Rechter Terror Neue Recherchen zum braunen Netzwerk
Das Rätselraten um das Zwickauer Terror-Trio hört nicht auf. Die Fahndung läuft. Gab es doch in ganz Deutschland Unterstützer? An wen gingen die Bekenner-DVDs? report MÜNCHEN mit neuen Recherchen zum Umfeld und zur Strategie des braunen Netzwerks.
Nürnberg, wenige Tage nach dem Selbstmord der beiden Nazi-Terroristen. Eine unbekannte Person steckt einen Umschlag in das Postfach der Nürnberger Nachrichten.
Als der Rechtsextremismus-Experte der Zeitung, Herbert Fuehr, den mysteriösen Umschlag öffnet, kann er seinen Augen nicht trauen – es handelt sich um das berüchtigte Bekennervideo der Zwickauer Terrorgruppe.
Herbert Fuehr, Journalist Nürnberger Nachrichten: „Man kann es einfach nicht fassen, selbst beim zweiten oder dritten Anschauen fragt man sich: was sind das für Menschen, die so etwas zustande bringen. Sich so über Morde zu freuen.“
Der Umschlag wurde erst nach dem Auffliegen des Terrortrios eingeworfen. Auffallend ist zudem:
Herbert Fuehr, Journalist Nürnberger Nachrichten: „Es gibt im Internet immer die Aufrufe, unsere Zeitung zu boykottieren. Wir werden ständig diffamiert als ‚linke Systempresse’, die nur Unwahrheiten verbreitet und die wahren Deutschen verleugnet und nicht zu Wort kommen lässt.“
Etwa zur gleichen Zeit in der Nürnberger Nordstadt. Ein Mitarbeiter des sogenannten „Roten Zentrums“ leert den Briefkasten und findet ein weiteres Bekenner-Video – diesmal als Postsendung.
Mitarbeiter Rotes Zentrum Nürnberg:
- Stimme nachgesprochen -
„Und ich bin auch der Meinung, dass man nicht als Person oder der einzelne als Person gemeint ist, sondern halt die linken Organisationen. Damit ihnen gesagt wird: ‚Seht, was wir im Stande sind zu leisten!’ Und natürlich haben sie versucht damit Drohungen auszusprechen.“
Auch das Rote Zentrum wurde in den letzten Jahren mehrmals von Rechtsextremen angegriffen.
Und: Drei Tatorte der Mordserie liegen in Nürnberg – mehr als in jeder anderen deutschen Stadt.
Hinzu kommt: In dem Bekennervideo nimmt Nürnberg einen auffällig breiten Raum ein.
Der Kriminologe Christian Pfeiffer ist mit allen Fällen vertraut und wurde häufig um Rat gefragt. Für report MÜNCHEN analysiert er das Bekennervideo mit den vielen Ausschnitten aus Nürnberg.
Christian Pfeiffer, Kriminologe: „Entweder haben sie vor Ort gründlichst recherchiert, um das eigene entdeckt-werden-Risiko so klein wie möglich zu halten, oder sie haben örtliche Helfer gehabt, die für sie ausbaldowert haben, das wäre ein ideales Geschäft. Da fällt die Häufung in Nürnberg auf: Gibt es irgendwo in Nürnberg irgendwo einen Nazi-Freund, der die Aufgabe übernommen hat vor Ort auszusuchen für sie, welches die richtigen Opfer sind?“
Kann das sein? Wir gehen auf Spurensuche und stellen fest: Es gab auffällig viele Kontakte zwischen fränkischen Neonazis und dem Umfeld der Zwickauer Zelle.
Beispiel 1: auf einem Konzert des rechtsextremen Liedermachers Frank Rennicke im oberfränkischen Coburg wurde für das abgetauchte Terrortrio gesammelt.
Beispiel 2: Der Thüringer Rechtsextremist Andre K galt als enger Freund der Zwickauer Rechtsterroristen. Noch vor zwei Jahren trat er als Redner beim sogenannten Nationalen Frankentag auf.
Beispiel 3: Ganz aktuell: Heute morgen: Verhaftung von Ralf Wohlleben wegen Beihilfe zum sechsfachen Mord und einfachen Mordversuch. Wohlleben war der stellvertretender Vorsitzende der Thüringer NPD. Er zählte zum engsten Freundeskreis der Zwickauer Nazi-Gruppe, hier im Bild mit Uwe Bönhardt.
Wohlleben wohnte lange in Jena-Lobeda im sogenannten Braunen Haus – wie unsere Recherchen ergaben, trafen sich hier Neonazis aus Franken mit ihren Gesinnungsgenossen aus Thüringen.
Auffallend: ein Nürnberger Neonazi symphatisierte vorletzte Woche ganz offen mit der Zwickauer Terrorzelle. Zitat: „Tod dem Döner es lebe die Nürnberger Bratwurst“.
Christian Pfeiffer, Kriminologe: „Der Zweck des Films ist, Menschen für die Taten zu begeistern, solche Menschen die schon ausländerfeindlich eingestellt sind, die sich leicht begeistern lassen, die sich leicht identifizieren können. Aber, die sich dann doch schrecken würden, wenn es Blut gibt, wenn Menschen getötet werden. Das ist ja noch mal ein ganz anderer Schritt als zu brüllen: ‚Ausländer raus!’ Und die Paulchen Panther-Verwendung, die neutralisiert solche Bedenken.“
In der Tat:
Auf der Internetseite der Kameradschaft Aachener Land stand für kurze Zeit: „Zwickau Rulez“ auf Deutsch: „Zwickau hat`s drauf“.
Über diesen rechtsradikalen Schlägertrupp, der unbescholtene Bürger tyrannisiert, hat report MÜNCHEN in den letzten beiden Jahren ausführlich berichtet.
Auch in Aachen haben junge Neonazis Bomben gebastelt und Wehrsportübungen durchgeführt.
In München treffen wir einen ehemaligen führenden Aktivisten aus der Kameradschaftsszene. Er hat eine neue Identität und will unerkannt bleiben. Er berichtet von perfekt durchorganisierten Einheiten:
Aussteiger: „Es gab eine feste Struktur und eine feste Führungsposition. Es ist gang und gebe, dass Waffen gehandelt und gekauft werden. Man finanziert sich auch dadurch. Und das führt irgendwann früher oder später zum Mord, definitiv.“
Genau aus diesen gewalttätigen Netzwerken stammen auch die beiden Zwickauer Rechtsterroristen.
Der Berliner Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner warnt seit Jahren vor diesem Gewaltpotential. Dafür wurde er lange nicht ernst genommen. Für ihn steht fest:
Bernd Wagner, Rechtsextremismus-Experte: „Man lebt eigentlich für den Krieg, für den Partisanenkrieg in der Stadt, im Dorf, in einer Einrichtung, in einer Freizeiteinrichtung. Man ist ständig in Alarmstimmung, in einer Kampfstimmung und das Leben wird auch methodisch durchgestylt.“
Eiskalt geplant war auch die Verbreitung des Films, wie hier in Hamburg.
Wir recherchieren gemeinsam mit den Kollegen von der türkischsprachigen Zeitung Hürriyet. Im Briefkasten der Hamburger Ali Pascha-Moschee lag am 10. November ein Umschlag. Er kam mit der Post. Anonym. Es ist das perfide Bekennervideo des Zwickauer Terrortrios.
Cemer Yueksek, Al-Pascha-Mosche Hamburg: „Mit welcher Systematik und Verachtung sie da vorgegangen sind, das verängstigt schon sehr.“
Auch hier fällt auf: Immer wieder gab es Drohungen. Einmal wurde auf die Moschee sogar geschossen.
Wir erinnern uns: In Hamburg richteten die Nazi-Terroristen im Juni 2001 einen türkischen Gemüsehändler regelrecht hin. Erneut stellt sich die Frage: Versandten Unterstützer der Zwickauer Zelle das Bekenner-Video?
Für Christian Pfeiffer hat der Film eine Schlüsselrolle:
Christian Pfeiffer, Kriminologe: „Meine Vermutung wäre, der Film hat darüber hinaus den Zweck gehabt Gruppenidentität zu stärken, zu stützen, aufzubauen. Es wird einige Menschen im Umfeld der Täter gegeben haben, die ihn gesehen haben und die man auf diese Weise zu Partnern dieses Netzwerkes machen wollte.
Es wird immer deutlicher: Es gibt dieses Netzwerk und umso drängender wird die Frage, wie umfassend es ist.
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