Bewegung Zu einer Poetik der Bewegung
In der Vortragsreihe der Bayerischen Akademie der Wissenschaften nähern sich die Redner dem Thema Bewegung aus naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Perspektive: aus Sicht der Musik, der Gletscherforschung, der Informatik und der Literatur.
Vorlesung "Bewegung"
Die Vortragsreihe widmet sich einer Fundamentalkategorie unserer Wahrnehmung, ist doch ohne Bewegung — sei es die Differenzerfahrung, dass etwas im Raum seinen Ort verändert, sei es das sprichwörtliche "Ticken des Sekundenzeigers" — schlechterdings nichts vorstellbar; und selbst wer sitzt und "nur" denkt, wird dies (hoffentlich und bestenfalls) als dynamischen Vorgang, also einen Prozess der Bewegung empfinden, wobei geistige Tätigkeit ihrerseits ja wiederum einem hochkomplexen Zusammenspiel (neuro)biologischer Aktivitäten entspringt: "Bewegung", wohin man sieht… (Ankündigung des Veranstalters)
"Spazieren, Flanieren, Wandern – zu einer Poetik der Bewegung"
Dr. Johannes John, Kommission für Neuere deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
„Sprache und Sprechen per se sind schon unabdingbar mit Bewegung verknüpft: im Sprechakt selber durch die Sukzession der Worte, wobei … deren Artikulation – etwa in den Schwingungen der Stimmbänder – auf ebenso komplexen wie komplizierten Bewegungsmustern unseres Sprechapparats beruht. Gleiches gilt für das Schreiben, ob sich die Hand dabei eines konventionellen Schreibgeräts oder aber der Tastatur einer Schreib-Maschine bedient. Beim Lesen wiederum bewegen sich unsere Augen über die Zeilen, bevor … der Finger die Seite des Buchs umblättert…“, konstatiert Dr. Johannes John zu Beginn seines Vortrags zu einer Poetik der Bewegung.
Dass unterschiedliche Formen der Bewegung wie Gehen, Wandern, Denken, Sprechen und Schreiben in der zeitgenössischen Literatur eine Beziehung eingehen, erläutert er am Text „Gehen“ von Thomas Bernhard und Texten von Peter Handke, die auffällig oft schon im Titel auf eine Bewegung hinweisen, z.B. „Das Ende des Flanierens“, „Langsame Heimkehr“, „Gestern unterwegs“ oder „Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos“. Oft sind die Wanderungen, die Handke selbst unternimmt oder auf die sich seine Protagonisten begeben, Übergänge, ausgelöst durch Lebenskrisen, so analysiert Johannes John.
Keine klassische Bildungsreise unternimmt Johann Gottfried Seume, dessen Aufmerksamkeit bei seinem „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ vor allem den Menschen und ihren oft ärmlichen Lebensbedingungen gilt. Geld für ein Pferd hat der Autor selbst nicht, empfindet das aber nicht als Nachteil. „Wer geht, sieht im Durchschnitt anthropologisch und kosmisch mehr, als wer fährt.“, schreibt er später selbstbewusst.
Besonders in Paris Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich der „Flaneur“ als Phänomen heraus, bemerkt Dr. John, begünstigt von neuen städtebaulichen Errungenschaften, dem „Trottoir“ oder „Gehsteig“. Durch die breiten Boulevards eröffneten sich neue Verbindungen im städtischen Raum. Der Flaneur spaziert nicht mehr in der Natur, in der Literatur beschäftigen sich Baudelaire oder in England Edgar Allan Poe mit dem neuen Typus des Spaziergängers und Beobachters des urbanen Lebens. Der Bankierssohn und Schriftsteller Franz Hessel schlendert in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts durch Berlin und wird deswegen von der Mehrheit der Passanten kritisch beäugt: „Ich bekomme immer misstrauische Blicke ab, wenn ich versuche, zwischen den Geschäftigen zu flanieren.“, stellt Hessel fest.
Unterhaltsam und kenntnisreich widmet sich Johannes John in seinem Vortrag spazierengehenden, flanierenden und wandernden Literaten.
Lebenslauf Dr. Johannes John
Kommission für Neuere deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften
Geboren 1957, Studium der Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaft in München. Promotion 1987 („Aphoristik und Romankunst. Eine Studie zu Goethes Romanwerk“). Seit 1997 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Kommission für Neuere deutsche Literatur der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (München), dort Redaktor der Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters. Lehrbeauftragter am Institut für deutsche Philologie der Universität München (seit 1987) und der Katholischen Universität Eichstätt (1993–1997, 2000/2005). Mitglied des Adalbert-Stifter-Instituts (Linz), Mitglied des Vorstands der „Goethe-Gesellschaft München e. V.“, Mitherausgeber der Zeitschrift „Der tödliche Paß. Zeitschrift zur näheren Betrachtung des Fußballspiels” seit 1995 in bisher 62 Nummern).
Ausgewählte Publikationen
- Reclams Zitaten-Lexikon. Stuttgart: Reclam 1992 (6., bearbeitete Auflage 2005)
- Innerhalb der „Historisch-Kritischen Ausgabe der Werke und Briefe Adalbert Stifters“ (Stuttgart: Kohlhammer) Herausgeber der Bände 3.1 und 3.2 („Erzählungen“), Mitherausgeber der Bände 6.4 („Die Mappe meines Urgroßvaters“, 4. Fassung / 2002) und 8.4 („Schriften zur bildenden Kunst“ / 2011)
- Zusammen mit Alfred Doppler, Hartmut Laufhütte und Johann Lachinger (Hrsg.): Stifter und Stifterforschung im 21. Jahrhundert. Biographie – Wissenschaft – Poetik. Tübingen: Niemeyer 2007
- Zahlreiche Aufsatz-Veröffentlichungen von Goethe bis Bob Dylan

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