60 x Deutschland – Die Jahresschau Das Jahr 1999
Am 24. März beginnt die NATO den Luftkrieg gegen Jugoslawien. Die umstrittene Beteiligung deutscher Jagdbomber wird zur Zerreißprobe für die Grünen. Nach heftigen Auseinandersetzungen und einer Farbbeutelattacke trotzt Außenminister Joschka Fischer seiner Partei die Billigung der Kampfeinsätze ab.
Gerhard Schröder, frisch gebackener Bundeskanzler, fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut. Lustvoll inszeniert er sich als "Lifestyle-Kanzler", trägt Anzüge von Brioni, zeigt sich Zigarre rauchend als "Genosse der Bosse" – und wird zum Symbol für die frühen Jahre der Berliner Republik. Der Zeitschrift "Stern" erklärt er, wie er sich die Rangordnung in seiner rot-grünen Regierung vorstellt: "Der Größere ist der Koch, der Kleinere der Kellner". Kritiker attestieren der Koalition währenddessen einen Fehlstart und bemängeln "handwerkliche Fehler", unter anderem bei den Gesetzen zur Neuregelung der 630-Mark-Jobs und zur Scheinselbständigkeit.
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In der Öffentlichkeit gilt er als der starke Mann neben Schröder, in der Wirtschaft fürchtet man ihn als ordnungspolitisch orientierten "Umverteiler": Oskar Lafontaine, Bundesfinanzminister und SPD-Chef. Überraschend tritt Lafontaine am 11. März ohne Angabe von Gründen zurück, verlässt Berlin und schottet sich in seinem Haus im Saarland ab. Drei Tage später spricht Lafontaine von "schlechtem Mannschaftsspiel" und "fehlendem Teamgeist". Nach der Abdankung des linken Sozialdemokraten Lafontaine steigen die Aktienkurse an den deutschen Börsen sprunghaft an. Im April übernimmt Gerhard Schröder auch das Spitzenamt seiner Partei. Lafontaine schreibt ein Buch und stellt es im Oktober vor. Der Titel lautet: "Das Herz schlägt links".
Luftkrieg gegen Jugoslawien
In der serbischen Provinz Kosovo wehren sich Teile der Mehrheitsethnie der Albaner, überwiegend Muslime, gegen die Übergriffe des serbischen Milosevic-Regimes. Es kommt zu Kämpfen zwischen der "Befreiungsarmee" UÇK und serbisch-jugoslawischen Sicherheitskräften. Kosovo-Albaner flüchten aus ihren Dörfern oder werden vertrieben. Am 24. März beginnt die NATO – ohne UN-Mandat - den Luftkrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien (der Zusammenschluss der früheren jugoslawischen Teilrepubliken Serbien und Montenegro besteht seit 1992). Beteiligt sind auch Tornado-Jagdbomber der deutschen Luftwaffe. In Mazedonien sammeln sich Bodentruppen des Bündnisses. Da ein Kampfeinsatz der Bundeswehr in der Bevölkerung umstritten ist, möchte Bundeskanzler Gerhard Schröder, der zu dieser Zeit auch EU-Ratspräsident ist, die Deutschen beruhigen und spricht von einer "friedlichen Lösung … mit militärischen Mitteln".
Richtungsstreit und Zerreißprobe bei den Grünen über Kampfeinsatz der Bundeswehr
Außenminister Joschka Fischer, der in seiner Partei, den Grünen, von Pazifisten heftig attackiert wird, verteidigt die Entscheidung zur Kriegsbeteiligung und betont, mit Hardlinern wie dem serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic sei nicht zu reden gewesen. Im Mai treffen sich die Grünen zum Parteitag in Bielefeld. Fischer wird von einem Farbbeutel am Kopf getroffen, sein Trommelfell platzt, aber er hält eine kämpferische Rede: "Frieden setzt voraus, dass Menschen nicht ermordet, dass Menschen nicht vertrieben, dass Frauen nicht vergewaltigt werden (…) Ich stehe auf zwei Grundsätzen: Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Beides gehört für mich zusammen!" Fischer setzt sich schließlich mit seiner Realpolitik durch.
Der Vatikan befiehlt den Ausstieg aus der Schwangerenkonfliktberatung
Innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz tobt 1999 ein Machtkampf, Es geht um die Frage, ob sich die katholische Kirche in der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung weiterhin engagieren oder, wie Papst es wünscht, gänzlich zurückziehen soll. Gestritten wird um die Ausstellung des Beratungsscheins, der zur straffreien Abtreibung berechtigt. Der Mainzer Bischof Karl Lehmann, seit 1987 Vorsitzender der Bischofskonferenz, kämpft mit anderen Liberalen für eine Kompromisslösung. Diese sieht vor, dass die Kirche im staatlichen Beratungssystem bleibt, aber auf dem Schein vermerkt, dass sie eine Abtreibung missbilligt. Die Gruppe der konservativen "Lebensschützer" wird vom Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba und dem Kölner Kardinal Joachim Meißner angeführt. Sie intervenieren beim Papst, der den Kompromiss im Herbst schließlich kippt. Als Reaktion auf diese Entscheidung gründen katholische Laien den Verein "Donum Vitae" (Geschenk des Lebens), der Frauen intensiv beraten, aber auch Schwangerschaftsabbruchscheine ausstellen möchte.
Heiß gekocht, kalt gegessen: Das ausgebliebene Jahr-2000-Problem
Monatelang spekulieren die Medien über das "Jahr-2000-Problem". Bei unzähligen Computern, Haushaltsgeräten, Telefonen etc. wurde die Jahreszahl nur zweistellig programmiert. Weil diese Geräte nicht in der Lage sind, den Jahrswechsel zu erkennen, also das Jahr 2000 von 1900 zu unterscheiden, warnen Experten vor dem Crash ganzer Computersysteme und unabsehbaren Folgen zum Beispiel für die Stromversorgung in Deutschland. EDV-Kenner, die etwas auf sich halten, raunen vom "Millenium Bug" (mit "Bug" ist ein Programmierfehler gemeint) oder von "Y2K" ("Year 2 Kilo"). Fieberhaft arbeiten Firmen, Behörden und Privatpersonen an der Behebung des Datenfehlers und geben beträchtliche Summen für die Modernisierung ihrer Rechner aus. Und als die Jahreszahl am 31. Dezember von 99 auf 00 umschaltet geschieht - nichts. Weder in den Industrienationen, die sich auf "Y2K" vorbereiteten, noch in der Dritten Welt, wo viele das "Jahr-2000-Problem" nicht allzu ernst nahmen. Spötter bezeichnen "Y2K" als brillanten Marketingcoup.
Informationen zur Sendereihe
Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der jahrelange Konkurrenzkampf zweier Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.

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