60 x Deutschland - Die Jahresschau Das Jahr 1994
Jahrzehntelang standen sowjetische Truppen in der DDR - als "Freunde" und Besatzer. Nach der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten beginnt der Abzug. Bis 1994 kehren eine halbe Million Soldaten und Zivilisten nach Russland zurück, wo sie eine ungewisse Zukunft erwartet.
Nach der deutschen Revolution im Herbst 1989 werden die Weichen – nicht zuletzt auf Druck der DDR-Bevölkerung (Demonstranten-Slogan im Jahr 1990: „Kommt die D-Mark nicht zu uns, gehen wir zu ihr“) - rasch in Richtung Wiedervereinigung gestellt. Bundeskanzler Helmut Kohl gelingt es, die deutsche Einheit außenpolitisch durchzusetzen. Nach der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie geben sowohl die Westmächte als auch die UdSSR grünes Licht. Sogar in der Frage der Bündniszugehörigkeit - immerhin reicht das NATO-Gebiet nach einer Vereinigung beider deutscher Staaten bis an die Oder - stimmt die Sowjetunion zu.
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Im Gegenzug garantiert die Bundesrepublik die Abrüstung der Bundeswehr auf 370.000 Mann und finanziert den Rückzug der sowjetischen Truppen sowie die Reintegration der Soldaten in Russland mit 14 Milliarden D-Mark.
Am 12. September 1990 unterzeichnen die Außenminister der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten den Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland. Es wird vereinbart, dass die Russen ihre Kasernen räumen und auch die westlichen Militärs ihre Präsenz in Deutschland reduzieren.
Abzug der russischen Truppen
Die Dimensionen des Abbaus der alliierten Armeen in Deutschland sind beträchtlich: 1989/90 sind im Westen knapp 410.000 Soldaten aus den NATO-Ländern USA, Großbritannien, Kanada, Frankreich, Belgien und Niederlande stationiert, im Osten befinden sich ca. 400.000 russische Militärs und über 200.000 Zivilpersonen. 1994 ist der Abzug weitgehend abgeschlossen und die letzten Soldaten sollen nun würdevoll verabschiedet werden. Viele Ostdeutsche empfanden die Russen trotz offizieller Freundschaftsbekundungen als Besatzer. Die Westdeutschen, vor allem die Westberliner, sahen in ihnen eine Bedrohung (z. B. Berlin-Blockade 1948/49). Aus diesem Grunde ist eine gesonderte, eher unauffällige Parade vorgesehen. Die drei Westalliierten, seit den Zeiten des Kalten Krieges enge Verbündete der Bundesrepublik Deutschland, dürfen sich dagegen auf Lebewohl-Events mit Jubel und Volksfeststimmung sowie einen „Großen Zapfenstreich“ vor dem Brandenburger Tor freuen.
Viele russische Offiziere, die unter dem Kommando des Generals Matwej Burlakow stehen, fühlen sich gedemütigt und ausgegrenzt, doch Präsident Boris Jelzin kommt am 31. August nach Berlin und verleiht der letzten Parade russischer Soldaten auf deutschem Boden mit seiner unbekümmerten Art den nötigen Glanz. Nachdem amerikanische, britische und französische Soldaten bereits am 18. Juni unter dem Beifall von 75.000 Zuschauern durch die Hauptstadt marschierten, findet am 8. September eine feierliche Verabschiedung statt. Ehrengäste sind der französische Präsident Francois Mitterand, der britische Premier John Major und US-Außenminister Warren Christopher.
Ein Wirtschaftskrimineller par excellence - der "Baulöwe" Jürgen Schneider
Viel Aufsehen erregt 1994 der Zusammenbruch eines Immobilienimperiums. Der Unternehmer Jürgen Schneider steht für den Bauboom in Leipzig, er bringt ein Zehntel der Leipziger City in seinen Besitz und lässt sich als Retter historischer Bauten feiern. Doch bei der Kreditvergabe spielt der Bauingenieur mit gezinkten Karten. Er fälscht Mietverträge, Baupläne und Rechnungen. Die Banken lassen sich blenden und vergeben großzügig Kredite – ohne Prüfung, ohne genügend Sicherheit, ohne Eigenkapital. Schließlich zieht die Deutsche Bank die Notbremse und stellt im April Strafanzeige. Als das Insolvenzverfahren eröffnet wird, flieht Schneider nach Florida.
Insgesamt hinterlässt Schneider 5,6 Milliarden D-Mark Schulden bei 50 Banken. Mit Blick auf die eigenen Verluste spricht Hilmar Kopper, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, von „Peanuts“. Durch den Verkauf mehrerer Immobilien kann der Schuldenberg auf 2,4 Milliarden reduziert werden, doch viele Handwerksfirmen bleiben auf ihren Rechnungen sitzen. Schneider wird im Mai 1995 in Miami verhaftet und 1997 zu sechs Jahren und neun Monaten Gefängnis verurteilt. Vor Gericht meint er: „Ich wunderte mich selbst, dass es so einfach war“. Nach Verbüßung von zwei Dritteln der Strafe kommt er frei und schreibt ein Buch: „Bekenntnisse eines Baulöwen“.
Die Anfänge des Mythos Schumacher
Im November wird der Rennfahrer Michael Schumacher erster deutscher Automobilweltmeister in der Formel 1. Die Deutschen jubeln, Sport und Kommerz gehen Hand in Hand. Schumacher, ein drahtiger Siegertyp mit Saubermannimage, lässt sich bestens vermarkten, Fanartikel finden reißenden Absatz.
Der Kaufhauserpresser "Dagobert"
Einer gewissen Beliebtheit bei den Deutschen kann sich auch ein Krimineller erfreuen: Arno Funke. Schon seit 1988 versetzt er seinen Forderungen und selbst gebastelten Sprengsätzen Kaufhauskonzerne in Angst und Schrecken. Bei Geldübergaben führt er die Polizei an der Nase herum, u. a. mit einer Sandkiste mit Loch, selbst gebauten Eisenbahnschienen oder einem Mini-U-Boot. Schließlich wird er im April in einer Berliner Telefonzelle gefasst. Funke inszeniert sich nach seiner Verhaftung als einsamer Kämpfer gegen die „bösen Mächte“, schreibt im Gefängnis ein Buch mit dem Titel „Mein Leben als Dagobert“ und schafft sich zahlreiche Bewunderer. Zu neun Jahren Haft verurteilt kommt er 1998 in den offenen Vollzug und wird im Jahr 2000 vorzeitig entlassen.
Informationen zur Sendereihe
Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der Konkurrenzkampf zweier jahrelang miteinander konkurrierender Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.

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