Cheb waren Sie. Sagen Sie doch dem Herrn Baumann, dass wir gerne mit ihm reden würden. Sagen Sie ihm das bitte?“

Jagdstaffel-Mitglied: „Wenn ich ihn vielleicht sehe.“

report MÜNCHEN: „Sie sehen ihn ganz sicher, weil er wohnt ja hier. Der wohnt hier, wir klingeln mal schon für Sie!“

Keiner der Neonazis will mit uns reden. Das Treffen findet bei Dominik Baumann statt. Der hat zur Gruppe des Rechtsterroristen Martin Wiese gehört. Baumann ist vorbestraft, weil er eine Kalaschnikow samt Munition besorgt hat. Jetzt also Jagdstaffel und Übungen mit scharfen Waffen. Dabei ist Dominik Baumann von Amts wegen der Umgang mit Waffen verboten.

Wir fahren nach Tschechien. Baumann und weitere Mitglieder der Jagdstaffel haben bei Polizeikontrollen angegeben, dass sie auf einem Schießstand nahe der Grenze mit scharfen Waffen üben. Übungsscheiben wurden in ihrem Wagen gefunden.

Tatsächlich, kurz nach der Grenze taucht das erste Schild auf: Schießstand, Leihwaffen alle Kaliber.

Insert nach Gedächtnisprotokoll:

Schießplatzbetreiber: „Was möchtest Du?“

report MÜNCHEN: „Was haben Sie im Angebot, mit was kann man schießen?“

Schießplatzbetreiber: „Ihr habt Privatwaffen?“

report MÜNCHEN: „Nein, wir haben keine Waffen.“

Der Mann will keinen Ausweis sehen. Eine Unterschrift genügt und dann könnten wir uns in dem unglaublichen Waffenlager bedienen. Großkalibrige Pistolen, Kalaschnikows, amerikanische Sturmgewehre. Pro Schuss rund 50 Cent. Geduldig unterweist der Chef selbst blutige Anfänger.

Auf dem Schießstand herrscht reger Betrieb, vor der Tür parken schwere russische Limousinen. Hier also haben die Neonazis von der Jagdstaffel trainiert. Im Internet posieren die Schläger martialisch. Alle Gruppenmitglieder sind wegen Gewaltdelikten bei der Polizei bekannt.

Bei unseren weiteren Recherchen stoßen wir auch auf diese Seite einer Schweizer Waffenfirma. Geschäftsführer: Dominik Baumann und Stefan Reiche -  die Chefs der Jagdstaffel. Doch an der angegebenen Adresse existiert diese Firma in der Schweiz nicht. Insider vermuten, die Neonazis wollen sich als mutmaßlich seriöse Geschäftsleute bei Waffenmessen einschmuggeln. Doch zu welchem Zweck, wollen die Nazis aufrüsten? Solche Fragen beantwortet die Jagdstaffel nicht: „Da uns bewusst ist, in welche Richtung Ihre Berichterstattung abzielt, werden wir uns nicht dazu äußern“ antwortet die Jagdstaffel.

Im Münchner Rathaus treffen wir einen guten Bekannten der Jagdstaffel. Den stellvertretenden NPD-Bundesvorsitzenden und Münchner Stadtrat Karl Richter.

Karl Richter, NPD, Stadtrat München, BI Ausländerstopp: „Ich kenne die Jagdstaffel als Demonstrationsteilnehmer, bin dankbar dafür, wenn sich Leute von denen an Flugblattaktionen beteiligen.“

report MÜNCHEN: „Jetzt kann man aber ganz klar sagen: Die Bürgerinitiative Ausländerstopp oder die NPD haben Kontakt mit Kameradschaften, die an Waffen trainieren.“

Karl Richter, NPD, Stadtrat München, BI Ausländerstopp: „Es gibt immer Leute, die wahrscheinlich mal eine Waffe in der Hand gehabt haben, man kann das im Einzelfall nicht überprüfen, es interessiert mich im Einzelfall auch gar nicht.“

Ein führender NPD-Funktionär räumt Kontakte zu gewalttätigen Neonazis ein.

Auch hier im Aachener Umland hat die NPD bis vor kurzem mit gewalttätigen Neonazis kooperiert. Die Szene verbreitet die Angst und Schrecken.

Sein Weihnachtsgeschenk war eine Drohung. Der Briefkasten ist immer noch blutverschmiert. Marko Bartz schaudert‘s, wenn er dran denkt.

Marco Bartz: „Da war ein Tierherz war drin, von der KAL, am 25. 12.2011, mit dem Gruß: Frohe Weihnachten.“

Ein Schweineherz im Briefkasten von der Kameradschaft Aachener Land.

Marco Bartz: „Dass die soweit gehen und Leichenteile dort reinschmeißen, ist schon widerwärtig.“

Dabei kennt Marko Bartz Drohungen von Neonazis. Immer wieder hinterlassen sie ihre Spuren. Im Sommer dringen sie bis zu seiner Wohnungstür vor und beschmieren sie.

Marco Bartz: „Seit ich auf der Demo war hab ich massiv mit den Nazis zu kämpfen hier im Kreis.“

Die Kameradschaft Aachener Land tyrannisiert einen ganzen Landstich zwischen Aachen und Köln.

Es reicht, gegen eine Nazi-Demo, wie hier in Stolberg, zu demonstrieren, um in das Visier der brutalen Schläger zu geraten. Für die Opfer der KAL hat der Führungskader Axel Reitz  nur Spott übrig.

Axel Reitz: „Da darf man eben dann nicht die Träne im Knopfloch mit sich tragen und sagen, oh Gott, die armen Opfer, das wird ja sicherlich Gründe haben, wenn irgendwas passiert.“

Es passiert ziemlich viel im Aachener Land. Doch selbst Kameraden, die beim Bombenbau erwischt wurden, kamen mit Bewährungsstrafen davon.
Im Dezember hat die Justiz nun endlich einen führenden Kopf der Kameradschaft verhaftet: Dennis Unruh. Er ist mehrfach wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Allerdings laufen noch Berufungsverfahren. Dennoch ist Unruh jetzt in U-Haft. Grund: Wiederholungsgefahr. Seither kursieren im Netz Solidaritätsbekundungen.

Und verbündete Kameraden kündigen an: „werden die Zeiten härter, gehen wir in den Untergrund.“

Axel Reitz dagegen führt ganz offen im Dezember eine bedrohliche Demonstration durch Köln Kalk. Unter Polizeischutz beschimpfen rheinische Neonazis ausländische Mitbürger.

Und im Aachener Land fühlt sich Marko Bartz ziemlich allein gelassen. Drei von vier Anzeigen wurden wieder eingestellt mit nahezu identischer Begründung: „weil ein Täter nicht ermittelt werden konnte. Weitere Nachforschungen versprechen zur Zeit keinen Erfolg.“ Der Rechtsstaat tut sich immer noch schwer im Umgang mit gewalttätigen Neonazis.

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