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Campus DOKU "Wir sind das Volk!" - Was bewegt die neue deutsche Protestkultur?

Es hat den Anschein, dass immer mehr Menschen auf der ganzen Welt auf die Straße gehen, um gegen Missstände in der Gesellschaft zu protestieren. Es werden Organisationen und Vereine gegründet, Treffen abgehalten, Aktionen geplant und durchgeführt. Gerade jetzt ist eine Solidarisierung mit Protestgruppen auf der ganzen Welt - auch in Deutschland - zu spüren.

Autor: Carsten Maaz Stand: 25.01.2012
Occupy Frankfurt | Bild: picture-alliance/dpa

Menschen aller Altersgruppen und Milieus schließen sich plötzlich zusammen, um gemeinsam für eine „bessere“ politische Zukunft auf die Straße zu gehen. Campus DOKU begibt sich auf Spurensuche nach der „neuen deutschen Protestkultur“: Welche Arten von Protest gibt es und welche Menschen stehen hinter der neuen Protestkultur - was bewegt sie und was können sie bewegen?  Kann Bürger-Protest für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie grundlegende Veränderungen bringen? Campus DOKU stellt dabei Menschen vor, die sich in verschiedenen Protest-Aktionen aktiv engagieren:

Barbara Henn und Ludo Vici z.B. sind Quereinsteigeraktivisten und bilden den Kern der Gruppe "Echte Demokratie Jetzt München". Der 54-jährigen Barbara Henn geht es um mehr soziale Gerechtigkeit. Wie immer mehr Bürger wollte sie nicht mehr nur zusehen, sie wollte auf Missstände aufmerksam machen und Gleichgesinnte miteinander vernetzen. Die Plattform „Echte Demokratie Jetzt“ soll ein Verteiler von Informationen und ein Sprachrohr für unabhängige Bürger sein, die im derzeitigen System und der derzeitigen Demokratie kein Gehör finden. Um das zu ändern, veranstalten sie unter anderem „Asambleas“, öffentliche basisdemokratische Versammlungen, bei denen jeder Diskussionsbeiträge einbringen kann.

Svenja von Gierke ist Vollzeit-Aktivistin und leitet die Kommunikation von Green City e. V. in München. Der Verein kümmert sich seit 1990 um Zukunftsthemen wie Energie und Verkehr und beweist, dass man auch im Kleinen viel bewegen kann. Neben Protestaktionen gegen Umweltbelastung im lokalen Rahmen zeigen die Aktivistin und ihre Mitstreiter mit ausgefallenen Instrumenten für strategischen Konsum aber auch, dass man selbst die Probleme vor der eigenen Türe in die Hand nehmen kann. Bei der Aktionsform „Carrotmob“ setzen Verbraucher durch ihren alltäglichen Konsum ein Zeichen. Sie kaufen gezielt in einem bestimmten Geschäft ein, weil der Ladenbesitzer sich im Gegenzug verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz des Umsatzes in Energiesparmaßnahmen zu investieren. Ziel ist es, den Klimaschutz aktiv weiter voranzutreiben. Aus diesem Grund ist auch Svenja von Gierke heute Aktivistin.

Bei den Bildungsstreiks engagiert sich z.B. Tim Hall gemeinsam mit Studierenden aus den Arbeitskreisen der StuVe AK „Studieren ohne Studiengebühren (SOS)“ und „Unsere Uni brennt“. Die Studenten fordern, dass Schulen und Hochschulen demokratisch organisiert sein müssen. Tim Hall tritt dem Vorurteil entgegen, dass alle Jugendlichen politikverdrossen sind und die wichtigen Entscheidungen den Politikern überlassen. Denn gerade seine Generation geht es etwas an, wie unsere Welt in 50 Jahren nach dem Klimawandel ausschaut oder ob eine gute Bildung für jeden gewährleistet ist. Neben diesen Menschen, die sich mit verschiedenen Protest-Formen für ihre Anliegen engagieren, betrachten in Campus DOKU auch Experten das Thema „Protestkultur“ aus wissenschaftlicher Sicht:

Prof. Dr. Dieter Rucht, Soziologe, vertritt die Meinung, dass nicht immer die Menge der Protestierenden für den Erfolg des Protestes ausschlaggebend ist. Er ist Professor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und seit 2001 Honorarprofessor am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin (Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften). Er gilt als führender Experte im Bereich der Bewegungsforschung und ist Mitherausgeber der Buchreihe „Bürgergesellschaft und Demokratie“. Bei seinen Untersuchungen hat er herausgefunden, dass heute mehr protestiert wird als früher, aber nicht unbedingt wirkungsvoller.

Prof. Dr. Hans-Martin Schönherr-Mann ist Professor für Politische Philosophie an der Universität München und hat sich in seinen Arbeiten mit politischem Widerstand auseinandergesetzt und ist dabei der Frage nachgegangen, was dieser bewirken kann.

Ein Protest-Experte ist auch Christoph Bautz. Der 39-jährige Diplom-Biologe und Politikwissenschaftler baute nach seinem Studium die Geschäftsstelle von Attac Deutschland mit auf und koordinierte dort die Öffentlichkeitsarbeit. Gemeinsam mit Günter Metzges initiierte er die Gründung von „Campact“ und arbeitet seit 2004 als Campact-Geschäftsführer. Dieser Verein organisiert Kampagnen für eine sozial gerechte, ökologisch nachhaltige und friedliche Gesellschaft.

Literatur

  • Dieter Rucht (Hrsg.), Die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945: Ein Handbuch
  • Dieter Rucht, Protest in der Bundesrepublik: Strukturen und Entwicklungen
  • Kirsten Brodde, Protest!: Wie ich die Welt verändern und dabei auch noch Spaß haben kann
  • Matthias Bernold, Revolution 3.0: Die neuen politischen Rebellen und ihre Waffen.