Baustelle Integration Der Weg zum Wir-Gefühl
Mangelnde Integration von Migranten ist ein zunehmendes gesellschaftliches Problem. Welche Faktoren sind entscheidend, damit Integration gelingen kann und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse können helfen, Migranten nachhaltig zu integrieren?
Anhand persönlicher „Migranten-Schicksale“ veranschaulicht die Dokumentation Beispiele gelungener Integration: Welche persönlichen aber auch strukturellen Faktoren führen zu einer gelungenen Integration und welche Erkenntnisse bietet die Wissenschaft dazu?
Viele Wissenschaftler, die sich mit Themenkomplex „Integration“ beschäftigen, sehen die Ursachen von „Nichtintegration“ in den „Systemen“: Kinder/Jugendliche werden zwar mit Sprachkursen gefördert, aber sie leben häufig in Familien, in denen die Eltern weder Deutsch sprechen noch den Kontakt zur deutschen Gesellschaft und Kultur suchen. Das erschwert den Integrationsprozess erheblich. Neue Ansätze und Projekte müssen daher gefunden werden, um nicht nur den Einzelnen zu fördern, sondern auch sein Umfeld: Die Familie, die Schulklasse oder eine ganze Gemeinde. Der Film geht auf Spurensuche und befragt verschiedene Migranten, Einzelne, Familie sowie Wissenschaftler, die Forschung zu „Integration“ betreiben.
Die Dokumentation „Baustelle Integration? Der Weg zum Wir-Gefühl“ geht auf Spurensuche und befragt Wissenschaftler nach neuen Erkenntnissen und Integrationsansätzen: Welche persönlichen Faktoren entscheiden über gelungene Integration? Welche Faktoren sind strukturell bedingt und bedürfen einer Förderung?
Das Thema
In Deutschland leben mittlerweile 15,5 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund – davon 2,4 Millionen in Bayern. Das heißt, dass jeder Fünfte im Freistaat ausländische Wurzeln hat. Die Tendenz ist steigend. Gleichzeitig wird die deutsche Bevölkerung kleiner – sie wird in den kommenden zehn Jahren um 4 Prozent abnehmen. Migranten werden bedingt durch diese demographischen Veränderungen zukünftig eine große Rolle in der Gesellschaft spielen, denn sie weisen eine deutlich jüngere Altersstuktur auf als die Deutschen.
Doch trotz vieler Integrationsbemühungen, einer Fülle von Integrations- und Deutschkursen, scheitert ein „Wir-Gefühl“ zwischen Deutschen und Migranten immer wieder. Viele Probleme ergeben sich daraus, dass Migranten nach wie vor bezüglich der Erwerbsquote als auch beim Armutsrisiko und im Bereich der Schulbildung erheblich schlechter gestellt sind als ihre deutschen Mitbürger.
Wichtige Herausforderungen für ein „Wir-Gefühl“ sind folgende Punkte:
1. Nach dem Bayerischen Integrationsbericht schaffen nur 28 Prozent der ausländischen Schüler den Sprung aufs Gymnasium, das ist nicht mal mehr ein Drittel. Viele verlassen sogar die Hauptschule noch ohne Abschluss: Jeder fünfte Migrantenschüler bricht vorzeitig ab.
Warum schaffen so wenige Migranten-Schüler den Sprung auf eine weiterführende Schule? Gründe sind oft die in Bayern übliche Schullaufbahn-Empfehlung, aber auch mangelnde Förderung durch das Umfeld der Schüler, Probleme bei der deutschen Sprache.
Um bessere Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund bemühen sich vor allem die Kommunen. Die Stadt Erlangen etwa hat ein Integrationsleitbild entworfen, das Migranten ganz individuell Unterstützung gibt: Mit Förderunterricht, Migranten-Lehrern, die sich in die Problematik der Schüler besser einfühlen können oder auch Bildungspaten werden Schüler gefördert und fit für weiterführende Schulen gemacht.
2. Die deutsche Sprache ist das Integrationswerkzeug Nummer Eins. Denn ohne Sprache gelingen keine sozialen Beziehungen, es droht ein schlechterer Zugang zum Arbeitsmarkt. Je früher Menschen die Sprache lernen, desto besser. Für Kinder kann durch frühe Förderung Deutsch zur zweiten Muttersprache werden.
Die Bundesregierung hat nun ein Modellprojekt geschaffen: 3000 Kindertagesstätten in Deutschland erhalten finanzielle Unterstützung, um eine Sprachförderkraft anzustellen. In diesen Kindertagesstätten können schon Dreijährige Deutsch in kleinen Gruppen lernen und sie erhalten eine besonders intensive Sprachförderung.
3. 2,9 Millionen Migranten in Deutschland haben ihren Berufsabschluss im Ausland gemacht. Doch gerade im medizinischen und pädagogischen Bereich werden die mitgebrachten Qualifikationen hier meist nicht anerkannt. Nur 16 Prozent der Zugewanderten – so die Studie „Brain Waste“ der Bundesregierung - arbeiten in Deutschland in ihrem erlernten Beruf. Der Rest muss sich häufig mit Hilfsjobs begnügen.
Dabei wären gerade die Fachkräfte aus dem Ausland eine wichtige Ressource für den deutschen Arbeitsmarkt: Schon in vier Jahren werden in Bayern eine halbe Million Fachkräfte fehlen. Eine Studie des Verbandes der Bayerischen Wirtschaft hat ergeben, dass bei einer besseren Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse mindestens 30.000 Migranten in den bayerischen Arbeitsmarkt integriert werden könnten.
Auch die Bundesregierung hat das erkannt und nun gehandelt: Ein neues Gesetz zur besseren Anerkennung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse wurde in diesem Jahr verabschiedet. Künftig hat jeder Migrant einen Anspruch auf Prüfung seiner beruflichen Qualifikationen.
4. Auch die Migranten sind gefragt, wenn es um ein „Wir-Gefühl“ geht. Oft verhindern gegenseitige Vorbehalte, Klischees und das Sich-Berufen auf eine andere Religion ein konstruktives Zusammenleben in Deutschland.
Oft sind es gerade unterschiedliche Traditionen und kulturelle Vorstellungen, die sich hinter dem Religionsverständnis verbergen. Vor allem gegenüber Muslimen entstehen so viele Vorbehalte in der deutschen Gesellschaft – Unterdrückung der Frau, Intoleranz gegenüber anderen Religionen, Islamismus – das sind nur einige der Vorurteile, die Menschen oft gegenüber muslimischen Menschen haben.
Nur wenige islamische Gemeinden versuchen bisher, einen Dialog der Religionen zu führen und sich auch gegenüber der deutschen Gesellschaft zu öffnen. Die islamische Gemeinde Penzberg ist hier ein Vorreiter. Sie gilt als Vorreiterin, was Integration und Toleranz-Bildung betrifft. Dank seinem Imam, Benjamin Idriz. Der 36-jährige Mazedonier will seine Gemeinde an einen „Europäischen Islam“ heranführen, der auch die Achtung vor westlich-demokratischen Werten umfasst. Im Religionsunterricht lernen die Gläubigen außer dem Islam auch die Religionen und Werte der deutschen Gesellschaft kennen. Ein wichtiger Schritt für die Integration. Denn mit vier Millionen Muslimen bildet der Islam in Deutschland die größte Konfession nach den beiden großen christlichen Glaubensgemeinschaften.
- Aktuelle Studie: Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Bayern [zukunftsministerium.bayern.de]
- Aktuelle Ergebnisse des Sachverständigenrates Deutscher Stiftungen zu Migration und Integration [svr-migration.de]
- Europäisches Forum für Migrationsstudien der Universität Bamberg [efms.uni-bamberg.de]
- Das neue Bundes-Gesetz zur Anerkennung im Ausland erworbener Berufsabschlüsse [bmbf.de]
- Studie des Verbands Deutscher Wirtschaft zum Fachkräftemangel in Deutschland [vbw-bayern.de]
- Projekt der Bundesregierung zur Sprachförderung in Kindertagesstätten [fruehe-chancen.de]
- Die islamische Gemeinde Penzberg gilt als wegweisend für die Integration von muslimischen Menschen [islam-penzberg.de]

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