Die Juden – Geschichte eines Volkes Halbmond und Kreuz
Muslimische und christliche Eiferer bedrängen seit Mitte des 12. Jahrhunderts das spanische Judentum. Einer Zeit wissenschaftlicher und kultureller Blüte folgen Zwangstaufen und Vertreibungen. Sicherheit bietet nur das osmanische Konstantinopel.
Im Jahr 70 nach Christus zerstören römische Truppen den Tempel in Jerusalem, 74 nach Christus fällt Massada, 135 nach Christus scheitert der Bar-Kochba-Aufstand. Damit sind die letzten Reste jüdischer Eigenstaatlichkeit für nahezu 2.000 Jahre erloschen. "Zerstreut unter alle Völker" suchen Juden nun in allen Teilen des römischen Imperiums neue Heimaten und Wohnsitze. Schätzungen zufolge leben bereits um die Wende zum 2. Jahrhundert nach Christus rund vier Millionen Juden im Römerreich außerhalb Palästinas und mindestens eine weitere Million in Babylonien und in anderen Ländern.
Spanien: Glanz und Elend der sephardischen Kultur
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Innerhalb des römischen Imperiums entfalten vor allem die Handelsstädte entlang der iberischen Küste eine besondere Anziehungskraft. Hier lassen sich jüdische Gemeinden nieder, deren Schicksal untrennbar mit der wechselhaften Geschichte der iberischen Halbinsel verbunden ist. Als Minderheit werden die Sepharden, wie sie sich nach dem hebräischen Wort "Sfarad" für Spanien selbst benennen, zum Spielball der jeweils herrschenden religiösen Mehrheiten.
Nach kurzen Phasen der Toleranz und der kulturellen Blüte stellen sowohl die muslimischen wie auch die christlichen Eroberer und Rückeroberer die Juden wiederholt vor eine bittere Wahl: Wer nicht zum Islam oder zum Christentum übertritt, muss das Land verlassen oder sterben. Stellvertretend für diese blutige Diaspora zwischen Halbmond und Kreuz stehen zwei bedeutsame Gestalten der sephardischen Geschichte: Moses ben Maimon und Dona Gracia Nasi.
Maimonides und das blutige Ende der religiösen Toleranz
Moses ben Maimon, genannt Maimonides, muss Mitte des 12. Jahrhunderts als Kind mit seiner Familie Cordoba verlassen, als die Almohaden der religiösen Toleranz im islamischen Spanien ein Ende bereiten. Über Fez und Jerusalem gelangt er nach Al-Fustat, wo er zum Oberhaupt der ägyptischen Juden und zum Leibarzt der Sultane aufsteigt. Mit seinem reichen philosophischen, wissenschaftlichen und talmudischen Werk versucht Maimonides, eine harmonische Symbiose zwischen der jüdischen, arabischen und altgriechischen Geisteswelt zu schaffen.
Dona Gracia Nasi: Neuanfang im osmanischen Reich
Dõna Gracia Nasi, die Witwe eines sephardischen Kaufmanns, flieht 1538 vor der portugiesischen Inquisition über Antwerpen nach Venedig. Als die katholischen Glaubensgerichte auch hier zuschlagen, sucht sie zuletzt Zuflucht im Osmanischen Reich. Die neue Heimat nimmt sie andere vertriebene Juden mit offenen Armen auf. In Konstantinopel können sich die Exilanten frei zu ihrem Glauben bekennen und unbehelligt leben. Da sie die Not der Verfolgung und Vertreibung am eigenen Leib erfahren hat, engagiert sich Dona Gracia unermüdlich um die Rettung bedrohter Sepharden. Sie setzt ihr Vermögen, ihren Einfluss und ihr Handelsnetzwerk dafür ein, bedrängten Glaubensgenossen beizustehen.
Wissenschaft und Kunst: Das europäische Erbe des Sephardentums
Gewalt, Vertreibung, Intoleranz und Fanatismus verdüstern die sephardische Geschichte. Aber das spanische Judentum erlebte nicht nur dunkle, sondern auch glanzvolle Zeiten. Zu diesen strahlenden Höhepunkten zählt zum einen die "Goldene Ära" eines gedeihlichen Miteinanders von Juden und Arabern vom Beginn des 8. bis zum Beginn des 11. Jahrhunderts; zum andern die kurze Blüte des 13. Jahrhunderts, als Toledo zum Zentrum für das Studium antiker Schriften und deren Übersetzung ins Lateinische aufsteigt.
Diese von muslimischen, jüdischen und christlichen Gelehrten gemeinsam getragene Vermittlungsleistung verändert die europäische Geistesgeschichte dauerhaft. Sie macht zentrale Texte antiker Philosophen, Historiker und Naturkundler, die bis dahin ausschließlich in arabischer Sprache überdauert hatten, für das christlich lateinische Abendland fruchtbar. Wesentliche Entwicklungen des Mittelalters und der Renaissance wären ohne diese Impulse undenkbar gewesen.

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