60 x Deutschland – Die Jahresschau Das Jahr 1988
Rapider Machtverfall in der DDR: Bürgerrechtler und Mitglieder der Demokratiebewegung tragen den Ruf nach Freiheit auf die Straße. Das verschreckte Regime reagiert mit hilfloser Gewalt und Verhaftungen. Honecker verschanzt sich hinter hohlen Phrasen und verpasst die Chance auf friedliche Reformen.
Das Honecker-Regime zeigt weiterhin kein Interesse an den Reformen Michail Gorbatschows in der Sowjetunion. "Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen" – das gilt für die auf ihren Machterhalt bedachte, halsstarrige SED-Gerontokratie längst nicht mehr. So nimmt in Ostdeutschland die Zahl der Abwanderungswilligen stark zu. Obwohl bereits 1984/85 etwa 37.000 DDR-Bürger in die Bundesrepublik entlassen wurden, stauen sich bis 1988 erneut tausende Ausreiseanträge an. Bis zum Jahresende dürfen etwa 30.000 Menschen legal in den Westen übersiedeln, über 9.000 setzen sich zumeist auf dem Umweg über andere Länder aus ihrer Heimat ab. Eine öffentliche Thematisierung der Ost-West-Migration oder gar der politischen Entwicklung findet in der DDR dennoch nicht statt.
Wagenburg Ostberlin: Das Zentralkomitee igelt sich ein
Zum Dialog mit Andersdenkenden ist die Führung um Erich Honecker nicht fähig. Die Unzufriedenheit wächst. Weil viele Menschen spüren, dass sich in der SED nichts bewegt, gelingt es der Umwelt-, Friedens- und Demokratiebewegung, allmählich eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen.
Das Ende der Einschüchterung: DDR-Oppositionelle begehren auf
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Wie in jedem Jahr am zweiten Januar-Sonntag soll auch 1988 in Ostberlin eine offizielle Großveranstaltung zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stattfinden. Tausende SED-Anhänger marschieren am 17. Januar zur Grabstätte der 1919 ermordeten KPD-Mitbegründer. Ausreisewillige und Mitglieder der Demokratiebewegung wollen sich unter die Teilnehmer mischen und während der offiziellen Gedenkveranstaltung Meinungsfreiheit fordern. Geplant ist unter anderem, eigene Plakate und Transparente mit dem Luxemburg-Zitat "Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden" zu zeigen. Vor, während und nach der Veranstaltung verhaften die Sicherheitskräfte, die dank der Inoffiziellen Stasi-Mitarbeiter (IMs) detailliert über die Aktion informiert sind, führende Köpfe der Opposition. Etwa 120 Personen werden festgenommen.
Am 25. Januar folgt eine zweite Verhaftungswelle. Bekannte Dissidenten, unter ihnen Bärbel Bohley, Jürgen Templin, Stefan Krawczyk, Freya Klier, Ralf Hirsch und die Mitbegründerin der "Kirche von unten", Vera Wollenberger, kommen wegen "Zusammenrottung" oder "landesverräterischer Agententätigkeit" vor Gericht. Unter Androhung von zehn Jahren Haft unterschreiben Krawczyk, Klier und Hirsch einen Ausreiseantrag und werden ausgebürgert. Nach der Wende stellt sich heraus, dass ihr Rechtanwalt Wolfgang Schnur als IM an der Abschiebung in die Bundesrepublik maßgeblich mitwirkte. Mehreren anderen Oppositionellen offeriert das Regime die so genannte "Künstlerlösung". Sie kommen frei, wenn sie "zu Studienzwecken" für längere Zeit in die Bundesrepublik oder nach Großbritannien reisen. Bei Wohlverhalten dürfen sie später wieder in die DDR zurückkehren.
Anhaltende Reformrufe bringen Honeckers Regime unter Druck
Trotz massivem Drucks bleiben Oppositionelle weiter aktiv. Aus Protest gegen die Zensur von Kirchenzeitungen wagen etwa 200 DDR-Bürger am 10. Oktober einen Schweigemarsch durch Ostberlin. Volkspolizisten und Stasi-Mitarbeiter stoppen den Zug. Dass das Regime zunehmend nervös wird und solche Aktionen als Kampfansage betrachtet, zeigt sich daran, dass die Sicherheitskräfte mit Gewalt auch gegen Kamerateams westlicher Fernsehsender, die über das Ereignis berichten wollen, vorgehen.
Glasnost unerwünscht: Die deutsch-sowjetische Freundschaft bröckelt
Noch gibt es genügend regimetreue DDR-Bürger, die der Meinung sind, dass es sich im "Arbeiter- und Bauernstaat" ganz gut leben lässt. Doch selbst in ihren Augen verliert die SED-Führung an Glaubwürdigkeit, als sie im November fünf sowjetische Filme und die Zeitschrift "Sputnik" verbietet. Die Begründung: Im "Sputnik" werden entstellende Berichte zur Geschichte der UdSSR und zur Rolle Stalins publiziert. Tatsächlich hat das Blatt durch die Berichterstattung über Gorbatschows Reformpolitik eine enorme Popularität in Ostdeutschland erlangt. Binnen kürzester Zeit ausverkauft, wird der "Sputnik" von DDR-Bürgern im Freundeskreis weitergereicht und wirkt als Basismultiplikator.
Viele Bundesbürger empfinden die Teilung Deutschlands längst als unüberwindlich, Ländern wie Italien oder Frankreich fühlen sie sich näher als der DDR. Die Mauer, die in den Jahren des Kalten Krieges als "deutsche Schicksalsgrenze" galt, findet nur mehr Beachtung als – weitgehend ritualisiertes – Symbol der Unfreiheit. So verwundert es nicht, dass die dramatischen Ereignisse in Ostdeutschland im Westen kaum zur Kenntnis genommen werden.
Informationen zur Sendereihe
Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der Konkurrenzkampf zweier jahrelang miteinander konkurrierender Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.

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