Charta Landwirtschaft Ilse Aigners Tierschutzpläne
Fleisch wollen wir haben, und das am liebsten jeden Tag. Den Tieren soll es dabei trotzdem gut gehen, aber tut es das? Ilse Aigner hat in der "Charta Landwirtschaft und Verbraucher" ihre Tierschutzziele vorgestellt.
25 Millionen Ferkel werden in Deutschland jedes Jahr kastriert. Für den schmerzhaften Eingriff gibt es einen praktischen Grund: Männliche Mastschweine können mit Einsetzen der Geschlechtsreife in ihrem Fleisch einen sehr unangenehmen Geruch entwickeln. Der verbreitet sich erst mit der Zubereitung und macht das Fleisch genussuntauglich.
Betäubungslose Ferkelkastration verbieten
Seit Jahrzehnten prangern Kritiker und Tierschützer die Ferkelkastration an. Heute ist wissenschaftlich erwiesen, dass sie anhaltende Wundschmerzen verursacht. Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner will das nicht mehr zulassen: Die betäubungslose Kastration soll ab 2017 verboten werden. Schon jetzt werden die Tiere entsprechend einer freiwilligen Selbstverpflichtung der europäischen Bauern, Vertretern aus der Fleischindustrie, Händlern, Wissenschaftlern, Tierärzten und Tierschutzorganisationen nur noch unter Betäubung oder unter der Gabe von Schmerzmitteln kastriert. Ab 2018 soll die Kastration EU-weit beendet sein. In einigen EU-Ländern werden schon jetzt Eber gemästet. Doch die Ferkelkastration ist längst nicht das einzige Tierschutzproblem unserer modernen Haltungsformen.
Weitere Eingriffe ins Tier
Kaum sind sie auf der Welt, wird Mastschweinen standardmäßig der Ringelschwanz kupiert. Man will das gegenseitige Schwanzbeißen verhindern, eine Verhaltenstörung, die vor allem in der konventionellen Mast auftritt und als Zeichen für mangelndes Wohlbefinden gilt. Die Schweine beißen den Schwanz eines Artgenossen an und knabbern sich nicht selten hoch bis zur Wirbelsäule.
Schwänze kupieren
Die Schwänze kupieren darf der Landwirt nur mit einer Ausnahmegenehmigung eines Tierarztes. Die sollte eigentlich nur im Einzelfall erteilt werden. Tatsächlich ist der Eingriff gängige Routine. Denn Stroh zum Knabbern und Wühlen, das als wirkungsvollste Methode gilt, das Schwanzbeißen einzudämmen, gibt es in der konventionellen Mast schon lange nicht mehr. Anders in der ökologischen Schweinehaltung: Hier ist Stroh vorgeschrieben. Und es ist verboten, den Schweinen die Ringelschwänze abzuschneiden. Schwanzbeißen tritt hier nur selten auf.
"Das Kupieren der Schwänze ist eingeführt worden, weil es die Verhaltensstörung Schwanzbeißen, Kannibalismus gibt. Und dieser Kannibalismus ist auch ein Anzeichen für etwas. Nicht nur das Tier, das bebissen wird, sondern gerade das Tier, das den Zwang hat zu beißen in diesen kümmerlichen Haltungsbedingungen, das leidet ja auch. Im Grunde ist das Schwanzbeißen ein Indikator für mangelndes Wohlbefinden: Man geht vor in der klaren Logik, wo kein Schwanz ist, da kann auch kein Schwanz abgebissen werden. Aber wir nehmen uns die Möglichkeit zu erkennen, wann es dem Schwein nicht gut geht."
Prof. Dr. Dr. Hans Hinrich Sambraus, Verhaltensforscher, München
In Schweden, Finnland und in der Schweiz ist das Kupieren von Schweineschwänzen schon seit Jahren verboten. Ilse Aigner will dazu "Maßnahmen definieren, wenn entsprechende Alternativen vorhanden sind", heißt es in der Charta.
Schnäbel kupieren
Sie sind kaum geschlüpft, da werden sie schon verstümmelt. Angehende Legehennen haben in der engen Intensivhaltung mit ihrem Schnabel nicht viel zu Picken - außer die Artgenossin. Deshalb soll der Schnabel nur noch lang genug sein, um Futter und Wasser aufnehmen zu können. Ilse Aigner will auch das schmerzhafte Kupieren der Hühnerschnäbel verbieten.
"Ich bin über diese Forderung sehr erstaunt, denn im Grunde ist so etwas im Tierschutzgesetz schon seit langer Zeit vorgesehen, es gibt Ausnahmeregelungen, aber gerade beim Kupieren der Schnäbel bei Hühnern steht seit langer Zeit fest, dass das eine höchst schmerzhafte Angelegenheit für die Tiere ist. Das ist überfällig, dass das verboten wird."
Hans Hinrich Sambraus
Tiere zu manipulieren, damit sie in die modernen Haltungssysteme passen, verstößt auch gegen das deutsche Tierschutzgesetz: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen und Leiden oder Schaden zufügen."
Haltungsbedingungen anpassen, nicht umgekehrt
Unsere intelligentesten und sensibelsten Nutztiere leiden aber bereits, wenn sie nicht artgerecht gehalten werden: Schweine zeigen mehr als hundert Verhaltensweisen, die wir vom Wildschwein kennen. Verhaltensweisen, die sie in unseren Haltungsbedingungen nicht zeigen können, sagt Verhaltensforscher Prof. Dr. Dr. Hans Hinrich Sambraus, München.
Zuchtsauen zum Beispiel, die dazu da sind, möglichst viele Ferkel auf die Welt zu bringen, leben meist in einem Käfig. Gerade mal einen Schritt nach vorne und einen nach hinten können sie darin tun. Und wenn ihnen während ihrer Trächtigkeit ein wenig Platz zum Herumlaufen angeboten wird, dann meist auf Beton-Spaltenboden. Die Tiere können darauf nicht sicher laufen und ziehen sich häufig schmerzhafte Verletzungen zu. Oft zeigen sie Verhaltensstörungen wie Leerkauen.
"Stangenbeißen, Leerkauen sind auch Formen der Erregung. Es kommt hinzu, dass die Sauen nur zwei Mal am Tag einige Kilo Futter bekommen, die sie in sieben Minuten aufgefressen haben, dann müssen sie wieder zwölf Stunden warten, in denen sie nichts machen können - die Langeweile ist ein großes Problem."
Hans Hinrich Sambraus
Reicht es, einzelne Maßnahmen zu verbieten? Mehr Tierschutz wäre einfach: Zum Beispiel Schweinen eine artgemäße Umgebung zu bieten. Tiere, die sich wohl fühlen, zeigen keine Verhaltensstörungen und müssen auch nicht zurecht gestutzt werden.

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