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Bio und sozial Wie viel Bio ist in Biokleidung?

Ist Biokleidung immer gut? Wir haben eine Unternehmerin in Augsburg besucht, die biosoziale Mode macht. Und uns ein bisschen schlau gemacht, worauf man sonst bei Bio-Labels achten sollte.

Autor: Maike Bandmann Stand: 17.02.2012
Biokleidung | Bild: BR

Eine Visionärin in Augsburg: Sina Trinkwalder möchte mit ihrer Mode auf dem Textilmarkt neue Maßstäbe setzen. Mit schadstoffarmer, regionaler Kleidung, die kompostierbar ist. Mehr Bio gibt es nicht, sagt die Unternehmerin. Tatsächlich gibt es auf dem europäischen Textilmarkt inzwischen hunderte Labels, die Bio versprechen, selbst große Handelsketten wie C&A und H&M sind eingestiegen. Aber Bio ist nicht gleich Bio.

Genau hinschauen

Viele Unternehmen haben mittlerweile Biolabels.

Allein der Blick ins Etikett lohnt sich: Wie viel Biofaser ist eigentlich enthalten? Oft ist nur ein Teil aus biologischem Anbau. Auch das weltweite Öko-Tex-Siegel kann verwirren: Ist die Kleidung nach Öko-Tex Standard 100 geprüft, bedeutet das nicht, dass es sich um biologisch angebaute Textilfasern handelt, oder gar, dass die Arbeitsbedingungen fair waren, sondern dass die Kleidung keine schädlichen chemischen Rückstände enthält. Geprüft wird auf gesetzlich verbotene Substanzen wie krebserregende Farbstoffe, Formaldehyd, Weichmacher, Schwermetalle, Pestizide und andere mehr. Und die Kriterien beziehen sich ausschließlich auf das Endprodukt.

Das Gütezeichen GOTS

GOTS: Die gesamte Produktionskette ist nach Biostandards zertifiziert.

Bei vielen Bio-Labels bezieht sich "Bio" wiederum nur auf den Anbau der verarbeiteten Faser, in der Regel Baumwolle. Was danach mit dem Textil passiert, in der Färberei etwa, ist oft alles andere als ökologisch. Und genauso wenig sozial. Das auf dem internationalen Textilmarkt derzeit umfassendste Siegel ist das Gütezeichen GOTS, Global Organic Textile Standard: Es zertifiziert die gesamte Produktionskette nach Bio-Standards. Soziale Kriterien umfasst es allerdings auch nicht.

Soziale Unternehmerin

Sina Trinkwalder will mehr.

Sina Trinkwalder dagegen sieht Bio ganzheitlich. Vor eineinhalb Jahren hat sie ihr eigenes Modelabel gegründet. Ihr Konzept: Die Textilien werden in Augsburg und Umgebung hergestellt. Und soweit es bisher möglich ist, stammen auch die Bestandteile aus der Region, Biobaumwolle und Bioleinen kommen allerdings noch aus dem Ausland. Irgendwann soll auch jedes Kleidungstück komplett kompostierbar sein. Knöpfe sind deshalb aus Holzharz, Fäden aus unbehandelter Biobaumwolle.

An allem kann man feilen

Jedes Detail soll Bio sein.

Sina Trinkwalders neuester Clou ist die Entwicklung eines formstabilen Schulterpolsters aus heimischem Biohanf. Normalerweise sind Schulterpolster auch in Biokleidung aus Polyester. Und sie hat noch mehr ausgefallene Ideen, um 100 Prozent ökologisch zu produzieren: Für die Fertigung ihrer Jeans ist Sina Trinkwalder ins Augsburger Textilmuseum gegangen. Dort darf sie auf einer modernen Jacquardmaschine arbeiten - und hat so eine Möglichkeit gefunden, in der Region bleiben.

Und die Produktion soll in der Region stattfinden.

Auch der Rohstoff für die Jeans soll regionaler werden: Hanf oder Brennnessel sollen die Biobaumwolle aus der Türkei ersetzen. Doch kann das überhaupt funktionieren? Immer weniger Landwirte sind bereit, Hanf oder andere Faserpflanzen anzubauen, weil Energiepflanzen sehr viel lukrativer sind. Außerdem fehlt oft die Primärverarbeitung von der Pflanze zum textilen Rohstoff, erklärt Textilwissenschaftler Kai Nebel von der Universität Reutlingen.

Arbeitsplätze schaffen

In diesen neuen Produktionsräumen haben 50 Mitarbeiter mehr Platz als bisher.

Gerade mal drei Landwirte kennt Sina Trinkwalder, die hierzulande einen Hanf anbauen, den sie für ihre Textilien auch verwenden kann. Bei Brennnessel wird es noch schwieriger. Es braucht also noch viel Überzeugungsarbeit. Doch die Zeit für Ökotextilien ist reif, glaubt Kai Nebel. Die Verbraucher fragen zunehmend nach, woher die Stoffe kommen. Sina Trinkwalder kann das nur Recht sein: Sie macht nicht nur Biomode aus Stoffen der Region, sondern schafft auch neue Arbeitsplätze in der Region. Noch im Februar zieht sie mit ihrer Produktion in größere Hallen und kann zu ihren zwölf Angestellten noch 50 weitere einstellen.

Sina Trinkwalder und ihre Geschäftsidee wurden schon mehrfach ausgezeichnet. So hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) der Bundesregierung die Augsburger Unternehmerin als "Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2011" ausgezeichnet.

Weitere Informationen

GOTS-Gütezeichen

Global Organic Textile Standard

Rat für Nachhaltige Entwicklung

Dem von der Bundesregierung berufenen Rat für Nachhaltige Entwicklung gehören 15 Personen des öffentlichen Lebens an.

Pressemitteilung, 27.10.2011
Sina Trinkwalder wird "Social Entrepreneur der Nachhaltigkeit 2011"