Überleben im Klimawandel? Guerilla-Gardening - mit Gemüse die Welt verändern
Blumen gegen Beton, Gemüse gegen graue Großstadttristesse. Immer mehr Menschen in den großen westlichen Metropolen gärtnern für die Stadt von morgen. Was die Großstadtgärtner antreibt, ist aber nicht nur die Liebe zu Pflanzen: es geht um nachhaltige Nahrungsversorgung und ein politisches Statement.
„Urbane Landwirtschaft“ heißt das Phänomen, das in Berlin, Barcelona, London oder New York zu beobachten ist: Großstädter wollen den eigenen Lebensraum urbar machen, wollen Natur bearbeiten und das mitten in der Stadt. Sie verwandeln Grünstreifen und Verkehrsinseln in Blumenbeete und pflanzen Tomaten, Salat oder Kartoffeln. Als „Guerilla Gärtner“ – eine Gruppe meist junger Aktivisten – möchten sie den öffentlichen Raum zurückerobern und sich neue Gestaltungsmöglichkeiten erschließen. Die illegale Aussaat von Pflanzen ist für sie auch ein subtiles Mittel politischen Protests: jedes neue Gewächs ein Zeichen gegen den Mangel an innerstädtischen Grünflächen, jede neue Blüte ein Aufruf, die Gestaltung des urbanen Lebensraums wieder selbst in die Hand zu nehmen.
Gärtnern als soziales Projekt
Denn jeder Bürger kann dabei mitmachen. So geht es den Aktivisten auch darum, das soziale Miteinander in den Stadtvierteln zu fördern, in denen sie ihre illegalen Beete anlegen. Vor jeder Aktion werden die Anwohner informiert, die sich dann gemeinsam um die Pflege der Beete kümmern sollen – so kommen die Bewohner miteinander in Kontakt. Der Garten wird zur Begegnungsstätte, das Gärtnern zur gemeinsamen Kommunikationsbasis. Und das nicht nur in New York und Barcelona: Auch in München gibt es immer mehr Menschen, die freiwillig gemeinsam graben, säen, jäten und ernten.
Gelebte Integration - Der interkulturelle Garten in Neuperlach
Dass Gärtnern verbindet, zeigt ein Integrationsprojekt in München-Neuperlach. Am Rande der Wohnsilos bauen 51 Menschen aus elf Nationen ihr eigenes Gemüse an. Über das Gärtnern kommen Türken, Vietnamesen, Italiener, Osteuropäer und Deutsche miteinander ins Gespräch und lernen sich kennen. Sie tauschen Saatgut und Informationen über Gemüsesorten und Kochrezepte aus, und ab und an essen und feiern sie zusammen.
Getragen wird der Garten von der Bürgerinitiative ZAK in Neuperlach und der Stiftung Interkultur, die interkulturelle Gärten wie diesen unterstützt. Insgesamt 109 solcher Gärten gibt es inzwischen in Deutschland – ein anerkanntes Integrationsprojekt. Denn diese interkulturelle Gärten haben viele positive Effekte: Sie nutzen städtische Freiräume und sorgen für Artenvielfalt im Stadtquartier.
Der Traum vom eigenen Gemüsegarten - Die Münchner Krautgärten
Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Dieses Angebot macht die Stadt München ihren Bürgern seit 1999. Für viele ist es die einzige Möglichkeit, in so genannten Krautgärten ihr eigenes biologisches Gemüse anzubauen. 14 Krautgärten gibt es bislang am Stadtrand. Das Prinzip: Bürger mieten ein Stück Acker von einem Bauern für eine Saison, der Bauer pflanzt bestimmte Gemüsesorten vor. Mitte April übernehmen die Bürger ihre Parzelle und müssen das Feld Mitte November wieder räumen. Kostenpunkt pro Saison je nach Größe der Parzelle: 60 bis 130 EUR.
Die Krautgartengemeinschaft organisiert ihren Garten selbständig. Das Konzept kommt gut an. Die Warteliste für die Aufnahme in einen Krautgarten ist meist lang. Prinzipiell wird jeder aufgenommen, unabhängig vom sozialen Hintergrund oder Einkommen – so entstehen auch hier neue Formen der Gemeinschaft und Bekanntschaften über die Beete hinweg.
Angebaut werden Lauch, Blaukraut, Weißkohl, Wirsing, Fenchel, Karotten, Mangold, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Rote Beete oder Salate. Mit dem Ertrag können sich die Krautgärtner über die Sommermonate weitgehend mit Gemüse selbst versorgen. Und hier wird streng biologisch gewirtschaftet – eine der wenigen städtischen Auflagen.
Agropolis: Ernten in der Stadt – eine neue Dimension der Stadtentwicklung
Dass das Anbauen und Ernten von Gemüse und Obst kein Privileg von Landbewohnern ist, sondern in Zukunft auch ein ganz wichtiger Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung, hat ein Münchner Architektenteam gezeigt: Ihre Vision für München heißt „Agropolis“ – eine Stadt, in der Landwirtschaft zum Alltag der Bürger gehört. Mit dieser Idee haben die kreativen Planer beim „Open Scale Wettbewerb 2009“ der Stadt den ersten Preis gewonnen.
In der Diskussion um nachhaltigen Städtebau wird das Thema Ernährung immer noch oft vernachlässigt. Dabei ist die Nahrungsversorgung für ein Viertel des weltweiten CO2-Ausstosses verantwortlich. Nur zwei Gründe für das junge Architektenteam, neue Wege in der Stadtentwicklung zu gehen.
Modellprojekt ist ein Stadtteil im Entstehen: München-Freiham. Hier wird innerhalb von 20 Jahren Wohnraum für 20.000 Münchner geschaffen. Nach dem Vorschlag von „Agropolis“ soll urbane Landwirtschaft von Anfang an in diesen neuen Stadtteil integriert werden. Durch eine Farm, die die noch nicht bebauten Flächen als Acker- und Weideland nutzt, sollen die ersten Bewohner von Freiham die Lebensmittelproduktion direkt vor ihrer Haustür miterleben. Je mehr Freiflächen den Wohnsiedlungen weichen müssen, umso mehr sollen die Bürger Freihams selber zu Lebensmittelproduzenten werden und ihr eigenes Gemüse anbauen: in Innenhöfen und auf Dachterrassen. Dieses Modell soll auf ganz München ausstrahlen, wo Lücken für den Selbstanbau ausgemacht und genutzt werden sollen.
Die Nahrungsautarkie der Großstädte?
Die Selbstversorgung einer Großstadt wie München ist und bleibt allerdings eine Utopie: Allein die Bürger von Freiham mit Gemüse, Milch- und Fleischprodukten zu versorgen, bedürfte einer Fläche, die der Mittlere Ring einschließt. Bei urbaner Landwirtschaft geht es daher vor allem um eine Bewusstseinsänderung: Der unmittelbare Kontakt zur Natur und zur Nahrungsmittelproduktion, so die Hoffnung, wird einer Rückbesinnung auf das Lokale und Regionale Bahn brechen und damit wegführen von den klimaschädlichen globalen Versorgungsstrukturen. Dann wären die Stadtgärtner von heute die Avantgarde eines neuen urbanen Lebensstils, der ökologisch und nachhaltig ist.
Literatur:
- Müller, Christa: Urban Gardening: Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, März 2011
- Müller, Christa (2009): Zur Bedeutung von Interkulturellen Gärten für eine nachhaltige Stadtentwicklung. In: Gstach, D./Hubenthal, H./Spitthöver, M. (Hg.): Gärten als Alltagskultur im internationalen Vergleich, S. 119-134, Arbeitsberichte des Fachbereichs Architektur Stadtplanung Landschaftsplanung, Heft 169, Universität Kassel
- Schröder, Jörg/Weigert, Kerstin (Hg.): Landraum. Beyond rural design. Berlin 2010, Jovis Verlag
- Schröder, J./Baldauf, T./Deerenberg, M./Otto, F./Weigert, K.: Agropolis München Magazin. München 2009, Lehrstuhl für Planen und Bauen im ländlichen Raum TUM
Die Sendereihe: “Überleben im Klimawandel”
Quo vadis, Globus? Durch Klimawandel und Ressourcenknappheit ist die Erde so bedroht wie selten zuvor. Es geht um nichts weniger als den Erhalt der Menschheit. Doch was tun? Die dreiteilige Sendereihe „Überleben im Klimawandel“ beschäftigt sich mit lokalen Antworten auf diese globalen existenziellen Herausforderungen. So versuchen Wissenschaftler, „nachhaltiges Verhalten“ zu definieren und in die Realität umzusetzen. In einem Punkt sind sie sich einig: Um die Erde zu retten, muss auch bei den einzelnen Menschen ein radikales Umdenken einsetzen – in der Ökologie, in der Energiepolitik und im sozialen Leben.

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