Meilensteine der Naturwissenschaft und Technik Adolf Butenandt und die Pille
Segen oder Fluch? Vor 50 Jahren kam die erste Antibabypille auf den Markt. Für den Vatikan ist sie bis heute ein verbotener Irrweg, der die Sexualität banalisiert. Für rund 120 Millionen Frauen weltweit ist sie ein emanzipatorischer Meilenstein und ein tägliches Stück sexueller Selbstbestimmung.
1918, die deutschen Soldaten kehren in das geschlagene Land zurück, Armut und Hunger sind an der Tagesordnung. Jede Familie hat durchschnittlich fünf Kinder. Jedes weitere Kind bedeutet zunehmende Armut, doch zuverlässige und jederzeit verfügbare Mittel zur Empfängnisverhütung gibt es nicht. Schon damals, 1919, hatte der Österreicher Ludwig Haberland die Idee, zur Empfängnisverhütung direkt in den weiblichen Körper einzugreifen und Schwangerschaften mit Hilfe von Hormonen zu unterbinden – die Idee für die "Pille".
Mitte der 1920er Jahre gelang es Haberland, Mäuse künstlich unfruchtbar zu machen, die Hormone aus tierischen Eierstöcken mit dem Fressen aufgenommen hatten. Der Hormongehalt der Extrakte war aber zu gering, um auch beim Menschen Wirkung zu zeigen. Dem Chemiker Adolf Butenandt gelingt es als einem der ersten, Sexualhormone zu isolieren und ihre molekulare Struktur aufzuklären – die Grundlage für die Erfindung der "Pille". Butenandts Arbeiten begannen an der Universität Göttingen bei Adolf Windaus. Dieser hatte von der Pharmafabrik Schering den Auftrag zur Gewinnung von weiblichen Sexualhormonen für therapeutische Zwecke erhalten. Dazu mussten aus hunderten Kilogramm von Tierorganen Hormone konzentriert werden. Durch systematische Versuche mit Mäusen kann Butenandt die Konzentration der Hormone in seinen Lösungen auf das Millionenfache erhöhen. Schließlich gelingt es ihm, das Follikelhormon in reiner Form zu gewinnen - das Hormon, das die Reifung der Eibläschen steuert. Butenandt sucht auch nach männlichen Hormonen und kann schließlich aus 15.000 Liter Männerurin die winzige Menge von 15 Milligramm Andosteron, ein dem männlichen Sexualhormon Testosteron ähnliches Hormon, gewinnen. 1931 heiratet Butenandt seine langjährige Mitarbeiterin Erika von Ziegen. 1934 kann er aus den Eierstöcken von Schweinen das weibliche Sexualhormon Progesteron isolieren, 1939 erhält er für seine Arbeiten den Nobelpreis. Die ersten künstlich hergestellten Sexualhormone werden zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden eingesetzt.
Die Forschung wendet sich nun Pflanzen zu, die häufig hormonähnliche Wirkstoffe enthalten. Der amerikanische Forscher Russel Marker entdeckte in der Yamswurzel einen Wirkstoff, aus dem er Cortison herstellen will. Einem seiner Mitarbeiter, Carl Djerassi, gelingt es, eine oral verabreicht hochwirksame hormonähnliche Substanz herzustellen – sie wird später zum Hauptbestandteil vieler "Pillen".
1951 beginnt der amerikanische Forscher Gregory Pincus mit den Arbeiten zur Entwicklung einer empfängnisverhütenden Pille. Die Forscher arbeiten mit den Wirkstoffen aus der Yamswurzel und stellen daraus Hormonkombinationen zur Verhinderung des Eisprungs her, die zunächst an Tieren getestet werden. Am wirksamsten erweist sich dabei der Wirkstoff von Carl Djerassi. Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit wird der Wirkstoff in einem Großversuch mit 100 Frauen im überbevölkerten US-Territorium Puerto Rico getestet und erweist sich als wirksam. 1957 wird dieses Präparat unter dem Namen "Enovid" in Tablettenform zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden auf den Markt gebracht. Drei Jahre später wird es von der Food and Drug Administration auch als empfängnisverhütendes Medikament zugelassen.
1961 bringt Schering mit "Anovlar" ein Präparat auf den Markt, das bei gleicher Wirkung nur halb so viel Hormonanteil aufweist und damit auch weniger Nebenwirkungen hat. Ab Mitte der 1960er Jahre wird die "Pille" von den deutschen Frauen zunehmend akzeptiert – dazu trägt die "sexuelle Revolution" nicht unwesentlich bei, die sich für ein freieres Sexualleben einsetzt – natürlich ohne unerwünschten Nachwuchs. Die katholische Kirche freilich wendet sich gegen diese "unnatürliche" Geburtenregelung. Papst Paul VI. verbietet sie in einer Enzyklika ausdrücklich, und bis heute hat sich am rigiden vatikanischen Nein zur hormonellen Empfängnisverhütung nichts geändert.
In den 1970er Jahren wenden sich auch Teile der Frauenbewegung gegen die Pille – wegen der angeblichen sexuellen Verfügbarkeit, aber auch wegen bewiesener oder vermuteter Nebenwirkungen beim Langzeitgebrauch. So werden in den folgenden Jahrzehnten Medikamente mit neuen Wirkstoffkombinationen in geringerer Konzentration entwickelt – heute nimmt eine Frau mit der "Pille" im Monat weniger Hormone auf, als in den 1960er Jahren an einem Tag.

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