Report München

Hitler auf der Brust Millionengeschäfte mit Naziklamotten

Einschlägige Naziklamotten und die CDs rechter Rockbands waren früher eigentlich nur über das Internet zu kriegen, heute vertreibt die rechtsextreme Szene ihre Kleidung, Rockmusik und Fanartikel immer häufiger ganz freimütig in öffentlich zugänglichen Ladengeschäften mitten in unseren Städten.

Autor: Birgit Kappel Stand: 17.08.2009

Dieses Material wurde uns zugespielt. Aufgenommen in öffentlich zugänglichen Klamottenläden, Einkaufshäusern, Musikgeschäften und völlig legalen Armyshops. Es zeigt uns T-Shirts mit Texten wie "Jesus konnte angeblich übers Wasser gehen – ich geh über Leichen." Und Artikel mit eindeutiger Nazi-Stellvertreter-Symbolik wie die Zahl 18. Sie steht in rechtsextremen Kreisen für den ersten und achten Buchstaben im Alphabet und soll "Adolf Hitler" heißen. Die Zahl 88 - wie auf dieser Fahne - steht für "Heil Hitler". Ebenfalls klar zuzuordnen: Der Aufdruck mit der schwarzen Sonne, einst Symbol der mystisch-esoterischen Seite des Nationalsozialismus, heute ein klares Erkennungszeichen in der rechtsextremen Szene.
Aber auch für Nicht-Kenner lassen die Läden keinen Zweifel an der Eindeutigkeit: "Die BRD ist uns völlig gleich, unsere Heimat ist das Deutsche Reich."

Wir sind im Arbeitszimmer von Jan Raabe. Er ist spezialisiert auf die Erforschung "Rechter Jugendkultur" und recherchiert gemeinsam mit einem Kollegen seit vielen Jahren in der Szene. Deshalb darf er auch nicht erkannt werden.

Jan Raabe, Autor, Experte für "Rechte Jugendkultur": "Die Produktion von rechten Bekleidungsstücken mit einschlägiger Symbolik, mit einschlägigen Aufdrucken, ist ein großes Geschäft, das ist ein Millionengeschäft. Und dass diese sich inzwischen in den öffentlichen Raum wagt und nicht mehr hinter Versandhandlungen versteckt, ist natürlich für die extreme Rechte eine neue Qualität. Man könnte fast sagen die Ladengeschäfte sind die neuen Sturmlokale für die extremen Rechten, weil diese öffentliche Anlaufpunkte sind."

Es sind nicht nur die rechtsextremen Inhalte, die fassungslos machen, es ist auch das Umfeld, in dem solche Läden zu finden sind. Rund 75 gibt es mittlerweile deutschlandweit, und nicht etwa versteckt in Hinterhöfen und Kellerräumen, nein, sie finden sich seit neuestem auch mitten in Deutschlands Innenstädten, sehen aus wie kleine hübsche Boutiquen, laden ein zum Stöbern, direkt an Hauptstraßen oder in einem belebten Einkaufszentrum wie hier mitten in Dresden. Bereits außen wird ganz offen für die einschlägigen Marken geworben – die Klamottenlabels der Rechten: Erik and Sons und Thor Steinar. Die Zeiten der Heimlichtuerei sind eindeutig vorbei.

Dierk Borstel, Experte für Rechtsextremismus, Uni Bielefeld: "Das ist eigentlich die bedrohliche Situation, wie ich finde, da zeigt sich, welche Nachfrage dahinter steht und dass diese Nachfrage eben auch nicht nur über das Internet befriedigt wird, sondern man kann offen in so ein Geschäft gehen. Man kann offen so etwas kaufen. Man kann es sich leisten und die Proteste dagegen sind nur in einigen Orten tatsächlich adäquat."

Doch wie soll man diesem Problem entgegentreten? Vom Gesetzgeber fühlen sich Verantwortliche wie Köthens Oberbürgermeister mit dem Problem allein gelassen. Auch er hat in seiner Stadt mit einem sogenannten Naziladen zu kämpfen, dessen Besitzer seit einigen Wochen sogar für die NPD im Stadtrat sitzt.

Kurt-Jürgen Zander, SPD, Oberbürgermeister Köthen: "Man mietet legal ein Ladengeschäft an. Der Vermieter weiß meistens gar nicht, wen man sich da reinholt, weil man sieht natürlich, viele Häuser sind saniert und man freut sich natürlich, wenn man einen solventen Mieter bekommt. Dann wird ein Gewerbe angemeldet, dem ist stattzugeben, weil erst mal passiert dort nichts Verbotenes, man muss im Zweifel sogar die Werbung genehmigen, nach einer Werbesatzung. Da gibt es auch keine Möglichkeiten das einzuschränken. D.h. also, man muss sich speziell Gedanken machen, wie man Tatbestände in den einzelnen Gesetzen schafft, die es uns leichter machen, gegen solche Läden vorzugehen."

Der Innenminister wirbt in diesen Tagen für Sicherheit und Freiheit, doch von der Problematik um die Naziläden will er nichts wissen, ein Interview mit report MÜNCHEN lehnt er ab. Und sein Ministerium teilt uns mit, eine Gesetzesänderung sei weder angedacht noch vorgesehen.

Dierk Borstel, Experte für Rechtsextremismus, Uni Bielefeld: "In Wahlkampfzeiten ist das sowieso alles Tabuthema, das will auch keiner hören. Da wird man wieder aufs Erfolgskriterium gucken, die rechtsextremen Parteien werden bei der Bundestagswahl keinen Durchbruch machen und damit ist das Thema für ein, zwei Jahre beerdigt."

Und weil sich mit diesen Themen so wirklich niemand beschäftigen mag, trauen sich die Rechtsextremen immer mehr. Was früher so nicht einmal im Geheimen möglich war, präsentieren sie heute stolz auf der Internetplattform You Tube. Vor vier Wochen in Gera. Die NPD verbindet eine Wahlkampfveranstaltung mit einem Nazikonzert, nennt es "Rock für Deutschland". NPD-Chef Udo Vogt präsentiert vor sage und schreibe rund 5.000 Jugendlichen einen der härtesten Rechtsrocker überhaupt. Michael Regener alias Lunikoff saß drei Jahre im Gefängnis. In seinen Texten hatte er offen zum Töten von Ausländern aufgerufen. Vor einem Jahr kam er frei. Und jetzt singt Lunikoff tatsächlich auf öffentlichen Veranstaltungen! Und Tausende gröhlen mit. Selbst der Hitlergruß wird gezeigt.

Jan Raabe, Autor, Experte für "Rechte Jugendkultur": "Solche Konzerte sind ansonsten nur kladestin organisiert worden, d.h. nie  öffentlich, nie konnten Personen sich sicher sein, dass die Konzerte stattfinden. Nie waren die Informationen für ein Lunikoff Konzert überhaupt öffentlich zu bekommen."

Ausschnitt Konzert, Quelle You Tube: "Wir lieben unser Land, aber wir hassen diesen Staat. Ihr werdet sie noch aufgehen sehn, unsere Saat."

Dierk Borstel, Experte für Rechtsextremismus, Uni Bielefeld: "Wenn sich 4.000 bis 5.000 Leute hinstellen und sagen, das ist unsere Musik, dafür geben wir Geld aus, das ist die Geschichte, die wir vertreten, dann ist das ein Wahnsinnserfolg für den radikalsten Teil des Rechtsextremismus, den wir in Deutschland haben und zwar ein Achtungserfolg, wie er in den letzten 10 bis 15 Jahren sicherlich nicht vorgekommen ist."

Ausschnitt Konzert, Quelle You Tube: "Vorwärts für Deutschland, Nationalist."

Frage report MÜNCHEN: "Das gibt es doch nicht, dass das möglich ist!?"

Norbert Vornehm, SPD, Oberbürgermeister Gera: "Ja, da geht es Ihnen genauso wie es mir geht und wie es fast allen hier in Gera geht. Das ist ein Thema, dem sich diese Gesellschaft, denke ich, endlich stellen muss, wir müssen darüber reden, ob wir es zulassen können, dass sich eine Partei, die solche Veranstaltungen durchführt, zugelassen ist als Partei, das ist eine Frage, wo ich persönlich eine ganz eindeutige Haltung habe. Ich bin der Meinung, dass die NPD eine verfassungsfeindliche Partei ist und deshalb verboten gehört. Aber die Diskussion müssen wir führen, die können wir nicht führen anhand einer einzelnen Veranstaltung in irgendeiner Stadt, sondern da müssen wir uns einer ganz grundsätzlichen Auseinandersetzung stellen."

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