Angewandte Mathematik Flurbereinigung per Mausklick
Haben Sie schon mal von "Variablen in hochdimensionalen Räumen" gehört? Das ist so etwas, womit sich Mathematiker beschäftigen. Richtig genial wird Forschung aber erst bei praktischer Anwendung: Um Felder zu tauschen etwa.
Vier Kilometer hierhin, fünf Kilometer dorthin: So ging das bis vor einigen Jahren, wenn Michael Türk aus Oberstreu im Landkreis Rhön-Grabfeld mit dem Traktor auf seine Felder wollte. Er musste ständig hin- und herfahren, verbrauchte unnötig Zeit und Sprit, weil seine fünf kleinen Äcker so weit voneinander entfernt lagen. Bis er sie schließlich gegen eine zusammenhängende Fläche eintauschte, die nahe bei seiner Hofstelle liegt.
Großangelegte Tauschaktion
Auch Ludwig Geis, ein Landwirts-Kollege aus Oberstreu hat, wie weitere 21 Landwirte, beim Grundstückstausch in der Gemeinde mitgemacht. Möglich gemacht hat die großangelegte Tauschaktion ein Computerprogramm, das von den Münchner Mathematik-Professoren Dr. Peter Gritzmann von der Technischen Universität und Dr. Andreas Brieden von der Universität der Bundeswehr entwickelt wurde.
Auf einer eingespeicherten Gemeindekarte kann jeder Landwirt testen, was wäre, wenn so oder anders getauscht werden würde. Und der Computer berechnet die Vor- und Nachteile im Hinblick auf Fläche und Bodenqualität.
Der Computer errechnet Ideallösungen
Das Programm basiert auf höchst komplexen mathematischen Formeln. Um zum Beispiel bei 13 Bauern mit 861 Feldern alle Tauschmöglichkeiten zu berechnen, wird es unendlich kompliziert. Zu kompliziert.
"Wenn Sie ein Flurstück zuordnen, haben Sie 13 Möglichkeiten, bei zweien haben sie 13 mal 13 und bei 861 13 hoch 861. Und das ist eine Zahl, die weit, weit größer ist, als die Anzahl der Atome des bekannten Universums, die ist ungefähr zehn hoch 78."
Prof. Dr. Peter Gritzmann, TU München
Und will man sich alle diese Tauschmöglichkeiten berechnen lassen, braucht man entsprechend viel Zeit. Zu viel Zeit.
"Selbst wenn wir zum Zeitpunkt des Urknalls angefangen hätten, hätten wir heute noch nicht mal ein Tausendstel aller Möglichkeiten dieser vielen Kombinationen überprüft."
Prof. Dr. Andreas Brieden, Universität der Bundeswehr München
Das Programm berechnet deshalb einen Idealvorschlag. Meistens wollen die Landwirte ohnehin selbst kreativ werden. Sie können nach ihren eigenen Vorstellungen Tauschvorschläge machen, Flächen abgeben, per Mausklick neue hinzufügen. Am Schluss sollte kein Bauer mehr als ein Prozent Gewinn oder Verlust gemacht haben. Dann passt es. Für ein Dorf können sich so Einsparungen von mehreren zehntausend Euro ergeben.
Umweltverträgliche Lösung
Der Tausch in Oberstreu fand schon 2006 statt. Die Landwirte in Oberstreu sind zufrieden. Ebenso die Umweltschützer: Zusammengelegt werden ausschließlich Felder, die nur durch eine Furche getrennt sind. Feldwege, Hecken und Bäume bleiben also erhalten, das Landschaftsbild verändert sich kaum. Im Gegensatz zur klassischen Flurbereinigung sind die Grundstückswechsel vorläufig auf zehn Jahre festgelegt. Sie werden auch nicht im Grundbuch eingetragen. Das vermindert die Kosten.
Spielerischer Erfolg
Die Tauschbörse im Ort war nicht nur erfolgreich, sondern auch ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Eine Art Spiel, bei dem alle gewinnen. Wenn nach den zehn Jahren die Verträge auslaufen, wollen die Oberstreuer jedenfalls weiter tauschen. Und dann möchten auch Landwirte mitmachen, die beim ersten Mal noch nicht dabei sein wollten.

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