Report München

Bombenbau und Hassattacken Droht eine neue Welle rechtsextremer Gewalt?

Planungen für Anschläge und Wehrsport-übungen in NRW; Volksverhetzung im Internet. Vor kurzem hat das Bundeskriminalamt in einer beispiellosen Aktion 21 Neonazis eines rechtsextremen Internet-Radios festgenommen. report mit beklemmenden Recherchen.

Autor: Oliver Bendixen, Ulrich Hagmann Stand: 10.01.2011

Evelyn Rademacher ist mit den Nerven am Ende. Weil ihr Sohn einmal bei einer Demo gegen Rechts war, wird die Familie monatelang terrorisiert. Unter anderem mit Sprühaktionen. Mittendrin die Buchstaben KAL, das steht für Kameradschaft Aachener Land.

Evelyn Rademacher: „Ich find das so grauenvoll, ich finde das so fürchterlich und vor allem hat er ja in Interviews erwähnt, dass er Antifaschisten töten wollte.“

Die Rede ist von Falco W. Evelyn Rademacher hat uns im letzten Jahr auf Falco W. aufmerksam gemacht. Wir haben daraufhin berichtet wie Neonazis in Aachen und im dortigen Umland unbescholtene Bürger terrorisieren. Zwischenzeitlich wurde Falco W. und ein weiterer Neonazi aus dem Umfeld der Kameradschaft Aachener Land verhaftet. Hier sehen wir Sprengkörper die die Beiden mit Glasscherben gefüllt und  zu gefährlichen Bomben umgebaut haben sollen.
Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Aachen Anklage erhoben.

Jost Schützeberg, Staatsanwaltschaft Aachen: "Ihnen wird vor allem vorgeworfen Sprengkörper hergestellt zu haben. Diese Sprengkörper sollten bei einer Demonstration der rechten Szene in Berlin eingesetzt werden, vor allem gegen Polizisten und gegen Gegendemonstranten."

report MÜNCHEN liegen exklusiv polizeiliche Erkenntnisse vor.  Demnach hatte Falco W. eine Gruppe von 5 Personen um sich geschart und als Nachwuchs für die KAL geschult. Weiter heißt es in dem Schriftstück: "er habe einen Hang zum Terrorismus, er habe eine scharfe Waffe besessen, mit der er einen Antifa erschießen wollte."

Aufschlussreich ist auch ein abgehörtes Telefonat zwischen Falco W. und einem Mittäter.
"Ich bastle gerade ein Bömbchen."
"Tennisball oder Tischtennisball, wird´s denn diesmal klappen?"
"habe sie diesmal nicht ganz so voll gemacht, bisschen mehr Luft gelassen, aber auch mit viel Schwarzpulver und so..."

Die Beratungsstelle gegen Rechtextremismus beim DGB in Aachen sieht die Entwicklung der rechten Szene im äußersten Westen der Republik mit großer Sorge.

Dominik Clemens, Beratungsstelle gegen Rechtextreme beim DGB Aachen: "Man bedroht Gegner nicht mehr nur verbal, sondern man geht jetzt dazu über sich zu bewaffnen, sei es in Form von selbstgebauten Sprengsätzen oder auch in Form von Schusswaffen, die in der Szene kursieren sollen".

Nach langen Recherchen finden wir einen Aussteiger, der vom Innenleben der Kameradschaft berichtet. Aus Angst vor seinen ehemaligen Kameraden will er unerkannt bleiben.

Aussteiger (Stimme  nachgesprochen): "Es gibt halt immer diese Kameradschaftsabende, wo die Leute besprechen was können wir tun. Demonstrationen oder Leute angreifen, also geplante Anschläge, Scheiben einschlagen oder so. Man achtet darauf,  wenn man sich trifft, dass alle Handys ausgeschaltet werden, Akkus raus genommen werden, damit halt der Staat nicht raus findet wo die sind oder was die reden."

Aachen ist kein Einzelfall. Militante Neonazis mobilisieren bundesweit. Bei der größten Verhaftungsaktion, die es gegen die rechte Szene je gab, hat das BKA in ganz Deutschland 21 Personen fest genommen. 17 sitzen noch in U-Haft. Es handelt sich um Aktivisten des so genannten Widerstandradios. Im Internet hatten die Neonazis in Kommentaren und in Liedern rassistische und nationalsozialistische Texte verbreitet.
report MÜNCHEN liegt exklusiv eine CD mit Sendungsmitschnitten vor.

Sendungsmitschnitt Widerstandsradio: "Ein judenfreies Deutschland, Sieg Heil dem deutschen Reiche..."

Die Inhalte, sind zum großen Teil so menschenverachtend, dass daraus nicht zitiert werden kann. Der Holocaust wird glorifiziert. Es wird zum Mord an Juden, Türken und Andersdenkenden aufgerufen. Beamte des Bundeskriminalamtes haben die Neonazis über ein Jahr lang beobachtet, bevor sie Anfang November mit 270 Ermittlern zuschlugen.

Jörg Ziercke, Präsident Bundeskriminalamt: "Das Widerstandsradio ist sehr professionell aufgemacht, sehr gut strukturiert, hat in Deutschland eine relativ große Resonanz, aber auch weltweit eine große Resonanz, was zum Beispiel dadurch deutlich wird, dass im Jahr 2009 rund 140 bis 150.000 Zuhörer registriert worden sein sollen, für jede Sendung gab es Hunderte von Zuhörern weltweit."

Was empfinden junge deutsche Juden, wenn sie solche Texte hören? Im Gang der Erinnerung, in der neuen Münchner Hauptsynagoge treffen wir Aaron Buck, den Sprecher der israelitischen Kultusgemeinde. Wir zeigen ihm die Sendungsmitschnitte.

Aaron Buck, Israelitische Kultusgemeinde München: "Das erfüllt mich in allererster Linie mit Trauer, angesichts der Geschichte und der Verantwortung, die ich mir wünschen würde, mit der wir miteinander umgehen und auf der anderen Seite frage ich mich, woher dieser immense Hass kommt."

Die Staatsanwaltschaft Koblenz erhebt Anklage gegen rund 20 Personen. Die Hauptvorwürfe: Bildung einer kriminellen Vereinigung, Volksverhetzung und öffentliches Aufrufen zu Straftaten. Das Widerstandsradio ist mittlerweile abgestellt.

Jörg Ziercke, Präsident Bundeskriminalamt: "Wir haben klare deutliche Hinweise auf rechtextremistische Strukturen, die auch gewalttätig sind. Also wenn Sie zum Beispiel sehen, dass die rechtsextremistische Szene, in den letzten 10, 12 Jahren sich fast verdoppelt hat, was die Gewaltbereitschaft angeht, wir reden im Moment von etwa 9000 Ermittlungsverfahren im letzten Jahr."

In Aachen muss sich Falco W., der mutmaßliche Bombenbauer, bald vor Gericht verantworten. Dennoch ist die Kameradschaft Aachener Land weder verboten noch als kriminelle Vereinigung eingestuft. 
Es müsse härter vorgegangen werden gegen die Kameradschaft Aachener Land meint Evelyn Rademacher. Ihre Anzeigen wegen Sachbeschädigung wurden von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Begründung: Ein Täter konnte leider nicht ermittelt werden.

Evelyn Rademacher: "Wir sind ja eigentlich nur eine ganz normale Familie und der Marvin war nur einmal auf einer Demo und sonst eigentlich nicht und jetzt haben die das so geschafft, dass man überhaupt nicht mehr laut wird. Die haben uns eingeschüchtert einfach ist so."

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