Report München

Die Finanz- und Wirtschaftskrise Das Euro-Schicksalsjahr 2011

Nach der Griechenland- und Irland-Krise fragen sich Millionen Deutsche: Wie sicher ist der Euro? report MÜNCHEN sprach mit Experten und Bankern und zeigt die Knackpunkte in diesem Jahr auf.

Autor: Birgit Kappel, Sabina Wolf Stand: 10.01.2011

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank: "Ich glaube 2011 wird ganz entscheidend für den Euro sein."

Prof. Joachim Starbatty, Euro-Kritiker: "Es sieht so aus, als ob der Euro von Krise zu Krise taumeln wird."

Angela Merkel, Bundeskanzlerin, (15.11.2010): "Ich sage Ihnen, es geht um das Ganze, denn scheitert der Euro, scheitert auch Europa."

Bilder aus den vergangenen Monaten: Massive Ausschreitungen gegen Sparpakete treiben Bürger in Griechenland und Irland auf die Straße. Und jetzt belasten die maroden Staatsfinanzen in Portugal und Spanien den Euro. Bahnt sich eine Staatsanleihenkrise an?

Portugal und Spanien – das sind die aktuell größten Sorgenkinder der Eurozone. Bei jedem Umschuldungstermin kann es kritisch werden. Hier die Zahlen: über eine Milliarde Euro für das gesamte Jahr. Wenn der Markt den Ländern nicht vertraut, verlangt er höhere Zinsen. Schlimmstenfalls können sich die Staaten ihre eigenen Schulden nicht mehr leisten. So wie Griechenland und Irland. Dann heißt es: Staatspleite oder Rettungsschirm.

Frankfurt – Finanzdistrikt. Wir treffen den Chefvolkswirt der Deutschen Bank. Auch die Deutsche Bank hält Staatsanleihen der kritischen Länder. Thomas Mayer weiß, was auf dem Spiel steht. Nicht nur für die Banken – auch für die Staaten.        

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank: "Es ist möglich, dass, wenn die Politik nicht die richtigen Entscheidungen trifft, dass es zu extremen Spannungen im Euroraum kommen wird, dass wir im Verlauf dieses Jahres eine Diskussion haben werden, ob der Euro überhaupt überlebt."

Wir wollen wissen: Wie hat sich die Europäische Zentralbank, die für die Stabilität des Euro zuständig ist, auf das Jahr 2011 vorbereitet? Was sagt sie zu den kritischen Umschuldungsterminen, die auf die Staaten und damit auf den Euro zukommen werden? Erstaunlich: Uns gegenüber zeigt man sich wenig auskunftsfreudig. Auf konkrete Fragen heißt es, man beantworte generell keine hypothetischen Fragen, oder noch besser: die wenigen Informationen, die sie uns geben, seien nicht zum Zwecke der Veröffentlichung bestimmt. 

Der Finanzinformationsdienst Bloomberg in Frankfurt. Eine ganze Abteilung beschäftigt sich hier mit der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Von Tabubruch, sogar von Sündenfall ist die Rede.

Matthew Brockett, Bloomberg News: "Die Europäische Zentralbank kauft Staatsanleihen, um die Märkte zu beruhigen. Sie hat am Anfang ziemlich schnell 60 Milliarden ausgegeben und dann praktisch aufgehört. Aber dann kam Irland und die Krise hat sich verschärft und die Zentralbank wurde gezwungen noch mal aktiv zu werden. Das Problem ist, je mehr die EZB kauft, desto schwieriger wird es, aufzuhören, weil die Märkte und die Regierungen sich mehr und mehr darauf verlassen."

Allen Warnungen zum Trotz: Auch heute hat die EZB nach Händlerangaben wieder gekauft, jetzt sind es portugiesische Staatsanleihen.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank: "Die EZB hat sich sehr stark an die Aufgabe angenähert, die eine Zentralbank hat, die den Staat durch Geld drucken finanziert.
Wenn sie jetzt herangehen müsste und über Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien und alles mögliche andere auch noch aufkaufen müsste, dann wäre das nicht mehr kontrollierbar. Dann würden wir eine sehr große Geldvermehrung bekommen, die dann mittel- und langfristig zu höherer Inflation führen würde."

Eine Tatsache, die unsere Regierung gerne verschweigt. Nicht so der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler. Er stimmte als einer der wenigen gegen die Griechenlandhilfe und stellt ausgerechnet am Dreikönigstag die Euro-Politik seiner Partei in Frage.

Frank Schäffler, FDP, Finanzpolitischer Sprecher Bundestagsfraktion: "Was ist eigentlich die Finanzkrise? Sind wir eigentlich am Anfang oder sind wir am Ende? Und ich sage Ihnen: Wir sind am Anfang, wir sind ganz am Anfang. Deutschland hat inzwischen Bürgschaften und Garantien über den IWF, über die Zentralbank über den Rettungsfonds in einer Größenordnung von über 230 Milliarden Euro ausgereicht. Das ist das, was der Bund pro Jahr an Steuereinnahmen hat."

Starke Staaten retten schwache Staaten. Seit vergangenem Mai eilen die Europäischen Finanzminister von einer Krisensitzung zur nächsten. Doch wie lange noch kann diese Art der Finanzpolitik gut gehen?

Prof. Joachim Starbatty, Euro-Kritiker: "Wenn wir für die anderen Länder eintreten, wenn der Bergsteiger also immer mehr Säcke auf seinen Rücken lastet, dann werden die Kapitalanleger sich fragen, wie lange der das aushalten wird. Und dann werden Wetten darauf gemacht, wie lange der das durchhält. Und da kann das sein, dass man sich vorher von den Anleihen verabschiedet und dann wird das für uns eine Katastrophe, denn wenn einige sich verabschieden, werden sich andere auch verabschieden und dann kann irgendwann, ich kann nicht sagen in 2011 oder 2012, irgendwann kann es eine Staatsanleihenblase geben, dass die Werte der Staatsanleihen abstürzen, wie das in Griechenland der Fall ist, ist nicht ausgeschlossen."

Die Zahlen, über die offizielle Stellen nicht gerne sprechen wollen, lassen sich nicht leugnen. Neben Griechenland, Irland, Portugal und Spanien stehen 2011 auch noch viele kritische Umschuldungstermine für Belgien und Italien an. 

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank: "Letztlich werden wir auch nicht darum herum kommen, dafür vorzusorgen, dass ein Euro-Land auch insolvent gehen kann. Das ist eine Möglichkeit, die besteht und dafür muss Vorsorge getroffen werden und dafür muss es eine Instanz geben, die so was abwickeln kann und damit auch fertig wird. Das haben wir bisher noch nicht, das ist also noch die wichtigste Aufgabe, so einen Mechanismus zu konstruieren."

Für den Euro wird 2011 ein kritisches Jahr. Schlimmstenfalls könnte es als Schicksalsjahr in die Geschichte eingehen.

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