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60 x Deutschland - Die Jahresschau Das Jahr 1979

Die US-Fernsehserie "Holocaust" löst Bestürzung aus. Ein fiktionales Format zeigt den systematischen Mord an den europäischen Juden - und endlich debattieren die Deutschen in aller Breite über NS-Verbrechen. Auch die "Nachrüstung" und der Raketenstreit zwischen Ost und West erregen die Gemüter.

Von: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber, ein Film von Johannes Unger u. a. Stand: 05.04.2012
Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei der Konferenz der Außenminister, aus der der NATO_Dopeelbeschluss hervorgeht | Bild: picture-alliance/dpa

Pershing II und SS-20: Eiszeit im Ost-West-Dialog

Der zum Ende der Dekade erneut verschärfte Rüstungswettlauf zwischen der NATO und den Staaten des Warschauer Pakts entwickelt sich zum bestimmenden politischen Thema des Jahres. Im Westen mehrt sich die Furcht vor einer militärischen Übermacht des Ostens. Ängste schüren dabei vor allem die gegen Zentraleuropa gerichteten atomaren SS-20-Mittelstreckenraketen des Warschauer Pakts. Am 5. Januar treffen sich US-Präsident Jimmy Carter, Frankreichs Staatspräsident Giscard d'Estaing, der britische Premierminister James Callaghan und Bundeskanzler Helmut Schmidt in Guadeloupe (Französische Antillen) zu einem Vierer-Gipfel. Seit langem sieht Schmidt das strategische Gleichgewicht durch die Nachrüstung des Ostens gefährdet und tritt mit großem Nachdruck dafür ein, das qualitative und quantitative Übergewicht der Sowjetunion im Bereich der Mittelstreckenraketen auszugleichen.

Der NATO-Doppelbeschluss

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Als Ergebnis ihrer Beratungen formulieren die Staats- und Regierungschefs den Kern eines Abkommens, das im Dezember desselben Jahres als NATO-Doppelbeschluss verabschiedet wird. Die Resolution ruht auf zwei Säulen: Zum einen sieht sie Verhandlungen über eine wirksame Kontrolle und Begrenzung der Rüstung im Mittelstreckenbereich vor. Sollten die Verhandlungen mit dem Osten jedoch scheitern, wird der Westen als Antwort auf die sowjetischen SS-20 eine neue Generation von Mittelstreckenraketen in Europa stationieren. Dabei sollen die bisherigen Waffensysteme durch 108 Raketen vom Typ Pershing II und 464 Lenkflugkörper, so genannte Cruise Missiles, ersetzt werden.

Proteste gegen die "Nachrüstung"

Die Pläne der Großen Vier provozieren heftige Reaktionen in der Bevölkerung, aber auch in der SPD selbst. Hunderttausende besorgter Bürger gehen gegen den Doppelbeschluss auf die Straßen und auch in der eigenen Partei sieht sich Schmidt mit massiven Widerständen konfrontiert. Immer wieder ist er gezwungen, die Zielsetzungen seiner Sicherheitspolitik zu erläutern. Trotz aller Anfeindungen bleibt Schmidt bei seiner Linie. Um die atomare Bedrohung abzuwenden, muss der Westen seiner Ansicht nach zwei gekoppelte Aufgaben bewältigen: "Konflikteindämmung, Entspannung, Kompromiss, Interessenausgleich" auf der einen Seite und zugleich die Befähigung sich "notfalls zu verteidigen, wenn man angegriffen wird".

Der NATO-Rat zeigt Härte

Um den Nachrüstungsbeschluss in letzter Sekunde zu verhindern, kündet der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew am 10. Oktober anlässlich eines Besuchs in Ostberlin eine überraschende Maßnahme an: Die UdSSR erklärt sich bereit, 20.000 Soldaten und 1.000 Panzer aus der DDR abziehen. Der Westen zeigt sich wenig beeindruckt. Am 12. Dezember verabschieden die Außen- und Verteidigungsminister der NATO-Mitgliedstaaten in Brüssel den NATO-Doppelbeschluss. Wie zu erwarten, protestiert das Zentralkomitee der SED bereits am folgenden Tag vehement gegen die Resolution des Nordatlantischen Bündnisses. Gleichzeitig bekräftigt DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker jedoch auch seine Bereitschaft zu einer vertieften Zusammenarbeit im Rahmen der friedlichen Koexistenz.

Als sowjetische Truppen am 27 Dezember in Afghanistan einmarschieren, angeblich um einem Hilferuf der prosowjetischen Regierung in Kabul Folge zu leisten, interpretieren Beobachter diesen Schritt als Reaktion auf die Nachrüstungsoffensive des Westens.

Schocktherapie "Holocaust"

Vom 22. bis zum 26. Januar strahlen die Dritten Programme des Deutschen Fernsehens die US-Serie "Holocaust" aus. Die vier Folgen erzählen die fiktive Geschichte der jüdischen Arztfamilie Weiß in der Zeit von 1935 bis 1945. Die Schicksale der Familienmitglieder zeigen exemplarisch die vielfachen Schrecken des Rassenwahns und der Judenvernichtung. Ghettoisierung, Deportation, Vergewaltigung, Vergasung und Massenmord werden schonungslos und sehr emotional ins Bild gesetzt. Parallel zum Leidensweg der jüdischen Familie entfaltet der Film die "Karriere" des ebenfalls fiktiven nationalsozialistischen Karrieristen Erik Dorf. Der anfangs arbeitslose Jurist steigt zum Sturmbannführer auf und ordnet schließlich das Massaker in der Schlucht von Babi Yar an, wo am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden grausam ermordet wurden.

Die Serie ist ein tief verstörendes, aufrüttelndes Medienereignis. Die Einschaltquoten erreichen 40 Prozent, zwischen zehn und fünfzehn Millionen Menschen verfolgen die Ausstrahlungen der Einzelteile, in den Sendeanstalten laufen die Telefone heiß.

Die Bundesrepublik stellt sich der NS-Vergangenheit

Trotz heftiger Kritik an der fragwürdigen Kommerzialisierung unsagbarer und letztlich nicht darstellbarer menschlicher Leiden, trotz massiver Vorbehalte gegen die Fiktionalisierung historischer Ereignisse und die gezielte Emotionalisierung des Publikums überwiegt dabei das positive Echo. Schließlich ist es gerade die starke Emotionalisierung, die Millionen von Zuschauern aufwühlt und in Familien, in den Schulen, in der gesamten Öffentlichkeit heftige Diskussionen über den Umgang mit der Deutschen Schuld auslöst.

Viele, vor allem jüngere Menschen, begreifen erstmals das ganze Ausmaß der deutschen Schuld an der Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden. Viele sind erstmals bereit, sich freiwillig dem Entsetzen der eigenen Geschichte und der NS-Vergangenheit zu stellen.

Dem Vorwurf der Fiktionalisierung und Emotionalisierung lässt sich ein Gedanke des jüdischen Schriftstellers Jean Améry entgegenstellen, der die Hölle von Auschwitz erlebt hat: "Wo steht geschrieben, dass Aufklärung emotionslos zu sein hat? Das Gegenteil scheint mir wahr zu sein." (Jean Améry: Vorwort zur Neuausgabe 1977 von "Jenseits von Schuld und Sühne").

Mit der deutschen NS-Vergangenheit, wenn auch auf ganz andere, eigene Weise, setzt sich der von Volker Schlöndorff nach der Romanvorlage von Günter Grass gedrehte Film "Die Blechtrommel" auseinander. 1980 erhält "Die Blechtrommel" in Hollywood als erster deutscher Spielfilm einen Oscar für die beste ausländische Produktion.

Informationen zur Sendereihe

Mit der Reihe "60 x Deutschland" präsentiert das Schulfernsehen einen bunten, von Sandra Maischberger moderierten History-Mix. Ausgehend von der doppelten Staatsgründung 1949 ist jedem Jahr eine 15-minütige Folge gewidmet. Schwerpunkt der Chronik ist der Konkurrenzkampf zweier jahrelang miteinander konkurrierender Gesellschaftssysteme. Dabei beschränken sich die einzelnen "Kalenderblätter" nicht auf politische Ereignisse, sondern geben auch Einblicke in Unterhaltung, Kultur und Sport in beiden deutschen Staaten.


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