Gift im Futter Ein Jahr nach dem Dioxinskandal
Vor einem Jahr tauchten dioxinbelastete Eier auf. Schuld waren gepanschte Futtermittel aus Schleswig-Holstein. Verbraucherministerin Ilse Aigner kündigte damals einen ganzen Katalog von Maßnahmen an. Was hat sich seitdem getan?
Rückblick: Im Januar 2011 wird Dioxin in Futtermitteln einer Firma in Schleswig-Holstein gefunden. Bei „Harles und Jentzsch“ gelangen Industriefette, die nicht für den Verzehr geeignet sind, ins Tierfutter. Das fliegt auf, weil in Eiern erhöhte Dioxinwerte gemessen werden. Zahlreiche Geflügelhöfe werden gesperrt. Verbraucherministerin Ilse Aigner präsentiert einen Aktionsplan.
"Dieser Aktionsplan beinhaltet verschiedene Maßnahmen für mehr Sicherheit bei Futtermitteln. Wir müssen den aktuellen Fall zum Anlass nehmen, gemeinsam mit den Ländern die gesamte Futtermittelkette auf den Prüfstand zu stellen und wir müssen auch die Kontrollmechanismen verbessern."
Ilse Aigner, Bundesverbraucherministerin
Der Aktionsplan
Der Aktionsplan sieht unter anderem vor, dass Industrie- und Futtermittelfette nur mehr in getrennten Anlagen produziert werden dürfen. Labore müssen alle Testergebnisse an die Behörden melden und für die Futtermittelhersteller gelten schärfere Auflagen. Die Futtermittelhersteller müssen in Eigenkontrollen alle Fette testen. Doch was ist mit allen anderen Rohstoffen, die in den Mischfutterwerken verarbeitet werden - sollten die nicht auch untersucht werden? Die Verbraucherorganisation Foodwatch hat in einem eigenen Report Aigners Aktionsplan genauer unter die Lupe genommen und übt Kritik.
"Besonders problematisch ist es, dass die Futtermittelwirtschaft nicht verpflichtet wird lückenlose Qualitätssicherungsmaßnahmen durchzuführen. Das heißt im Fall von Dioxin, für jede Futtermittelkomponente vor dem Verwenden dieser Komponente in sogenannten Mischfuttermitteln Dioxintests durchzuführen, damit jede vermeidbare Menge von Dioxin auch wirklich rausgehalten wird."
Matthias Wolfschmidt, Foodwatch Berlin
Man sollte also alle Futtermittel-Bestandteile testen - zum Beispiel auch Getreide. Dann wäre die Produktionskette lückenlos überwacht. Peter Radewahn vom Deutschen Verband Tiernahrung e.V. meint dazu:
"Das wird relativ schwierig, wir müssen auch bedenken, dass wir Dioxine auch in der Umwelt haben - das heißt in den Böden. Wir müssten eigentlich auch jede Weide und jeden Aufwuchs dann auch auf Dioxin untersuchen. Das dürfte erkennbar relativ schwierig werden."
Peter Radewahn, Deutscher Verband Tiernahrung e.V., Bonn
Selbstkontrollorganisation KAT
Etwa 90 Prozent aller Eierproduzenten in Deutschland haben sich zur Selbstkontrollorganisation KAT zusammengeschlossen. Caspar von der Crone ist der Geschäftsführer. Was hält er vom Aktionsplan der Verbraucherministerin?
"Ja, das ist sehr zu begrüßen, geht uns aber nicht weit genug. Wie gesagt - wir müssen einzelne Risikostoffe noch weiter in die Bewertung reinnehmen und wir müssen einfach wissen: Woher kommt das Futter. Dass wir im Krisenfall nachvollziehen können, woher das Futter stammt."
Caspar von der Crone, KAT e.V., Bonn
Erneuter Dioxin-Fund
Im November 2011 wurde wieder Dioxin gefunden - und zwar in einer Zuckerfabrik in Sachsen-Anhalt. Dass ausgerechnet in Rübenschnitzeln das Gift auftauchen könnte, daran hatte bis dahin noch keiner gedacht. Der Grund: Der Schadstoff entstand bei einer fehlerhaften Trocknung der geraspelten Rüben. 35.000 Tonnen waren betroffen. Das meiste davon war schon verkauft, als das Dioxin bei Eigenkontrollen des Unternehmens gefunden und an die Behörden gemeldet wurde.
Staatliche Kontrollen - ein Kompetenzwirrwarr
Für staatliche Kontrollen in den Betrieben sind die Bundesländer zuständig. In Bayern gibt es zehn amtliche Kontrolleure, die im Monat 233 Proben ziehen. Sie unterstehen merkwürdigerweise nicht dem Gesundheitsministerium, sondern der Regierung von Oberbayern. Sie ist für die Kontrollen im ganzen Freistaat zuständig. In den anderen Bundesländern galten bis vor kurzem noch ganz unterschiedliche Regelungen, wie kontrolliert wird.
Immerhin wurden jetzt die Kriterien für die Futtermittelkontrollen nach den Vorgaben des Bundes vereinheitlicht. Und: Alle Ergebnisse laufen nunmehr zentral in einer Dioxin-Datenbank beim Umweltbundesamt zusammen. Ob das ausreicht, die Futtermittel und damit unsere Lebensmittel wirklich sicher zu machen, wird man sehen müssen.
"Hundertprozentige Sicherheit gibt es natürlich nicht, aber wir müssen versuchen, dass wir das so sicher wie möglich machen. Wir reden heute über Dioxin, morgen sind es andere Giftstoffe. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Analytik immer tiefer geht, und es Dinge gibt, die wir noch nicht wussten. Also müssen wir einfach versuchen die Prozesskette so sicher wie möglich zu gestalten."
Caspar von der Crone, KAT e.V., Bonn
Mit gutem Beispiel voran: ein Geflügelhof in Niederbayern
Seine Hühner legen "garantiert dioxinfreie Eier“ - das verspricht Gerhard Aigner, Besitzer eines Geflügelhofes in Niederbayern. Er ist sich so sicher, weil er das Futter für seine 150.000 Tiere in Freiland- und Bodenhaltung fast komplett selbst anbaut. Das Getreide kommt vom eigenen Acker, lediglich Sojaöl kauft er zu. Er hat sich unabhängig gemacht von der Futtermittelindustrie. Die Kunden wissen das offenbar zu schätzen.
"Wir geben ganz viel Geld aus, dass wir gute Öle nehmen, dass wir gute Futtermittel hernehmen. Das kostet natürlich mehr Geld wie andere Futtermittel, muss man sagen. Und wir haben eigentlich kaum Absatzeinbußen gehabt letztes Jahr, also die Leute sind schon so, dass sie sagen, wir kaufen aus der Region und da, wo man ein bisschen weiß, wo das Ganze herkommt."
Gerhard Aigner, Geflügelhof Aigner, Schönau, Lkr. Rottal-Inn
Nächstes Jahr will Gerhard Aigner sogar Soja selbst anbauen. Dafür hat er in Rumänien 1.200 Hektar Land gepachtet. Dann hat er die Kontrolle über seine Futtermittel komplett in der eigenen Hand.
Weitere Informationen
Geflügelhof Aigner GmbH
Götzing 2
84337 Schönau
Telefon: 0 87 26 / 203
KAT
Verein für kontrollierte alternative Tierhaltungsformen e.V.
Caspar von der Crone
Holbeinstr. 12
53175 Bonn
Telefon: 0228 / 95960- 0
Foodwatch e.V.
Matthias Wolfschmidt
Brunnenstr. 181
10119 Berlin
Telefon: 030 / 240476- 0
Deutscher Verband Tiernahrung e.V.
Peter Radewahn
Beueler Bahnhofsplatz 18
53225 Bonn
Telefon: 0 22 8 / 97 568 - 0
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV)
Pressemitteilung Nr. 271 vom 13.12.11: Die Umsetzung des "Dioxin-Aktionsplans"

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