60 x Deutschland - Die Jahresschau Das Jahr 1990
Die nationale Einheit und das Ende des Kalten Krieges stehen auf der Tagesordnung. Nach dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes herrscht Jubel, doch auf die "Berliner Republik" kommt eine Herkulesaufgabe zu: die soziale und wirtschaftliche Integration von West und Ost.
Die SED verliert ihre Machtbasis
Nach der Öffnung der Mauer erlebt die einst so mächtige Staatspartei SED einen schmerzhaften Aderlass: Bis Anfang 1990 schrumpft sie von 2,5 Millionen auf 700.000 Mitglieder. Sie hat eine neue Führung, nennt sich nun Partei des demokratischen Sozialismus (PDS). Ministerpräsident der DDR ist seit November 1989 Hans Modrow, SED-Mitglied seit 1949 und Volkskammerabgeordneter seit 1957. Er steht im Ruf, Reformbefürworter und Bewunderer Gorbatschows zu sein. Zunächst akzeptiert die Bundesregierung Modrow als Ansprechpartner, denn sie muss noch Rücksicht auf die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs nehmen. Beide deutsche Regierungen sprechen anfangs einer "Vertragsgemeinschaft" zwischen beiden deutschen Staaten, doch als Kreml-Chef Michail Gorbatschow im Februar der deutschen Einheit prinzipiell zustimmt, wird die demokratisch nicht legitimierte DDR-Regierung als Verhandlungspartner überflüssig.
Die ersten freien Volkskammerwahlen
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Der Wahlkampf in Ostdeutschland - am 18. März findet die vorgezogene Wahl zur Volkskammer statt - dreht sich bald nur noch um die Frage "Wie schnell kommt die Einheit?". Überlegener Sieger wird die Allianz für Deutschland, der die CDU (Ost), die DSU (Deutsche Soziale Union, eine Art Ableger der bayerischen CSU) und der Demokratische Aufbruch angehören. Damit haben sich die Wähler, wie sie meinen, für einen sicheren Weg zu Wohlstand und Demokratie entschieden. Der überragende Erfolg der Christdemokraten – sie erhalten 40,59 Prozent der Stimmen, die SPD erreicht bescheidene 21,8 Prozent – ist wohl auch damit zu erklären, dass die Wähler in Helmut Kohl, dem Vorsitzenden der West-CDU, die Inkarnation der reichen, hilfreichen Bundesrepublik erblicken.
Der Jurist Lothar de Maiziere, seit 1956 Mitglied der CDU (Ost), bildet eine Regierung. Stellvertretende Regierungssprecherin wird eine 1954 geborene, promovierte Diplomphysikerin: Angela Merkel. Als "Kohls Mädchen" macht Merkel, die erst 1990 in die CDU eintritt, nach der Wiedervereinigung rasch Karriere. Sie wird Bundestagsabgeordnete, Ministerin für Frauen und Jugend, später für Umwelt. 1998 übernimmt sie den Posten der CDU-Generalsekretärin, zwei Jahre später den Parteivorsitz. 2005 wird sie zur Bundeskanzlerin gewählt.
Der Kanzler der Einheit - Helmut Kohl
Überraschend schnell gelingt es Bundeskanzler Helmut Kohl, die Vereinigung außenpolitisch durchzusetzen. Nach der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie geben sowohl die Westmächte als auch die UdSSR grünes Licht. Sogar in der Frage der Bündniszugehörigkeit - immerhin reicht das NATO-Gebiet nach einer Vereinigung beider deutscher Staaten bis an die Oder - stimmt die Sowjetunion zu. Im Gegenzug garantiert die Bundesrepublik die Abrüstung der Bundeswehr auf 370.000 Mann und finanziert den Rückzug der sowjetischen Truppen aus der DDR mit 14 Milliarden D-Mark. Am 12. September 1990 unterzeichnen die Außenminister der vier Siegermächte und der beiden deutschen Staaten den Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland.
"Deutschland einig Vaterland"
In der DDR werden am 1. Juli 1990 die Marktwirtschaft und die D-Mark eingeführt (Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion). Viele Ostdeutsche feiern ausgelassen diesen wichtigen Schritt in Richtung deutsche Einheit und auch Bundeskanzler Kohl gibt sich zuversichtlich. Im Juli und August handeln Regierungsvertreter aus Ost und West den Einigungsvertrag aus, der am 20. September vom Bundestag und der Volkskammer, einen Tag später vom Bundesrat verabschiedet wird. Am 3. Oktober 1990 tritt die DDR nach Art. 23 GG der Bundesrepublik bei.
Informationen zur Sendereihe
Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der Konkurrenzkampf zweier jahrelang miteinander konkurrierender Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.

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