Report München


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Arbeit auf Abruf Ständig in Bereitschaft

Fast rund um die Uhr in Bereitschaft, sechs Tage die Woche – und das für einen Hungerlohn. Dabei werden beispielsweise Verkäuferinnen mit einem Vertrag angestellt, der Ihnen nur zehn bis 15 Stunden pro Woche garantiert. Wer mehr arbeiten will, wartet in ständiger Bereitschaft und springt kurzfristig ein. Das Risiko wird also vollkommen auf den Arbeitnehmer abgewälzt.

Von: Ulrich Hagmann, Anna Klühspies

Stand: 06.06.2017

Wir spielen in der ersten Liga – so präsentiert sich H&M seinen Mitarbeitern in einem Motivationsvideo.

Gesang: „We are Team Players, A-Team Players.”

Aber die Realität sieht ganz anders aus. Das berichten uns Verkäuferinnen von H&M, die anonym bleiben wollen. Sie sind festangestellt, allerdings nur mit Teilzeitverträgen. Garantiert sind ihnen nur zehn bis 20 Stunden pro Woche. Wenn sie mehr arbeiten wollen, dann müssen sie spontan auf Abruf bereit stehen.

"Ich arbeite seit zwei Jahren bei H&M, ich hab‘ auch so einen Stundenvertrag – so 16 Stunden die Woche. Das Problem: Man kann damit seine Kosten nicht decken." Erste anonyme Verkäuferin (Insert Stimme nachgesprochen)

"Dadurch haben sie uns natürlich in der Hand, weil wir sind natürlich davon abhängig, dass wir mehr Stunden machen, dementsprechend auch etwas mehr Geld zur Verfügung haben am Ende des Monats. Deswegen nehmen wir das an, deswegen gehen wir dementsprechend ans Telefon und sagen: Klar komm‘ ich." Zweite anonyme Verkäuferin (Insert Stimme nachgesprochen)

"Das hat den Sinn, dass wenn die Leute nicht gebraucht werden, die einfach zu Hause gelassen werden können; man die dafür nicht bezahlen muss. Die sparen sich so Geld." Anonyme Betriebsrätin (Insert Stimme nachgesprochen)

Doch H&M zeigt nur die Spitze des Eisberges. Prekäre Festanstellungen, sind anscheinend der neue Trend im bundesdeutschen Einzelhandel.

"Mindeststunden-Anzahl im Arbeitsvertrag; dann wenn ich dich brauche hole ich dich, wenn ich dich nicht brauche schicke ich dich nach Hause. Und so spare ich mir bis zu 30 Prozent Personalkosten – immer auf‘s Jahr gesehen."

Thomas Gürlebeck, Verdi Augsburg

Nicht nur im Einzelhandel breitet sich dieses System aus. Der Essenslieferant Foodora setzt noch eins drauf.

"Wir haben das Gefühl, dass Foodora sehr viel mehr Mitarbeiter eingestellt hat, als sie brauchen, um ihre Schichten zu decken. Deshalb bekommen wir nicht genug Schichten. Müssen gucken, ob jemand eine abgeben will oder fünfmal im Büro anrufen und versuchen, uns noch welche zu organisieren. Aber automatisch komme ich teilweise in letzter Zeit auf null Schichten." Anonyme Foodora-Fahrerin (Insert Stimme nachgesprochen)

Seit Wochen wenig bis keine Schicht, obwohl diese Fahrerin für ihren Minijob eigentlich zwölf Stunden in der Woche fahren müsste. Ihr Vertrag nennt das System beim Namen: "Die monatliche Arbeitszeit erfolgt auf Abruf, gemäß den Bedürfnissen des Arbeitgebers." Maximale Flexibilität für den Arbeitgeber auf Kosten der Arbeitnehmer. Solche Beschäftigungsmodelle begegnen dem Arbeitsrechtler Alexander Bredereck immer häufiger.

"Wenn Sie als Arbeitnehmer durch Befristung, dadurch, dass sie nur Teilzeit arbeiten, nur relativ wenig verdienen, dadurch, dass sie vielleicht sowieso nur knapp über Mindestlohn liegen und dringend das Geld brauchen, dann sind sie nicht mehr in einem Arbeitsverhältnis bei solchen Verträgen, sondern sie sind in einer Art Knechtschaft-Verhältnis, sie sind dem Arbeitgeber völlig ausgeliefert."

Alexander Bredereck, Anwalt für Arbeitsrecht

Mit fatalen Folgen für die Lebensplanung und Lebensführung der Beschäftigten.

"Das macht einen total unsicher man bekommt Ängste.Man weiß, dass man auch von der Rente nicht leben kann, die da am Ende rausschaut." Anonyme Betriebsrätin (Insert Stimme nachgesprochen)

"Ich kann weder einen Urlaub planen, weil ich das Geld nicht habe, aber ich kann genauso wenig darüber nachdenken, ob ich eine Familie gründen möchte." Erste anonyme Verkäuferin (Insert Stimme nachgesprochen)

Aber warum schauen sich die Betroffenen nicht nach einem zweiten Job um?

"Da kann man nichts anderes machen, vor allem weil es auch durcheinander ist. Dann hat man halt mal zwei Spätschichten, dann hat man halt mal wieder zwei Frühschichten und das in derselben Woche." Zweite Anonyme Verkäuferin (Insert Stimme nachgesprochen)

Wir haben H&M mit den Vorwürfen konfrontiert. Die Firma antwortet uns:

Insert Zitat: "In Fällen eines vereinbarten variablen Stundeneinsatzes können sich Kollegen und Arbeitgeber jederzeit gemeinsam auf einen anderen Arbeitsumfang und/oder eine andere Arbeitszeit verständigen."

Doch die H&M-Verkäuferinnen widersprechen:

"Ja klar, man redet immer, die ganzen Mitarbeiter. Alle sagen, sie möchten mehr Stunden, aber die sagen dann ja, es passt einfach nicht. Personalkosten müssen gespart werden, Umsätze passen nicht." Erste anonyme Verkäuferin (Insert Stimme nachgesprochen)

Der Gewerkschaftssekretär aus Augsburg hat nicht nur mit der Textilbranche Probleme.

"Man darf es nicht mehr auf eine Teilbranche reduzieren, da geben sich alle Konzerne richtig schön die Hand, weil es so interessant ist, dieses unternehmerische Risiko einer festen Personalplanung auf den Beschäftigten runterzubrechen."

Thomas Gürlebeck, Verdi Augsburg

Teilzeitbeschäftigung boomt, viele stecken in der Falle, weil ihnen von Anfang an nur ein Teilzeitjob angeboten wurde.

"Man merkt, dass das Geschäftsmodell auf unserer Austauschbarkeit beruht. Das ist so, ohne die Mitarbeiter würden die Unternehmen keinen Gewinn machen. Trotzdem legen sie keinen Wert darauf, dass man sich wohlfühlt." Anonyme Foodora-Fahrerin (Insert Stimme nachgesprochen)

Foodora widerspicht, Mitarbeiterumfragen würden belegen:

Insert Zitat: "... dass unsere Fahrer/innen mit geringer Wochen-Arbeitsstundenzahl sich ganz überwiegend Flexibilität im Job wünschen."

"Aus meiner Sicht haben wir einen Stand erreicht, wo die Politik zwei Möglichkeiten hat: Sie kann wie bisher relativ tatenlos zuschauen, kann sagen okay, so lange meine Arbeitslosenstatistik stimmt, und die stimmt ja, die Leute arbeiten ja, solange ist mir alles egal. Kann man machen. Aus meiner Sicht haben wir einen Stand erreicht, wo die Politik handeln müsste. Weil diese an sich mal gut gedachten Regeln, Teilzeitrecht, Befristungsrecht, weil die strukturell von bestimmten Unternehmen ausgenutzt werden. Und das darf nicht sein."

Alexander Bredereck, Anwalt für Arbeitsrecht

Angesprochen ist Arbeitsministerin Andrea Nahles. Sie lehnt ein Interview zu diesem Thema ab. Wir reichen schriftliche Fragen ein, versuchen aber trotzdem mit ihr ins Gespräch zu kommen. Aber Andrea Nahles geht einfach weiter. Schriftlich lässt sie danach mitteilen:

Insert Zitat: "Arbeit auf Abruf wird auch ein Thema in unserem ‘Pakt für anständige Löhne‘ sein. Missbrauch werden wir nicht hinnehmen."

Doch wie sie den vielen Beschäftigten helfen möchte, die in einem Teilzeitjob mit variabler Arbeitszeit stecken, das prüft die Arbeitsministerin noch. 

Manuskript zum Druck:

Ständig in Bereitschaft Format: PDF Größe: 40,01 KB


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