Getreide-Unverträglichkeit Ist Gluten wirklich der Auslöser?
Immer mehr Menschen klagen über Magen-Darm-Beschwerden nach dem Verzehr von Brot und Nudeln. Bislang machte man das Getreideprotein Gluten dafür verantwortlich - laut aktuellen Studien könnte die wahre Ursache indes woanders zu finden sein.
Wenn der menschliche Körper kein Gluten verträgt, bilden sich die Darmzotten zurück. Diese Unverträglichkeit bezeichnet man als Zöliakie. Laut Expertenschätzungen klagen fünf bis sieben Prozent der Bevölkerung nach dem Genuss getreidehaltiger Nahrungsmittel über Beschwerden wie Verstopfung oder Bauchschmerzen.
Gluten wahrscheinlich zu Unrecht in Verdacht
Tatsächlich aber löst Gluten nur bei einem Prozent der Bevölkerung diese Krankheit aus. Trotzdem klagen immer mehr Betroffene nach dem Verzehr von Brot, Nudeln und anderer getreidehaltiger Produkte über Symptome, die denen einer Zöliakie ähneln. Offenbar liegt auch in diesen Fällen eine Gluten-Unverträglichkeit vor, und das, obwohl der Darm völlig intakt ist. Bislang fragte man sich in Fachkreisen, warum Gluten auch Menschen Probleme bereitet, die nicht an Zöliakie leiden.
"Wir vermuten, dass es gar nicht mal das Gluten ist, sondern auch andere Inhaltsstoffe des Weizens. Derzeit wird hierüber geforscht, und ich bin gespannt, was die Zukunft sagen wird."
Prof. Wolfgang Holtmeier, Krankenhaus Porz am Rhein
Die Folgen der modernen Züchtung
Zöliakie-Experten der Universitätsklinik Mainz erhärten diesen Verdacht. Nachdem man sich dort ausgiebig mit Gluten auseinandergesetzt hat, gehen die Forscher inzwischen davon aus, dass ein ganz anderes Eiweißprotein für die Symptome der Glutenunverträglichkeit verantwortlich ist. Im Fokus steht ein Insekten-Abwehrstoff: das Protein Adenosin-Triphosphat-Amylase, abgekürzt ATI. Es wurde in moderne Hochleistungssorten gezielt hinein gezüchtet, um das Getreide resistenter gegen Schädlinge zu machen. Dies würde auch erklären, warum es heutzutage mehr dieser sogenannten Glutenunverträglichkeiten gibt.
"Wir wissen, dass wir mit den neuen Sorten einen hohen Ertrag haben, aber eben auch Nachteile erkaufen. Es ist durchaus denkbar, dass wir doch wieder zu den alten Sorten zurückkommen, die geringere Erträge haben, dafür aber einen höheren Nährwert und weniger von den Substanzen wie den ATIs."
Prof. Detlef Schuppan, Universitätsklinik Mainz
Gesundheit versus Ertrag
Der Insektenabwehrstoff ATI ist zwar nicht giftig, und er sorgt für Eigenschaften, an denen es alten Getreidesorten mangelt: Resistenzen gegen Schädlinge und ein hoher Ertrag. Schenkt man den Studien jedoch Glauben, liegen viele der angeblichen Glutenunverträglichkeiten ebenfalls in ATI begründet. Solange sich Hochleistungssorten aber nicht am Nutzen für die Gesundheit orientieren, sondern ausschließlich an der Gewinnmaximierung, bleibt den Betroffenen nur der Verzehr glutenfreier Produkte. Oder aber man orientiert sich an ursprünglichen Getreidesorten aus dem Reformhaus - vielleicht würde das vielen Betroffenen schon helfen.

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