Chic mit gutem Gewissen Kann Öko-Design den Planeten retten?
Design – Formgebung und Gestaltung – da denkt man zunächst an Verschönerung eines Produktes und weniger an Nachhaltigkeit. Eine neue Generation von Designern will das ändern. Der Film „Chic mit gutem Gewissen – Kann Öko-Design den Planeten retten?“ nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise zu den Möglichkeiten des neuen Produktdesigns: schick und nachhaltig, das schließt sich nicht mehr aus.
Ob schnittig konzipiertes E-Bike oder wasserfester Kinderstuhl aus Papier mit einer Beschichtung aus Bio-Kunststoff – ein ökologisches Produkt muss nicht hässlich sein. Viele Industrie-Unternehmen haben inzwischen erkannt, dass ein Wechsel von Weg-Werf-Produkten zu langlebigeren Gebrauchsgütern nicht nur überlebenswichtig, sondern auch „chic“ geworden ist. Denn weltweit schwindende Rohstoffe und Ozeane voller Plastik-Müll stellen die Gebrauchsgüterindustrie vor neue Herausforderungen. Wissenschaftler suchen und erproben deshalb neue Bio-Werkstoffe, für die kein Erdöl benötigt wird und die nach Gebrauch wieder in den natürlichen Kreislauf zurückkehren können. So stellt z.B. Coca Cola derzeit die Produktion der PET-Flaschen auf 30 Prozent bio-basiertes Material um. Über Quoten für bio-basierte Werkstoffe wird in Brüssel bereits diskutiert.
Neben Wissenschaftlern entdecken auch mehr Designer das Thema Nachhaltigkeit. Anstatt Güter für immer schnellere Produktions-Zyklen in immer neuen Varianten zu gestalten, setzen sie inzwischen verstärkt auf Ästhetik und Langlebigkeit. Dabei werden auch nachwachsende Rohstoffe, wie zum Beispiel Holz und seine vielen Möglichkeiten immer wichtiger. Welche Auswirkungen hat dieses Umdenken der Produktdesigner auf die Gesellschaft?
Die Konsequenzen für die Konsumgüterindustrie und damit auch für unseren Alltag sind noch nicht alle absehbar. Nach Meinung der Experten kristallisiert sich jedoch eine wesentliche Entwicklung heraus: Die schwindenden Öl-Reserven, aber auch die immer rarer werdenden „Seltenen Erden“ stellen unser Wirtschaftssystem vor ein grundsätzliches Problem. Welche Produkte können angesichts schwindender Rohstoffe noch produziert und den Konsumenten angeboten werden?
Im Interesse der Produzenten von Gebrauchsgütern steht das möglichst billige Angebot bei kurzer Lebensdauer des Erzeugnisses im Vordergrund, um so viel und so oft wie möglich zu verkaufen. Die bereits herrschende Rohstoffknappheit - in Deutschland hat die Elektronik-Industrie jetzt schon massive Probleme bei der Beschaffung „Seltener Erden“ - lässt den Produzenten jedoch nur eine Alternative: Das Produkt muss langlebiger werden, dafür aber auch teurer, denn es ist auch hochwertiger. Das Problem für den Konsumenten heißt nicht mehr, ob er bereit ist, statt lustvollem Shopping eher bewusst zu konsumieren (z.B. nur noch alle paar Jahre hochwertiges Schuhwerk zu kaufen, anstatt jedes Jahr billige Schuhe „Made in China“), da die Industrie in den nächsten Jahren gar nichts anderes mehr anbieten können wird als langlebigere Produkte, denn ihr fehlen zunehmend die Rohstoffe für Massenproduktionen.
Krabbe „Nuno“ und Möbel aus Beton
In der Campus DOKU „Chic mit gutem Gewissen - Kann Öko-Design den Planeten retten?“ nehmen die beiden Protagonisten und Design-Studenten Marc Zimmerhackl und Florian Schmid von der Hochschule München den Zuschauer mit auf eine Reise zu neuen Ideen und Herangehensweisen für nachhaltige Produkte. So hat der leidenschaftliche Surfer Marc Zimmerhackl einen Spielzeug-Bausatz entwickelt:
„Nuno“ heisst die mechanische Krabbe, die aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz hergestellt wird. Denn Marc, der das Meer liebt, will mit seinen Produkten die Plastik-Flut in den Ozeanen, die viele Meerestiere qualvoll tötet, nicht noch vergrößern. Der Film begleitet Marc bei seiner Arbeit von der Idee, über die Konstruktion am 3-D-Computer, bis schließlich zur Fertigstellung des nachhaltig designten Spielzeugs.
Sein Kommilitone Florian Schmid hat in London bei einem Firmenpraktikum einen neuen Werkstoff entdeckt, den er für seine Abschlußarbeit einsetzt: „Concrete Cloth“, kurz „CC“ genant, der im Straßenbau wiederverwendet werden kann. Concrete Cloth besteht aus Zement in einer geschmeidigen, gut formbaren Hülle, die beim Begießen mit Wasser aushärtet und zu Beton wird. Ursprünglich war „CC“ von britischen Studenten als Zutat für ein schnell aufzustellendes und massives Zelt in Notstandsgebieten gedacht. Inzwischen wird der neue Werkstoff vom britischen Militär erfolgreich genutzt, um feuer- und kugelsichere Sanitätszelte einzusetzen, aber auch für Unterkünfte und Schutzräume in Krisengebieten. Wie entsteht nachhaltiges Design?
Florian Schmid z.B. fertigt aus „Concrete Cloth“ massive, schicke, farbige Gartenmöbel - aus Beton -, die kein Sturm so schnell wegblasen kann. Wie bei seinem Studien-Kollegen Marc zeichnet der Film auch bei Florian Schmid den Weg von der Idee zum Experiment (u.a. mit Origami) bis hin zum fertigen Produkt aus „CC“ nach.
Nachhaltigkeit bei mittelständischen Betrieben und der Industrie
Der Film zeigt auch die Bemühungen mittelständischer Firmen und großer Industriebetriebe um mehr Nachhaltigkeit, also umweltschonendes Wirtschaften. Zum Beispiel die Firma Moormann in Aschau im Chiemgau: Dort werden schicke und praktische Öko-Möbel hergestellt - unter Berücksichtigung des „ökologischen Rucksacks“, wie es der Firmen-Chef Nils Holger Moormann ausdrückt.
Er versteht darunter, ein Produkt vom Anfang bis zum Ende, also bis zu seiner Entsorgung, durchzudenken, obwohl er betont, dass seine Öko-Möbel so gebaut sind, dass sie nach Möglichkeit nicht gleich beim nächsten Umzug entsorgt werden müssen. Nachhaltigkeit heisst für die Firma Moormann auch, dass sie nicht in Billiglohnländern produzieren lässt, sondern Handwerker aus der Region beschäftigt und den nachwachsenden Rohstoff Holz aus bayerischen Wäldern, quasi vor der Haustür, bezieht.
Auch in großen Industriebetrieben hat inzwischen ein Umdenken eingesetzt. Denn Nachhaltigkeit heißt nicht nur umweltschonend zu produzieren, sondern auch Produktionskosten zu senken, indem Ressourcen wie Wasser gespart werden. Die Firma DEKRA hat sich inzwischen darauf spezialisiert, auch große Industrieunternehmen oder Unternehmensgruppen wie die „Boshoku Automotive Europe“, die im Film vorgestellt wird, nach europaweit geltenden Richtlinien zu zertifizieren. Dadurch konnte bei der Unternehmensgruppe, die sich auf die Herstellung von Autointerieurs spezialisiert hat, der Anteil von erdölbasierten Rohstoffen erheblich zurückgedrängt werden. Zertifizierung heißt auch, wie es Dr. Gesa Köberle von der DEKRA ausdrückt, ein Produkt „von der Wiege bis zur Bahre“ zu analysieren und zu begleiten, um eine möglichst nachhaltige Produktion zu gewährleisten.
Auch in der oft als Umweltverschmutzer gescholtenen Chemie hat ein Umdenken eingesetzt, hin zu einer „Green Chemistry“. Dieses Schlagwort einer neuen, grünen Chemie prägte vor einigen Jahren der Amerikaner Paul Anastas. Seine Forderungen, natürliche Ressourcen zu schonen und die Chemie als Basis vieler Alltagsprodukte umweltfreundlicher zu machen, werden inzwischen auch in Deutschland immer mehr umgesetzt. Campus DOKU stellt Professor Bernhard Rieger und sein Team vor, die im Bereich der makro-molekularen Chemie an der TU in München aus dem umweltschädigenden Kohlenstoff-Dioxid einen neuen Werkstoff als Plastikersatz entwickelt haben. Professor Bernhard Rieger erklärt dabei auch künftige Einsatzmöglichkeiten von Methan als Energie-Speicher.
Nachhaltigkeit bei der Finanz-Industrie ?
Die Frage „Kann Öko-Design den Planeten retten?“ wird in dem Film auch am Beispiel der Finanz-Industrie thematisiert, die bislang nichts Nachhaltiges produziert, stattdessen aber mit Verantwortung trägt, dass durch Investitions-Spekulationen mit Nahrungsmitteln Hunger und Elend in einigen Teilen der Welt zunehmen. So haben sich aufgrund der Spekulationen an den Börsen seit 2003 laut UN gerade in den ärmeren Ländern die Nahrungsmittelpreise verdoppelt. Gedanken an globalen Umweltschutz und nachhaltige Produktion geraten auf diese Weise in den Hintergrund, wenn nur das bloße Überleben zählt.
Dennoch: nachhaltiges Design wird sich immer mehr durchsetzen. Schick und umweltfreundlich - das ist kein Widerspruch. Selbst die Chemie, als Basis unserer Alltags-Produkte, entwickelt sich immer mehr zu einer „Grünen Chemie“, die mit neuen umweltschonenden Werkstoffen experimentiert. Aber der Gedanke an ein recycelbares Endprodukt, das wieder in einen Kreislauf eintritt, sollte noch mehr Teil des Design-Studiums in ganz Deutschland werden. Denn die angehenden Designer werden die Form vorgeben, an der sich Gebrauchsgegenstände und Modeartikel künftig orientieren. Bleibt nur noch zu wünschen, dass diese nachhaltig designten Produkte dann auch immer mehr Kunden kaufen.

Wetter






